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»Es tut mir leid, Kleines, aber du mußt die Kerze für mich halten«, sagte er zu ihr. Zanna nahm sie widerstrebend entgegen und hielt sie hoch, während sich Vannor dem dunklen Alkoven zuwandte. Obwohl sie ihm mit der Kerze folgen mußte, sorgte sie doch dafür, daß er immer zwischen ihr und dem war, was da in dieser Nische lauern mochte. Zwar hatte ihr Verstand die Erklärung ihres Vaters akzeptiert, doch die Erinnerung an ihr Entsetzen war noch frisch genug, um stärker als ihr Mut zu sein.

Unerwartet prallte sie gegen Vannor, als dieser jäh stehenblieb und sich nicht mehr von der Stelle rührte, als sei er zu Stein erstarrt. »Sieben verfluchte Dämonen!« schrie er. »Das ist unmöglich!«

Zanna richtete die Kerze, die sie gefährlich schräg gehalten hatte, wieder auf, als ihr Vater herumfuhr und sie mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen ansah. »Was ist da, Vater?« stieß sie hervor. »Du machst ein Gesicht, als hättest du einen Geist gesehen.«

»Habe ich auch – oder jedenfalls fast, verdammt noch mal.« In seiner Aufregung schien Vannor vergessen zu haben, daß er mit seiner Tochter sprach. Er schob sein Schwert in die Scheide und rieb sich mit zitternder Hand die Augen. »Ich kann es einfach nicht glauben.« Er schüttelte den Kopf. »Was, zum Teufel, treibt dieser Bastard da?«

»Von wem sprichst du?« wollte Zanna wissen.

»Von dem Erzmagusch«, sagte Vannor wütend. Plötzlich wurde ihm Zannas Anwesenheit wieder bewußt, und er schien sich zusammenzureißen. »Tut mir leid, Kleines«, sagte er seufzend. »Es ist nur – na ja, es war ein ziemlicher Schock. Ich habe vergessen, daß du nicht wußtest …«

»Daß ich was nicht wußte?« Zanna schrie ihn beinahe an. »Vater, was ist hier los? Was hast du da drin gesehen?«

»Du solltest besser auch einen Blick hineinwerfen.« Dann nahm er sie bei der Hand und zog sie neben sich. »Hab keine Angst – der arme Kerl kann dir nichts tun …«

Der Rest seiner Worte ging in Zannas Entsetzensschrei unter. In der Nische stand eine hochgewachsene Gestalt, steif und leblos wie eine Statue, aber unverkennbar ein Mann.

»Es ist ja alles gut, Mädchen.« Der feste Griff von Vannors Hand war ein großer Trost, obwohl die Angst, die aus seiner Stimme klang, seine Zuversicht Lügen strafte.

»Wer ist – wer ist das?« flüsterte Zanna. Jetzt sah sie auch, was sie beim ersten Mal, als sie von panischem Schrecken beherrscht wurde, übersehen hatte: daß der seltsame Mann von einem schwachen, silberblauen Schimmer umgeben war, der nur ein Zauber sein konnte. Wie winzige Lichtzungen krochen Fäden aus hellerem Blau in einem wilden Netzwerk kreuz und quer über seinen Körper und durch seine lange, mit silbernen Strähnen durchzogene braune Mähne. Zanna betrachtete das in gräßlichem Entsetzen verzerrte Gesicht und glaubte, in den feingemeißelten Knochen und dem Leuchten der glasigen, blaugrauen Augen eine Ähnlichkeit mit den Magusch zu erkennen.

»Das ist Finbarr. Der arme Finbarr. Du hast ihn natürlich nie kennengelernt, oder? Aurian und ich haben immer Witze darüber gemacht, daß man ihn nie aus seinen Archiven wegbekommen könnte.« Die Stimme ihres Vaters klang, als sei er den Tränen nah, aber als Zanna einen verstohlenen Blick auf seine Augen warf, sah sie, daß diese immer noch trocken waren. »Er hat uns das Leben gerettet, als die Todesgeister angriffen, und uns die Zeit verschafft, die wir brauchten, um fliehen zu können. Aber …« Er runzelte verwirrt die Stirn. »Aurian sagte, er sei getötet worden – sie hat gespürt, wie er starb. Warum sollte Miathan Magie auf die Bewahrung seines Leichnams vergeuden? Das Ganze würde nur dann einen Sinn ergeben, wenn Aurian sich irgendwie geirrt hätte und Finbarr doch nicht tot wäre …« Dann wandte er sich abrupt zu Zanna um. »Nun, welche Erklärung auch dahinterstecken mag, wir können nichts unternehmen. Aber die Lady Aurian sollte so schnell wie möglich davon erfahren.«

»Möchtest du, daß ich noch einmal versuche, Kontakt mit ihr aufzunehmen?« Zanna tastete nach dem kostbaren Kristall in ihrer Tasche.

»Nicht jetzt, Kleines. Wir haben hier schon genug Zeit verloren. Ich glaube, wir sollten diese Tunnel besser hinter uns bringen, bevor mich meine Kräfte endgültig verlassen.« Er stöhnte. »Ach, was gäbe ich jetzt für ein warmes Bett, ein loderndes Feuer und eine Flasche guten Wein …«

Zanna nahm seinen Arm. »Das sollst du alles bekommen, sobald wir hier raus sind, das verspreche ich dir.«

»Falls wir hier überhaupt jemals rauskommen«, murmelte Vannor grimmig.

Diese Worte ließen Zanna frösteln, und unter ihre schreckliche Angst mischte sich plötzlich heißer Zorn darüber, daß er sie so erschrecken konnte. Andererseits wurde sie dadurch nur in ihrer Entschlossenheit bestätigt. Verdammt – sie hatte ihren Vater gerettet, obwohl alles dagegengesprochen hatte, und sie waren schon so weit gekommen! Zanna biß die Zähne zusammen. Ich werde hier rausfinden, und wenn es das Letzte ist, was ich tue, dachte sie zornig.

Traurig nahmen sie ein letztes Mal schweigend Abschied von Finbarr. Obwohl Zanna ihn nicht gekannt hatte und nicht wußte, ob der Archivar jenseits der Schranken des Zaubers lebte oder tot war, brach es ihr doch fast das Herz, ihn hier zurücklassen zu müssen. Irgendwie erschien es ihr falsch, den Magusch abermals der einsamen Dunkelheit zu überlassen.

Einige Stunden später konnte Zanna für nichts und niemanden mehr Mitleid erübrigen als für sich selbst und ihren Vater. Ausgehungert, mit schmerzenden Füßen und erschöpft wie sie war, hatte sie langsam das Gefühl, ihr ganzes Leben auf der Wanderschaft durch diese kalten, feuchten, endlosen Katakomben verbracht zu haben; hatte das Gefühl, dazu verdammt zu sein, bis zu ihrem Tode dort zu bleiben. Was ihren Vater betraf, so war dieser schon vor langer Zeit an der Grenze seiner Kraft angelangt und hielt sich nur noch mit schierer Sturheit aufrecht. Das gequälte Schnarren von Vannors unregelmäßigem Atem war schon seit einer ganzen Weile eine Folter für seine Tochter, genauso wie das zögernde, schlurfende Geräusch seiner unsicheren Schritte.

Vannor trieb sich mit übermenschlicher Selbstbeherrschung immer weiter, obwohl seine verletzte Hand ihn jetzt in ein kreischendes Meer des Schmerzes gestürzt hatte und es immer schwerer wurde, gegen die Benommenheit anzukämpfen, die sich durch Blutverlust und Angst seiner bemächtigt hatte. Zanna war so tapfer gewesen, aber er spürte, daß ihre Zuversicht langsam schwand, und wußte, daß nicht nur Müdigkeit und Hunger daran schuld waren. An ihrer angespannten Miene und dem betont fröhlichen Blick, der die kaum erkennbare Sorgenfalte zwischen ihren Brauen Lügen strafen sollte, konnte er sehen, daß die Angst um ihn ihr den Mut raubte. Armes Kind – das war nicht recht. Sie hatte so viel für ihn erduldet – hatte mehr Mut und Verstand bewiesen als er selbst von einem Sohn hätte erwarten können. Aus den Leichen, die er vor seinem Gefängnis im Maguschturm gesehen hatte, schloß er, daß sie für ihn sogar getötet hatte – und das, obwohl sie kaum mehr war als ein Kind und noch dazu eines, das bis vor kurzem immer behütet und verwöhnt worden war. Er mußte weiter, und sei es nur, um ihr die Tapferkeit und Treue zu vergelten.

Die Kerze in Zannas Hand war zu einem weichen, flackernden Stumpen heruntergebrannt, der ihr jetzt mit seinem heißen Wachs die Finger versengte. Vannor sah, wie sie zusammenzuckte und die hart gewordenen Wachströpfchen abzog, aber sie biß sich auf die Lippen und sagte kein Wort. Bis dahin hatten ihn ihre erfolglosen Bemühungen um eine gemäßigte Ausdrucksweise halb belustigt und halb schockiert, aber jetzt bereitete es ihm noch größere Sorgen, daß sie zu müde war, um auch nur die Energie zum Fluchen aufzubringen.