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Zanna hörte nur mit halbem Ohr zu. Sie kannte diese Geschichte noch nicht – und sie betraf Aurian. Aber im Augenblick diente sie ihr nur als Leitstrahl, der sie in Sicherheit bringen sollte.

»Der arme Junge – sie bezeichneten ihn zwar als Knecht, aber das Wort Sklave hätte besser gepaßt. Die Lady Aurian hat ihn jedenfalls beschützt und in ihre Obhut genommen und später dann auch in ihren Dienst – was sich am Ende übrigens wirklich ausgezahlt hat, da Anvar sie rettete, als …«

Zanna fluchte, als sie über eine Stufe stolperte, sich ihre ohnehin schon aufgeschürften Hände aufriß und sich außerdem eine schmerzhafte Wunde am Knie zuzog. »Vater?« rief sie.

»Ich bin hier, Kleines.« Seine Stimme war tröstlich nah, genauso wie die Hand, die eine Sekunde später nach ihr griff.

Zanna wagte nicht, ihre Erleichterung zu zeigen, damit er nicht herausfand, welche Angst sie zuvor ausgestanden hatte. »Kannst du mir den Korb geben?« fragte sie Vannor. Sobald sie diesen in der Hand hielt, tastete sie nach einer neuen Kerze und dann nach der Schachtel mit den Zündhölzern. Endlose Minuten schienen zu vergehen, bis sie es schaffte, die Kerze zu entzünden, nur um anschließend herauszufinden, daß sie ihr nicht viel helfen würde, da sie sich mittlerweile in einen anderen, größeren Raum verirrt hatten. Doch allein die Tatsache, wieder etwas sehen zu können, war schon ein Trost.

»Komm, Vater – wir werden uns jetzt etwas ausruhen.« Zanna führte ihren Vater die Stufen hinunter und hinein in den Raum, der von ihren Stimmen widerhallte. Sie führte ihn nur ein paar Schritte weit, so daß er vor der Zugluft im Eingang sicher, demselben jedoch noch nahe genug war, um im Ernstfall schnell fliehen zu können. Dann sorgte sie dafür, daß er sich auf den Boden setzte und mit dem Rücken an die Wand lehnte.

Vannor seufzte. »So ist es schon besser«, murmelte er. Er griff nach der Flasche, die sie ihm hingehalten hatte, und nahm einen Schluck Wasser, während Zanna den Korb durchstöberte, um etwas Brot und Käse für ihn zu suchen. Als sie sich ihm wieder zuwandte, war er jedoch bereits fest eingeschlafen.

Ganz sanft entwand Zanna die Flasche seiner schlaffen Hand. Dann nahm sie selbst einen Schluck, knabberte hungrig an einem kleinen Stück Brot und ließ sich schließlich auf den Boden nieder, um über den schlummernden Kaufmann zu wachen.

Es erwies sich als überraschend einsam, die einzige Wächterin in der Dunkelheit zu sein, aber trotz ihrer Erschöpfung hatte Zanna das Gefühl, daß jemand Wache halten mußte. Außerdem hätte die seltsam beunruhigende Atmosphäre der einsamen Katakomben es ihr ohnehin unmöglich gemacht, zu schlafen. Wenn sie sich doch nur von dem Gefühl befreien könnte, nicht allein zu sein, von dem Gefühl, daß irgend jemand – oder irgend etwas – in der Dunkelheit auf sie und ihren Vater lauerte!

»Nun, was es auch ist, ich hoffe, es weiß, wie man hier rauskommt«, murmelte sie energisch und versuchte mit Hilfe ihres gesunden Menschenverstandes neuen Mut zu finden. »Denn wir brauchen alle Hilfe, die wir kriegen können.«

Es hatte keinen Sinn. Mit der Zeit wurde das Gefühl in ihr immer stärker, bis der Gedanke schließlich unerträglich wurde, herumzusitzen und darauf zu warten, daß irgendein namenloses Etwas über sie herfiel. Und um die Dinge noch zu verschlimmern, bereitete ihr der unwiderstehliche Drang, sich zu erleichtern, wachsendes Unbehagen. Verdammt, dachte Zanna, und wünschte, sie hätte das Wasser nicht getrunken. Das mußte natürlich ausgerechnet jetzt passieren! Wo konnte sie hingehen? Es schien ihr ein unverzeihliches Sakrileg zu sein, einen Raum voller alter und wahrscheinlich unbezahlbar kostbarer Bücher für diesen Zweck zu mißbrauchen. Aber andererseits schied es absolut aus, in den zugigen, offenen Korridor hinauszugehen, wo ihr Vater sie nicht sehen konnte. Sie mußte irgendeine Ecke finden, dachte sie, und versuchen, möglichst wenig Schaden anzurichten.

Also nahm sie noch eine Kerze aus dem schnell dahinschwindenden Vorrat in ihrem Korb, zündete sie an und stellte sie dann auf den nackten Stein zu Vannors Füßen. Geleitet von diesem dürftigen Lichtschimmer, der sie später wieder in Sicherheit bringen sollte, setzte sich Zanna in Bewegung. Unsicher tastete sie sich an der Wand des Raumes entlang und war noch nicht weit gelangt, als sie ihren voreiligen Entschluß auch schon bedauerte. Die riesige, von Echos widerhallende Dunkelheit lastete auf ihr und erschreckte sie ein ums andere Mal, bis ihre Nerven flatterten. Da war es wieder, dieses leise Rascheln und Scharren außerhalb der Reichweite ihrer kleinen Flamme … Einmal stolperte sie über einen unordentlichen Stapel Bücher und hätte fast ihre Kerze verloren.

Das reicht jetzt, sagte sich Zanna. Es war ohnehin eine törichte Idee gewesen, hier durch die Dunkelheit zu irren, wo sie sich eigentlich ausruhen und sich um ihren Vater kümmern sollte. Und dann kam ihr plötzlich ein entsetzlicher Gedanke. Was wäre, wenn sich in ihrer Abwesenheit irgendein entsetzliches Etwas an ihren schlafenden Vater herangeschlichen hatte? Sie warf einen Blick zurück über die Schulter und konnte den zarten Lichtschimmer seiner Kerze erspähen, so daß sie sich ein wenig beruhigte. Dennoch hatte sie ihn jetzt lange genug allein gelassen. Hastig suchte sie sich eine geeignete Stelle, wo die Wand scharf abbog und in einen anderen Alkoven führte, in dem keine Bücher zu liegen schienen. Dann hockte sie sich schnell auf den Boden, um sich zu erleichtern. Als sie wieder aufstand, drehte sie sich halb um – und das Licht ihrer Kerze fiel in den dunklen Tiefen des Alkoven auf die große, dünne Gestalt eines Mannes, der direkt vor ihr stand. Sein Gesicht war eine verzerrte Maske des Entsetzens, und in seinen glasigen Augen spiegelte sich die flackernde Flamme ihrer Kerze wider.

Die beiden Magusch und ihre Gefährten wichen vor der erstickenden Staubwolke zurück, die zu ihnen heraufdrang und suchten Zuflucht in den oberen Kammern des Turms. Dort verweilten sie kurz. Einige von ihnen setzten sich auf den Boden, andere lehnten sich erschöpft an die Wand; sie alle waren noch ganz außer Atem von dem Entsetzen und den Anstrengungen des Kampfes. Obwohl niemand von ihnen ernsthaft verwundet worden war, war keiner völlig unbeschadet aus der Schlacht hervorgegangen. Nach ein paar Sekunden holte Iscalda eine Wasserflasche aus einer der Satteltaschen und begann, ein altes Hemd in Streifen zu reißen, denn es lag auf der Hand, daß die Magusch im Augenblick zu erschöpft war, um ihre Gefährten mit Hilfe ihrer Magie zu heilen. Aurian und Anvar, die einzigen, die bisher von Bohans Tod wußten, klammerten sich für eine Weile aneinander, teilten ihre Erleichterung darüber, daß der andere in Sicherheit war, und gleichzeitig ihren Schmerz über den Tod ihres Freundes. Viel zu früh hob Aurian den Kopf von Anvars Schulter.

»Verzeih mir, Basileus«, hörte er sie zu dem Moldan sagen. »Ich hoffe, ich habe dir nicht allzu weh getan, aber ich hatte keine andere Wahl.«

»Ich verstehe.« Die Stimme des Elementarwesens klang düster. »Es war keine große Verletzung für ein Wesen von meinen gewaltigen Ausmaßen – aber doch eine unwillkommene Erinnerung an die Kräfte, über die deine Rasse verfügen kann. In eben diesem Augenblick schlagen die Xandim an einer anderen Stelle auf meine Knochen ein, um sich einen Weg zu euch zu bahnen, aber dafür mache ich nur diese Männer verantwortlich, nicht euch. Trotzdem glaube ich, daß ihr Zauberer jetzt besser von hier weggeht – um unser aller Willen.«

»Es tut mir leid.« Aurian seufzte. »Du hast recht.« Dann spürte Anvar, wie sie sich in Gedanken Shia zuwandte.

Aurian brauchte ihren ganzen Mut, um die Frage zu stellen, denn sie fürchtete, daß sie die Antwort bereits kannte. »Shia – was ist mit Wolf? Er ist doch nicht …?«

»Nein. Er ist in Sicherheit. Khanu bringt das Junge und die beiden Wölfe, die es beschützen, zu Chiamhs Turm.«