»Jetzt!« rief Zanna. Sie hielt den Unterarm ihres Vaters mit beiden Händen umklammert und gab jetzt mit Bedacht den Halt preis, den ihre Beine und Füße in dem Rohr gefunden hatten, so daß sie mit ihrem ganzen Gewicht am Arm ihres Vaters hing. Sie hörte einen erschrockenen Aufschrei von Vannor, und plötzlich glitt sie schneller und immer schneller durch das Rohr, viel schneller als beim ersten Mal. Wie ein Korken aus der Flasche schoß sie aus dem Rohr, und einen Augenblick später landete ihr Vater, wild um sich schlagend, auf ihr. Vannor stieß einen Schrei aus, der Tote hätte aufwecken können, und sein Gewicht raubte Zanna noch den letzten Rest von Atem. Obwohl es noch immer dunkel war, explodierten kleine Lichtpunkte vor Zannas Augen, und sie wurde für einen Moment ohnmächtig.
»Sieben verfluchte Dämonen, Mädchen – mach das ja nie wieder! Du hättest dir den Hals brechen können!« waren die ersten Worte, die Zannas innere Dunkelheit durchdrangen. Vannor wiegte sie in den Armen.
»Aber ich habe ihn mir nicht gebrochen, oder?« gab sie keck zurück, da ihr sehnlichster Wunsch im Augenblick darin bestand, die entsetzliche Angst zu vertreiben, die sie aus der Stimme ihres Vaters herausgehört hatte.
»Nein«, murmelte Vannor. »Aber wenn du mich das nächste Mal so erschreckst, du kleines Biest, dann werde ich ihn dir brechen.« Dann lachte er und schloß sie noch fester in die Arme. »Geht es dir gut, Kleines? Bei allen Göttern, Dulsina hatte wirklich recht, als sie meinte, du kämst eindeutig auf mich raus. Deine Methoden sind zwar ein bißchen extrem, aber du hast mir eben das Leben gerettet, das steht fest! Ich dachte, ich würde für alle Zeit in diesem Rohr feststecken.«
Nach einer Weile hatten sie sich beide wieder gefaßt, und es gelang ihnen sogar, die Kerze wiederzufinden. Im Licht ihrer Flamme erkannten Vannor und seine Tochter einander kaum, so verschmutzt waren sie nach ihrem Rutsch durch das schleimige Innere des Rohrs. Außerdem beleuchtete die arg mitgenommene Kerze die verrosteten Überreste der Inspektionsleiter, mit der sie es als nächstes würden aufnehmen müssen. Sie sahen einander an, seufzten und standen entschlossen vom Boden auf, um ihren Weg fortzusetzen.
Obwohl Vannor nur eine Hand zum Klettern frei hatte und sie einige gefährliche Augenblicke durchlebten, erwies sich die Leiter als weit weniger schwierig als das Rohr. Schon bald zwängten sich Tochter und Vater ein weiteres Abflußrohr hinauf – barmherzigerweise war es diesmal nur ein kurzes – und fanden sich endlich in den Abwasserkanälen wieder. Schon der vertraute Anblick seines alten Reviers schien Vannors Lebensgeister wieder zu wecken, obwohl er, wie seine Tochter, vor Müdigkeit kaum noch laufen konnte. Er stand auf dem schmalen, schlüpfrigen Vorsprung, von dem aus man einen guten Blick über den übelriechenden Kanal hatte, holte tief Luft – Zanna staunte darüber, daß er das konnte, so widerlich stank es hier – und betrachtete den feuchten, schmutzigen und von Ratten heimgesuchten Tunnel mit der stolzen Miene, mit der ein Landbesitzer sein Territorium betrachten mochte. Zum ersten Mal während ihrer ganzen Flucht sah er wirklich wohlgelaunt aus. »Endlich«, sagte er erleichtert. »Wir sind zu Hause. Jetzt kommt alles in Ordnung.«
Zanna war froh darüber, daß wenigstens einer von ihnen noch eine gewisse Zuversicht hatte.
»Was, bei allen Dämonen, meinst du damit, er ist weg?« brüllte der Erzmagusch. »Wie konnte das geschehen?« Er ließ seine Fäuste auf den Tisch krachen, und in den Juwelen, die seine Augen ersetzten, flackerte feuerrotes Licht auf. Selbst die Luft in dem Raum schien zu brennen und unter der Last seines Zorns zu beben. Der Hauptmann der Akademiewache, ein Hüne von einem Mann und ein erfahrener Kämpfer, erbleichte und zitterte, und das unglückliche, kleine Narbengesicht, das Vannors Kammer am Vorabend bewacht hatte, hatte keinerlei Ähnlichkeit mehr mit einem blutrünstigen Meuchelmörder. In sich zusammengekrümmt vor Angst, versuchte der Mann erfolglos, sich hinter der Gestalt der leidenschaftslosen Wettermagusch zu verstecken.
Eliseth schien die einzige zu sein, die Miathans Zorn ungerührt ließ – wahrscheinlich, so dachte der Hauptmann mürrisch, würde das intrigante Miststück alle Schuld ihm in die Schuhe schieben.
»Nun, mich brauchst du nicht anzusehen«, sagte sie kühl. »Ich habe Vannor gestern nacht wie immer wohlbewacht zurückgelassen – obwohl er, als ich mit ihm fertig war, nicht mehr in der Lage gewesen sein kann, seine Flucht in die Wege zu leiten. Und weit gekommen wäre er schon gar nicht. Diese ganze Sache riecht nach einer Verschwörung.« Sie warf dem Hauptmann der Wache aus schmal gewordenen Augen einen giftigen Blick zu.
»Ich habe ihn wie gewöhnlich bewachen lassen, Herr«, fügte der Hauptmann hastig hinzu, nachdem er beschlossen hatte, Eliseths Beispiel zu folgen. »Sowohl das obere Tor als auch das untere waren besetzt, und auch die Straße, die hier heraufführt, wurde bewacht. Es ist mir schleierhaft, wie irgend jemand an meinen Männern vorbeikommen konnte.« Er drehte sich um und warf dem verängstigten, narbengesichtigen Wachposten einen zornigen Blick zu. »Er war da. Warum fragen wir ihn nicht, wie diese beiden nichtsnutzigen Einfaltspinsel es geschafft haben, in einen Hinterhalt zu geraten.«
»Laß es uns herausfinden.« Miathans Stimme war in Seide gehüllter Stahl. Er richtete den finsteren Blick seiner gefühllosen Spinnenaugen auf den unglückseligen Wachmann.
Der Hauptmann, der nur allzu froh darüber war, gehen zu dürfen, eilte die Turmtreppe hinunter. Er war jedoch nicht schnell genug, um die lauten Schreie entsetzlicher Qual nicht mehr zu hören, die aus dem oberen Raum schrillten. Er preßte sich die Hände auf die Ohren, um das grauenerregende Heulen zu dämpfen, verzichtete auch noch auf den Rest seiner Würde und floh.
»Es war meine Magd?« Ausnahmsweise einmal war Eliseth der Schreck, der ihr in die Glieder gefahren war, anzusehen.
»Nach dem, was ich aus den Gedanken des Wachpostens herausgepreßt habe«, der Erzmagusch blickte verächtlich auf den verzerrten Leib auf dem Fußboden, »scheint es da keinen Zweifel zu geben.«
»Aber sie war nur eine Küchenmagd – kaum mehr als ein Kind, und sie hatte gewiß nicht genug Verstand, um …«
»Sie hatte Verstand genug, um die Flucht des meistgesuchten Mannes in Nexis zu planen und in die Tat umzusetzen – dank deiner Hilfe!« fauchte Miathan. Trotz der unangenehmen Situation genoß er die Fassungslosigkeit der sonst so eiskalten Magusch.
»Und wer, bitteschön, hat ihr aufgetragen, sich um Vannor zu kümmern?« erwiderte Eliseth höhnisch. »Ich jedenfalls nicht. Das war deine Idee, Miathan. Du hast dem kleinen Miststück den Weg geebnet.«
Die ohnehin nicht allzu große Freude, die der Erzmagusch an dieser Situation empfunden hatte, löste sich jäh auf. Eine Vision von seinen Händen, die sich um Eliseths Kehle legten, blitzte kurz in seinen Gedanken auf, dann riß er sich zusammen. »Das reicht!« befahl er barsch. »Ich gestehe, sie hat uns beide übertölpelt. Aber die Frage bleibt – wer ist sie? Einer von Vannors Rebellen? Hat er noch andere Spione in der Akademie?« Es war ein unerfreulicher Gedanke, daß die Magusch vielleicht nicht länger unverletzlich waren. Er erinnerte sich an den Verräter Elewin und ballte die Fäuste.
»Ich werde das bald herausfinden«, versprach Eliseth grimmig, »selbst wenn ich dafür den Geist jedes einzelnen Dieners im Haus in Stücke reißen müßte. Irgend jemand muß ihr geholfen haben, Miathan. Wie konnte so eine halbe Portion von einem Mädchen sowohl Janok als auch einen voll ausgebildeten Krieger umbringen, der dreimal so groß war wie sie?«
»Das ist nicht das einzige Rätsel, das wir lösen müssen.« Der Erzmagusch runzelte die Stirn. »Wie hat sie Vannor aus der Akademie geschafft, ohne gesehen zu werden? Und wo sind sie jetzt? Wenn du Vannor wirklich so schwer verletzt hättest, wie du behauptest, hätte er nicht weit kommen können.« Er sah sie mit wütendem Stirnrunzeln an.
»Glaubst du, sie verstecken sich immer noch irgendwo in der Akademie?« fragte Eliseth.