Zanna hob ihre Kerze ein Stückchen höher und suchte den Korridor nach dem dunkleren Schatten der nächsten Tür ab. Die alten Archive unterhalb der Bibliothek waren mit Nischen durchsetzt, mit Alkoven und Kammern jeder Größe; einige waren so geräumig, daß das Kerzenlicht der Flüchtlinge sie nicht mal ganz zu erhellen vermochte, und andere wiederum so klein, daß Vannor und seine Tochter zwischen den uralten Büchern und den verstaubten Regalen voller verfallender Pergamentrollen kaum Platz fanden. Letztere waren Zanna allerdings weitaus lieber. Sie mochten zwar überfüllt und unbequem sein und äußerste Vorsicht mit der Kerze erfordern, damit die Papiere nicht in Brand gerieten, aber sie waren wärmer, weniger zugig und schienen außerdem viel sicherer zu sein. Sie bereitete sich keine Sorgen darüber, was hinter dem kleinen, sicheren Kreis ihrer flackernden Kerze verborgen sein mochte. Sie hatte mit angehört, wie Eliseth sich darüber beklagte, daß Finbarr, der frühere Archivar, zwar mit Hilfe von Zaubersprüchen dafür gesorgt hatte, daß keine Ratten, Küchenschaben und ähnliches Getier hier eindringen konnten, daß aber die Magie jetzt langsam nachließ, weil sich niemand mehr darum kümmerte, sie aufrechtzuerhalten. Aber es war nicht der Gedanke an kleine Tiere, der Zanna angst machte. Was sie umtrieb, war vielmehr die unerschütterliche Überzeugung, daß außer ihr und ihrem Vater noch irgend etwas hier unten war. Etwas Unsichtbares, Unbekanntes, aber doch unaussprechlich Böses.
»Ach, um Himmels willen«, murmelte Zanna bei sich. »Stell dich nicht so an. Wenn du deine Phantasie mit dir durchgehen läßt, kriegen wir ganz bestimmt Schwierigkeiten.« Statt dessen legte sie einen Arm um ihren Vater und führte ihn zu dem nächsten dunklen Eingang, der von dem Tunnel abzweigte.
Zu Zannas Ärger stellte sich heraus, daß die dunkle Öffnung ein Alkoven war und nicht der erhoffte Eingang zu einem Zimmer. Mit einem von Vannors deftigsten Flüchen auf den Lippen drehte sie sich um und wollte gerade wieder in den Tunnel zurückkehren, als das Licht ihrer Kerze zufällig auf einen funkelnden Gegenstand am Boden fiel – das stumpfe, kalte Leuchten dunklen, verrosteten Eisens. Sie gab Vannor ihren Korb und ließ ihn für einen Augenblick im Tunnel allein, wo er sich an die Mauer lehnen konnte, während sie versuchte, der Sache auf den Grund zu gehen – und um ein Haar drei tiefe Stufen hinuntergestürzt wäre. Auf dem Boden in der Ecke des Alkovens – nicht mitten in der Wand, wo Zanna sie erwartet hätte – befand sich eine schmale Holztür.
Sie war natürlich verschlossen. Angesichts der Tatsache, daß dieser Eingang offensichtlich ein Geheimnis war, hatte Zanna nichts anderes erwartet. Trotzdem erzürnte es sie. Weil ihr der Zugang zu dem dahinterliegenden Raum verwehrt war, hatte sie das Gefühl, unbedingt sehen zu müssen, was darin verborgen war – und es kam ihr keinen Augenblick lang in den Sinn, daß eine Tür an diesem tief unter der Erde liegenden Tunnel möglicherweise aus einem guten Grund verschlossen war: Um Dinge fernzuhalten – und andere Dinge festzuhalten. Sie wußte, daß es unvernünftig war, aber plötzlich stand diese verschlossene Tür für all die anderen Demütigungen, Schmähungen und Beleidigungen, die sie von den Magusch erlitten hatte, seit sie in die Akademie gekommen war. Die Tür war ein Symbol der Macht, ein Symbol für das, was diese Leute ihrem Vater angetan hatten und für alles, was sie Zannas Rasse verweigert hatten. Sie suchte sich einen sicheren Halt für ihre Füße, legte ihre Schulter an die Tür und versetzte ihr einen kräftigen Stoß. Niemand hätte überraschter sein können als sie selbst, als die Tür unverzüglich mit einem protestierenden Knarren nachgab und Zanna Hals über Kopf in die Dunkelheit dahinter stürzte.
Die Kerze ging natürlich aus. Sie fiel ihr aus der Hand, erlosch und rollte weg. Zanna blieb liegen, erschrocken, mit blauen Flecken am ganzen Körper und atemlos. An die Stelle ihres gerechten Zorns trat plötzlich eisige Angst. Was hatte sie da getan?
Aber nach den Ereignissen dieser Nacht entdeckte sie eine Zähigkeit an sich, von der sie bisher nichts gewußt hatte. Mach dich nicht lächerlich, sagte sie sich. Wie viele verschlossene und vergessene Kammern mußte es in diesem altertümlichen Labyrinth unter der Akademie wohl geben? Das Schloß war alt – es war eingerostet und halb verrottet, das war alles, und selbst ihre geringe Kraft hatte ausgereicht, um es zu sprengen. Außerdem mußte sie praktisch denken. Es war ein Raum, in dem sie sich ausruhen konnten.
»Zanna?« Es war die quengelnde Stimme eines alten Mannes, und das entsetzte sie noch mehr als ihr Sturz in der Dunkelheit. Ihr Vater war immer so energisch gewesen. Sie hatte nie darüber nachgedacht, daß er eines Tages alt werden würde …
»Keine Angst – ich bin hier. Ich habe eine Treppenstufe übersehen, das ist alles.« Zanna erhob sich mühsam, hatte aber keine Vorstellung davon, in welche Richtung sie gehen mußte. Die Dunkelheit war absolut undurchdringlich. Sie war froh, daß sie sich um Vannor kümmern mußte, sonst hätte ihr die schleichende Angst, die in ihr aufstieg und sie zu überwältigen drohte, wahrscheinlich den Verstand geraubt. Es lag ihr auf der Zunge, ihn darum zu bitten, eine neue Kerze anzuzünden, aber dann fiel ihr wieder ein, daß ihm das mit seiner verletzten Hand unmöglich war. Zanna holte tief Luft. »Vater. Ich bin in Ordnung, aber ich habe die Kerze verloren. Könntest du bitte weiterreden oder rufen, um mich zu dir zurückzuleiten?«
»Natürlich kann ich das tun, Kleines.« Zu ihrer Erleichterung klang er jetzt schon wieder mehr wie der unverwüstliche Mann, der er einst gewesen war. »Hab keine Angst. Folge einfach dem Klang meiner Stimme …« Obwohl man aus seinen Worten die Anstrengung heraushören konnte, die es ihn kostete, den Schmerz in seiner verwundeten Hand zu unterdrücken, riß sich Vannor jetzt um seiner Tochter willen zusammen. Zanna spürte, daß ihr Vater plötzlich wieder ein wenig mehr Zutrauen zu sich selbst gefaßt hatte, und war überglücklich.
»Habe ich dir eigentlich jemals erzählt, wie ich Leynard kennengelernt und mein ursprüngliches Abkommen mit den Nachtfahrern getroffen habe? Das war so …«
Zu jeder anderen Zeit hätte die Geschichte ihres Vaters Zanna ganz und gar in den Bann gezogen. Jetzt galt ihre alleinige Aufmerksamkeit Vannors Stimme selbst. Sie hoffte aus vollem Herzen, daß sie die Richtung, aus der die Stimme zu ihr drang, richtig einschätzte, und stolperte immer weiter, wobei ihre Hände blind ihre Umgebung abtasteten. Es war nicht leicht. Zuerst beging sie mehrere Fehler, bis die immer leiser werdenden Worte bewiesen, daß sie in die falsche Richtung gegangen war. Nach einer Weile schien ihr Gehör jedoch, dadurch daß sie nichts sehen konnte, auf unnatürliche Weise schärfer zu werden. Auch andere Sinne kamen jetzt stärker zur Geltung als sonst: Sie spürte die kalte Liebkosung der Zugluft, die durch die offene Tür auf ihre Haut drang, und den metallischen Geruch des Blutes von der Hand ihres Vaters.
»Und da standen wir nun, alle piekfein angezogen für das Wintersonnwendfest – bis auf Forral und die Lady Aurian, die – ob du’s glaubst oder nicht – sogar an diesem Festtag ihr Schwerttraining absolviert hatten! Wirklich zwei komische Vögel. Na ja, deiner Stiefmutter gefiel das Ganze überhaupt nicht, das kann ich dir sagen – und als einer der Soldaten an die Tür kam und sagte, sie hätten einen Flüchtling eingefangen …«