»Und er war dein Freund«, erwiderte Aurian. »Ich weiß, wie nah du ihm gestanden hast. Er war auch mein Freund, Shia, und sobald wir die Gelegenheit dazu haben, werden wir um ihn trauern, wie es sich gehört.« Jetzt jedoch machte Anvar ihr größere Sorgen. Für Bohan konnte sie nichts mehr tun, aber solange sie hoffen durfte, daß ihr Seelengefährte noch lebte …
Und er lebte tatsächlich noch. Da sie so mit Shia beschäftigt gewesen war, war ihr das erste ferne Dröhnen von großen Flügeln entgangen, aber jetzt konnte Aurian es hören, und sie konnte auch den schwarzen Punkt sehen, der sich von Norden am Himmel näherte. Kurze Zeit später ließen die beiden Geflügelten Anvar direkt vor ihr fallen. Er sah bleich und müde aus, war aber unverletzt und eindeutig lebendig. Dank sei den Göttern, dachte Aurian, während sie sich aus der Umarmung der Katze befreite und sich mit der gleichen Heftigkeit auf Anvar stürzte, mit der sich vorher Shia auf sie gestürzt hatte. »Du bist hier!« Sie wußte, wie lächerlich das klingen mußte, aber das war ihr egal. »Du bist gesund!« Sie ließ Anvar los und sah ihn prüfend an. »Es ist doch alles in Ordnung mit dir, oder? Die Xandim sind nicht durchgekommen?«
»Nein – aber sie waren kurz davor.« Dann ging Anvars angespannte Miene in ein Grinsen über. »Die Gesichter würde ich gerne sehen, wenn diese Meute auf ein leeres Zimmer stößt.«
»Sie werden sich schon irgend etwas dabei denken, aber in der Zwischenzeit sollten wir uns beeilen, von hier zu verschwinden.« Die Stimme kam von Chiamh. »Wenn sie meine Abwesenheit bemerken, werden sie mich mit Sicherheit zuerst in meinem Tal suchen.«
»Hast du nicht gesagt, sie hätten Angst, an den stehenden Steinen vorbeizugehen?« wandte Aurian ein.
»Ja – aber wenn irgend möglich, werden sie versuchen, mich gar nicht erst so weit kommen zu lassen.«
»Das stimmt.« Aurian blickte auf und stellte fest, daß einer der Himmelsleute neben ihr stand. »Während unseres letzten Fluges haben wir eine Schar berittener Männer gesehen, die auf den Klippenweg zueilten.«
»Verflucht!« rief Aurian. »Wird denn das nie aufhören?«
»Nicht sobald jedenfalls«, erwiderte Chiamh leise. »Nicht bevor der morgige Tag dämmert und nach einer abermaligen Herausforderung ein neuer Rudelfürst gewählt ist. An diese Entscheidung müssen sie sich halten – und das werden sie auch tun, solange der Sieger ein Sproß unseres Volkes ist. Bis zu diesem Zeitpunkt müssen wir nur überleben – und hoffen, daß der Sieger unser Freund sein wird.«
Aber zunächst einmal durften sie keine Zeit mehr verlieren. Von jetzt an bestand ihr oberstes Ziel darin, daß Tal des Todes zu erreichen, bevor die Xandim ihnen den Weg versperren konnten. Chiamh, Iscalda und Schiannath erboten sich, in ihre Pferdegestalt zu schlüpfen, und es wurde beschlossen, daß Iscalda Yazour nehmen sollte, Chiamh seine alte Freundin Sangra, und Schiannath, der größer und stärker war als das Windauge, würde die beiden Magusch auf seinem Rücken reiten lassen. Damit blieb nur Parric übrig, und Aurians Herz blutete für ihn, denn er, ein Kavalleriehauptmann und der Rudelfürst der Xandim, würde gezwungen sein, mit den Himmelsleuten zu fliegen, während die anderen reiten konnten. Im Augenblick hatte sie jedoch keine Zeit, um über verletzte Gefühle nachzudenken. All diese Erwägungen mußten beiseite geschoben werden. Zunächst ging es einfach nur ums Überleben. Obwohl Aurian wußte, daß Parric Soldat genug war, um diese Tatsache zu begreifen, lief ihr doch beim Anblick seines Gesichtes eine Gänsehaut über den Rücken. Irgendwie war sie ganz sicher, daß die Sache noch ein Nachspiel haben würde.
Noch während Aurian über Parrics mißliche Lage nachdachte, hoben die Himmelsleute mit dem Kavalleriehauptmann bereits ab. Chiamh und Iscalda hatten sich schon verändert. Ein brauner Hengst und eine weiße Stute standen vor den Gefährten und warteten ungeduldig auf ihre Reiter. Schiannath sah die Magusch an und grinste breit, so daß seine Zähne weiß aufblitzten. »Mach dich bereit – ich verspreche, du sollst den besten Ritt deines Lebens bekommen.«
Und mit diesen Worten begann er bereits, sich zu verändern. Seine Gestalt schien zu zerfließen, schimmerte und verwandelte sich, und plötzlich stand dort – wie ein Schatten in der Dunkelheit – ein großes, stolzes Streitroß mit einem grau gescheckten Fell, schwarzen Beinen, schwarzer Mähne und schwarzem Schweif. Schiannath senkte seinen muskulösen, elegant geschwungenen Hals und warf seine mitternachtsfarbene Mähne zurück. Für Aurian wirkte es wie eine Aufforderung. Sie sprang auf seinen warmen, breiten Rücken und spürte, wie Anvar sich mit ein wenig mehr Mühe hinter sie setzte. Die anderen waren bereits aufgestiegen.
Dann ging es los. Shia lief wie ein zusätzlicher Schatten neben ihnen her und konnte mit dem Tempo der Pferde mühelos Schritt halten, während die Sonne am Horizont aufstieg und das Plateau mit einem Meer neblig-bernsteinfarbenen Lichtes überflutete. Wie auf dem Kamm einer goldenen Welle ritten sie durch das Land; die Hufe der Pferdeleute donnerten über den Boden und wirbelten Tauspritzer wie kleine, funkelnde Diamanten auf dem smaragdgrünen Gras auf, und die silbernen Spitzen der Berge ragten hoch über ihren Köpfen in den Himmel, wie um den neuen Tag zu krönen.
16
Aus der Zeit genommen
Zanna schrie und ließ die Kerze fallen. Das Mädchen fiel auf die Knie, krümmte sich wie ein Hase unter dem Schatten des Habichts und konnte vor Entsetzen keinen klaren Gedanken mehr fassen. Eine endlos scheinende Zeit kauerte sie mit geschlossenen Augen auf dem Boden und wartete auf das Ende. Aber als eine Hand ihre Schulter berührte, zwang ein halbvergessener Überlebensinstinkt sie, zu kämpfen. Sie sprang mit einem lauten Schrei auf und drosch mit ihren Fäusten blind auf ihren Angreifer ein.
»Laß das, du Närrin. Ich bin es doch. Zanna!«
Erst jetzt erkannte Zanna die Stimme. »Vater?« kreischte sie.
»Es ist ja alles gut, Kleines. Ich bin hier.« Um sie herum lag immer noch alles in völliger Dunkelheit, aber sie spürte, wie seine Arme sie umschlossen. Sie lehnte sich an seine Schulter, zitterte unkontrolliert und versuchte, den Drang, hysterisch in Tränen auszubrechen, niederzukämpfen, während Vannor ihr mit seiner unverletzten Hand über den Rücken strich und sie tröstete, wie er es getan hatte, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen und aus kindlichen Alpträumen aufgewacht war.
»Was ist passiert, Kleines?« fragte er sanft. »Was hat dich so verängstigt?«
Zanna klammerte sich an ihn, und all ihre Ängste waren plötzlich wieder da. »Vater, da war ein Mann im Alkoven. Ich habe ihn gesehen …«
»Pst, Kleines. Hier ist niemand außer uns. Wenn wirklich jemand dort gewesen wäre, meinst du nicht, wir hätten ihn gehört? Und wenn er uns Böses wollte, würden wir das mittlerweile wissen. Wahrscheinlich hast du eine Statue oder so etwas gesehen, das ist alles. Es überrascht mich nicht, daß es dich erschreckt hat. Ich an deiner Stelle würde immer noch laufen, was das Zeug hält.« Er kicherte, und Zanna spürte, wie die Angst langsam von ihr abfiel.
»Na, komm schon«, sagte Vannor. »Hast du die Zündhölzer in deiner Tasche? Du hast mir die Kerze aus der Hand geschlagen, aber sie müßte eigentlich noch irgendwo hier auf dem Boden liegen. Laß uns Licht machen, damit wir uns diesen ›Mann‹ nachher ansehen können.«
Dann ließ Vannor sie los und ging in die Hocke, um nach der verlorenen Kerze zu suchen, während Zanna in ihrer Tasche nach dem Kästchen mit den Zündhölzern tastete. Nach einigem Gefummel und ein oder zwei Flüchen von Vannor schafften sie es, den Docht zu entzünden, und Zanna blinzelte, während der Raum um sie herum sich langsam erhellte.
»Also, dann wollen wir uns diese Statue oder was immer es ist einmal ansehen.« Unbeholfen zog Vannor mit der linken Hand das Schwert, das er dem toten Wachposten im Maguschturm abgenommen hatte. (Er hatte beim Anblick der beiden Soldaten die Augenbrauen hochgezogen und Zanna einen langen, nachdenklichen Blick zugeworfen; aber bisher hatte er es sich – der Vorsehung sei Dank – versagt, ihr irgendwelche diesbezüglichen Fragen zu stellen.)