Eine schwindelerregende Woge der Erleichterung überflutete Aurian. Sie fühlte sich fast ein wenig schuldig, weil sie trotz Bohans Tod solches Glück empfinden konnte.
»Was ist Bohan passiert?« fragte sie leise.
»Er ist abgestürzt.« Die Gedankenstimme der Katze klang belegt vor Kummer. »Ich glaube, der Felsvorsprung hat unter seinem Gewicht nachgegeben. Ich habe versucht, ihn zu retten, aber …« Ihre Gefühle überwältigten sie, und sie konnte nicht weitersprechen.
»Und ich habe ihn dort hinausgeschickt.« Obwohl sie diesmal laut sprach, war die Stimme der Magusch kaum mehr als ein Flüstern. Plötzlich keuchte sie, fluchte und löste sich ruckartig aus Anvars Umarmung, um ans Fenster zu stürzen. »Shia – was ist mit dem Felsvorsprung?«
»Ein ganzes Stück weit weggebrochen – genau wie eure Brücke. Ihr werdet auf diesem Weg nicht entkommen können.«
Aurian stellte fest, daß ihre Gefährten sich mittlerweile um sie geschart hatten und ebenfalls aus dem Fenster spähten.
»Wir haben versucht, es euch zu erklären«, sagte Iscalda jetzt. »Die Bretter waren nicht mehr da …«
Die anderen bedrängten die Magusch jetzt so sehr, daß sie plötzlich in Panik geriet. Sie sah sich schon selbst in die Tiefe stürzen. »Zurück!« rief sie und riß sich von dem Anblick des schrecklichen Abgrundes los; sie zitterte bei dem Gedanken an Bohans tödlichen Sturz auf die Felsen unter ihnen. Nur mit größter Mühe konnte sie ihre Gedanken von dem grauenhaften Ereignis abwenden. Sie mußte sich jetzt darauf konzentrieren, wie sie die augenblickliche Gefahr überwinden konnten.
»Jeder nimmt mit, was er braucht«, befahl sie. Dann lief sie hinüber zu ihrem Bett und den Gepäckstücken, die daneben lagen, schob sich den Stab der Erde in den Gürtel und durchstöberte eine der Taschen nach der Pfeife, mit der man die Himmelsleute herbeirufen konnte.
»Hier – nimm meine.« Anvar, der sich die Harfe nun wieder sicher auf seine Schultern geschnallt hatte, war ihr einen Schritt voraus.
»Gib du ihnen das Signal.« Aurian wollte sich nicht noch einmal aus diesem Fenster beugen, nicht, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ. Als sie den Inhalt der Tasche wieder zurückstopfte, hörte sie den ersten schrillen Pfiff durch die Dunkelheit hallen. Sie konnte nur hoffen, daß sich diese verflixten Geflügelten ausnahmsweise einmal beeilten. »Wieviel Zeit haben wir noch?« fragte sie Basileus.
»Genug – wenn ihr schnell seid.«
»Das ist ja ein toller Trost«, murmelte die Magusch gereizt, achtete aber gleichzeitig darauf, ihre Gedanken vor Basileus abzuschirmen.
»Gibt es denn nichts, womit ich euch helfen könnte?« drang Shias Stimme in Aurians Gedanken. »Es ist ein weiter Sprung in der Dunkelheit, aber ich glaube, ich könnte es zum Fenster schaffen …«
»Nein! Laß das!« Aurian konnte den Gedanken nicht ertragen, noch einen Freund an die grausam scharfen Steine auf dem Boden der Schlucht zu verlieren. »Keine Angst – die Himmelsleute kommen.«
»Da mußt du aber Glück haben.« Shias Gedankenstimme klang mürrisch und abfällig. »Ich bin in jenem Augenblick zwar gerade um mein Leben gelaufen, aber ich habe eindeutig gesehen, wie diese gefiederten Verräter weggeflogen sind, als die Xandim angriffen.«
»Was?« Aurian stieß einen so derben Fluch aus, daß sogar Parric überrascht die Augenbrauen hob.
»Was ist denn jetzt schon wieder los?« fragte er.
»Die verdammten Himmelsleute haben uns im Stich gelassen«, brauste Aurian auf.
Parric warf ihr einen wissenden Blick zu, und sie hätte ihn am liebsten auf der Stelle erwürgt. »Nun sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt, nach allem, was du neulich erzählt hast. Man muß wissen, wie man die Leute behandeln muß, wenn man ein echter Führer sein will. Du kannst nicht einfach …«
»Das ist wirklich ein kluger Rat, Parric, vor allem da er von dem Mann kommt, der die Xandim so wunderbar zu behandeln wußte, daß sie uns angegriffen haben«, erwiderte die Magusch. Wutschnaubend kehrte sie ihm den Rücken zu und ging zu Anvar ans Fenster. Das Schlimme war, daß sie wußte, daß der Kavalleriehauptmann recht hatte. Ohne Rabe, die ihnen gebieten konnte, hatten sich die geflügelten Begleiter, die die Königin den Magusch mitgegeben hatte, in wachsendem Maße als störrisch und aufsässig erwiesen; und je weiter sie sich von ihrem Heim in den Bergen entfernten, um so offensichtlicher hatte es ihnen widerstrebt, ihre Pflicht zu tun. Trotzdem war dieser feige Verrat, gerade in dem Augenblick, in dem sie sie am dringendsten brauchten, ein schwerer Schlag für Aurians Pläne. Jetzt bereute sie die vernichtenden Worte, die sie am Tag nach Wolfs Entführung zu ihnen gesagt hatte, bitter. Damals hatte die mangelnde Hilfsbereitschaft der Geflügelten Aurian so erzürnt, daß ihr Temperament mit ihr durchgegangen war. Aber obwohl die Geflügelten rastlos und alles andere als bußfertig wirkten, hatte Aurian doch geglaubt, die Sache mit der Zeit wiedergutmachen zu können. Unglücklicherweise hatte sie durch Elewins Tod und den Angriff der Xandim genau diese Zeit nicht gehabt.
»Was sollen wir jetzt tun?« fragte Iscalda. Das rußverschmierte Gesicht der Xandimfrau hatte das bleiche, starre Aussehen eines Menschen, der am Ende seiner Kraft angelangt war.
Zum Glück für Aurian, die keine Antwort bereit hatte, sprang Schiannath in die Bresche. »Wenn es zum Schlimmsten kommt, werden wir kämpfen.« Er zog sein Schwert und trat neben die Magusch. Sein Mut und die tröstliche Berührung seiner Hand auf ihrer Schulter munterten Aurian etwas auf, aber was für ein schrecklicher Gedanke – es wäre so sinnlos, wenn sie hier in diesem fremden Land wie gefangene Ratten sterben würden!
»Also dann stirb eben nicht«, murmelte sie bei sich. »Es muß einfach einen Ausweg geben.«
Auch Anvar gab nicht auf. Er beugte sich immer noch aus dem Fenster und blies mit aller Kraft, die seine Lungen hergaben, auf der Pfeife. »Kommt schon, ihr mißgestalteten, gefiederten Ungeheuer«, hörte sie ihn zwischen zwei Pfiffen keuchen.
»Beeilt euch lieber.« Die Stimme des Moldan drang so hart wie Eisen in ihre Gedanken. »Sie haben sich den Weg ins Treppenhausfreigekämpft. Sie brauchen nur noch die Trümmer von deinem Steinschlag wegzuschaffen …«
»Ach?« erwiderte Aurian grimmig. »Nun, ich hoffe, du hast noch viele Steine übrig, Basileus, denn wenn sie mit diesem Steinschlag fertig sind, kann ich ihnen leicht mit einem weiteren dienen.«
»Zauberin, ich warne dich – ich werde dir nicht erlauben, mich noch einmal zu verletzen.« Es war das erste Mal, daß sie den Moldan so wütend erlebte.
»Du hast doch gesagt, es würde dir nicht sehr weh tun – und du weißt, daß ich dir niemals weh tun würde, wenn ich eine andere Wahl hätte«, erwiderte Aurian. Aber noch während sie ihn um Verständnis bat, eilte sie auch schon energisch auf die Tür zu.
Anvars Triumphschrei ließ sie jedoch abrupt stehenbleiben. »Aurian – da sind sie. Da sind sie!«
Die Magusch rannte zurück zum Fenster, wo die schweren Vorhänge jetzt nach innen geweht wurden, und die Luft vibrierte unter dem gewaltigen Donnerschlag großer Schwingen. Von überwältigender Erleichterung erfüllt, nahm Aurian ihren Seelengefährten in die Arme. »Gut gemacht, Anvar. Wenn du nicht so beharrlich gewesen wärest … Und jetzt schnell, alle wie ihr da seid. Wir müssen hier raus und dürfen keine Zeit verlieren …«
»Das dürfen wir wirklich nicht, wenn ihr wollt, daß wir euch bei eurer Flucht helfen. Wir sind nur noch zu zweit – die anderen sind nach Aerillia zurückgeflogen.«
Aurian drehte sich um und sah die Gestalt eines geflügelten Kriegers, der waghalsig auf dem Fenstersims kauerte. Hinter ihm schwebte eine weitere Gestalt – aber nur eine einzige. Aurian spürte ein flaues Gefühl im Magen. Wenn sie sich beeilten, hatten sie vielleicht gerade noch genug Zeit – sofern man diesen Geflügelten noch trauen konnte. »Ich bin euch unendlich dankbar für eure Loyalität«, sagte sie zu dem geflügelten Mann. »Aber warum …?«