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»Nur einen Augenblick, Vater.« Sie setzte ihren Korb ab, der mittlerweile unheilvoll leicht geworden war, und suchte hastig in dem schwächer werdenden Schein des Kerzenstummels nach einer neuen Kerze. Dann drehte sie sich mit weit aufgerissenen Augen zu ihm um.

»Wir haben nur noch eine einzige übrig.«

Plötzlich hatte Vannor die schreckliche Vision von sich und seiner Tochter, wie sie einsam durch die Dunkelheit irrten, bis diese verfluchten Tunnel schließlich ihr Grab wurden. Zanna hatte eindeutig denselben Gedanken. Ihre Stimme brach, und sie schluchzte: »O ihr Götter, wir werden nie hier herausfinden.«

»Komm, Zanna – gib mir die Kerze.« Hastig nahm Vannor den Stummel aus ihren ruhelosen Fingern, bevor er vollends verlöschen konnte. »So, Kleines, jetzt hol die neue Kerze aus dem Korb – ich schaffe das nicht mit einer Hand.« Bisher hatte Zanna eine Zähigkeit an den Tag gelegt, die Vannor ungeheuer erstaunt hatte. Er wußte, daß es ihr helfen würde, ihre wachsende Panik in den Griff zu bekommen, wenn sie etwas zu tun hatte. Und er hatte sich nicht geirrt. Bis es Vannor gelungen war, den neuen Docht zu entzünden, hatte sie sich wieder gefaßt und ihre Tränen hinuntergeschluckt, obwohl sie noch immer vor Angst zitterte.

Vannor befestigte die Kerze auf einem schmalen Vorsprung in der rauh behauenen Wand des Korridors und legte seine Arme um Zanna. »Du darfst nicht den Mut verlieren, Kleines. Sieh nur, wie ungleichmäßig diese Tunnel sind. Wir sind jetzt stundenlang nach unten gegangen – wir müssen uns mittlerweile im ältesten Teil der Katakomben befinden. Komm jetzt; laß es uns noch einmal versuchen. Wir sind bestimmt bald am Ziel.«

Seufzend und unbeholfen erhob sich Zanna, aber ihre müden Beine versagten ihr fast den Dienst, und sie stolperte, wobei sie gegen einen Mauervorsprung in der Tunnelwand taumelte, der sie vor einem Sturz bewahrte. Dort blieb sie stehen, um wieder Atem zu schöpfen. Plötzlich drang aus einem schmalen Riß im Schatten des Vorsprungs ein Schwall kalter, übelriechender Luft.

»Vater?« Zannas Stimme zitterte vor Aufregung. »Vater – komm her und sieh dir das an!« Nach stundenlangem Suchen hatten sie endlich die schmale Spalte in der Mauer der Katakomben gefunden, die in die Abwasserkanäle hinunterführte.

Diese Entdeckung gab ihnen neuen Mut. Sie ließen den mittlerweile nutzlos gewordenen Korb zurück und nahmen nur die Kerze, die Schachtel mit den Zündhölzern und die Flasche mit ihrem immer geringer werdenden Wasservorrat mit. Die Felsspalte war so schmal, daß Zanna sich nur seitlich hindurchquetschen konnte, und nach allem, was ihr Vater erzählt hatte, war der Kanal dahinter noch schmaler. Obwohl sie dagegen protestierte, bestand Vannor darauf, daß sie als erste ging, und mit einem flauen Gefühl der Angst wußte sie, daß er befürchtete, steckenzubleiben und ihr auf diese Weise den Weg nach draußen zu versperren.

»Sieh mal, Mädchen, du mußt vernünftig sein«, sagte er, als sie versuchte, ihn von seinem Entschluß abzubringen. »Wenn es zum Schlimmsten kommt, kannst du wenigstens Hilfe holen.«

Zanna konnte ihn daraufhin nur unglücklich und sprachlos ansehen. Falls er ihr nicht zu folgen vermochte, wie sollte sie da den Weg durch die Abwasserkanäle finden? Und wen kannte sie schon in der Stadt, der ihrem Vater helfen konnte oder wollte, selbst wenn sie, Zanna, in der Lage wäre, ihn wiederzufinden? Vannor ließ jedoch keine Einwände gelten. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als sich durch die schmale Öffnung zu zwängen und, soweit es ging, den Atem anzuhalten, um sich gegen den Gestank zu wappnen, der von den Kanälen unter ihr aufstieg.

Der Weg durch das Abwasserrohr wurde zu einem Alptraum, wie Zanna ihn sich nicht schlimmer hätte ausmalen können. Das Rohr war so eng, daß der namenlose Schleim, der seine Innenseite überzog, ein Segen war, da er ihr half, sich hindurchzuzwängen. Um die Dinge noch zu verschlimmern, war es im Innern des Rohrs pechschwarz. Eine Kerze wäre in der feuchten, zugigen Luft sofort erloschen. Als das schmale Rohr plötzlich eine Biegung vollführte, hätte Zanna am liebsten ihren Kopf auf die schmerzenden Arme gelegt und vor Verzweiflung geweint. Aber sie biß die Zähne zusammen und rief sich in Erinnerung, daß der Kavalleriehauptmann Parric diesen Weg regelmäßig benutzt hatte, als sich ihr Vater zusammen mit den anderen Rebellen hier unten versteckt hatte. Nun, wenn Parric es schaffen konnte, konnte sie es auch. Sie holte einmal tief Luft und verbog ihr gequältes Rückgrat, bis sie glaubte, es würde brechen, und dann zwängte sie sich hindurch …

Plötzlich rutschte sie, schneller und immer schneller, und schoß schließlich aus der Öffnung des Rohres heraus, wobei sie sich Ellbogen und Schienbeine aufschürfte. Einen Augenblick lang lag sie atemlos da, bevor sie in ein Schluchzen der Erleichterung ausbrach, das genauso schnell endete, wie es begonnen hatte, als sie sich an ihren Vater erinnerte. Jetzt, nachdem sie diesen schrecklichen Weg zurückgelegt hatte, wurde ihr erst richtig klar, wie furchtbar es für ihren Vater werden würde. Nur die Tatsache, daß der stämmige Vannor während seiner Gefangenschaft bei den Magusch viel Gewicht verloren hatte, ließ sie hoffen, daß er zumindest eine Chance hatte, sich ebenfalls durch das Rohr zu quetschen. Aber er hatte nur eine gesunde Hand, um sich vorwärtszuziehen. Er würde es niemals schaffen … Es war unmöglich. Mit vor Angst hämmerndem Herzen und nach einer kurzen Zeit fieberhaften Suchens in der Dunkelheit fand Zanna endlich die Öffnung des Rohrs wieder. Sie legte ihr Ohr daran und horchte. Gefolgt von hohlen Echos, drang der Klang gedämpften Ächzens und Fluchens zu ihr heraus. Eine Weile hörte Zanna in unglücklichem Schweigen zu, da sie begriff, welche Schwierigkeiten ihr Vater hatte, und ihn nicht ablenken wollte. Schließlich konnte sie es jedoch nicht länger ertragen. Er müßte längst da sein! Irgend etwas mußte schiefgegangen sein. Als das Fluchen plötzlich ein Ende nahm, konnte sie nicht länger an sich halten. »Vater?« fragte sie zögernd, und die wachsende Panik ließ ihre Stimme zittern. »Ist alles in Ordnung mit dir?«

»Das ist es natürlich nicht, verdammt!« Dann schien sich Vannor wieder unter Kontrolle zu haben. »Tut mir leid, Mädchen. Ich habe hier ein kleines Problem, an der Stelle, wo das Rohr eine Biegung macht …«

Obwohl er versuchte, optimistisch zu klingen, konnte Zanna die gequälte Anstrengung in seiner Stimme hören. Trotzdem fand sie seine Antwort nicht völlig entmutigend. Solange er die Energie hatte, zu fluchen, war noch nicht alles verloren. »Hör zu, Vater«, sagte sie. »Du bist jetzt an der schlimmsten Stelle. Danach ist es ganz leicht. Wenn du dich nur um diese Ecke schlängeln kannst …«

»Wenn Wünsche Diamanten wären«, fuhr Vannor sie an, »wärst du die reichste Erbin in Nexis. Ich finde auf diesem verfluchten Schleim irgendwie keinen Halt.«

Nicht einmal alle Diamanten von Nexis – um genau zu sein: überhaupt nichts auf der ganzen Welt – hätten Zanna bewegen können, in das Abflußrohr zurückzuklettern. Nichts außer ihrer Liebe zu ihrem Vater. »Halt durch, Vater. Ich komme.« Ohne zu zögern zwängte sich Zanna wieder in das Rohr hinein.

»Untersteh dich, Mädchen! Verdammt, sei nicht so verflucht dumm! Du mußt hier raus. Bring dich in Sicherheit.«

Zanna ließ ihn schimpfen. Allerdings blieb ihr auch nicht genug Luft für eine Antwort. Diesen letzten steilen Teil des Rohrs hinaufzuklettern, war viel schwieriger, als ihn hinunterzurutschen. Wieder und wieder verlor sie, erschöpft wie sie war, ihren Halt und rutschte zurück. Wieder und wieder raffte sie sich auf, fluchte herzhaft und begann die Kletterpartie von neuem. Und schließlich wurde das Wunder wahr. Ihre tastenden Finger berührten das kalte, feuchte Fleisch einer ausgestreckten Hand, die schwach in ihren Fingern zitterte.

Vannors Protest hatte schon vor langem ein Ende gefunden. Zanna hatte die ganze Zeit darum gebetet, daß es ihm gut ging, hatte aber nicht genug Luft übrig, um zu reden. »Wenn ich das Signal gebe«, stieß sie hervor, »versuch, dich um die Ecke zu zwängen.«

»Was …? Was zum …«