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»Das scheint mir die plausibelste Erklärung zu sein. Und wenn sie noch hier sind, dann werden nicht mal die Götter selbst ihnen helfen können. Wir werden das unterste zu oberst kehren – niemand kommt rein oder raus, egal aus welchem Grund –, und wir werden jede Kammer der Akademie durchsuchen.«

»Und was ist, wenn sie nicht hier sind?« wollte die Wettermagusch wissen. »Wir können unmöglich die ganze Stadt durchsuchen, dafür haben wir nicht genug Leute. Und wir können auch keine Belohnung für die Ergreifung Vannors aussetzen, weil wir damit den Sterblichen gegenüber zugeben würden, daß er noch lebt.«

»Nein – aber wir können eine Belohnung für das Mädchen aussetzen.«

Miathans Augen funkelten. »Wir behaupten, sie hätte den Magusch etwas Wertvolles gestohlen – was ja auch der Wahrheit entspricht«, fügte er trocken hinzu. »Die Tatsache, daß ich gestern diese Vorräte freigegeben habe, hat sich mit Sicherheit zu unserem Vorteil ausgewirkt – zumindest gibt es jetzt wieder ein paar Leute in Nexis, die mir aus ganzem Herzen dankbar sind. Wir werden jedem, der uns zu dem Mädchen führen kann, eine große Belohnung versprechen, eine Belohnung, die aus Gold und Brot besteht. Entweder wird Vannor bei ihr sein oder …« Abgrundtiefe Grausamkeit lag in seinem Lächeln. »Oder wir erhalten von ihr die Information darüber, wo er sich aufhält. Ich bin entschlossen, mir Vannor zurückzuholen, ganz egal, was es kostet. Und dann werde ich dafür sorgen, daß es sowohl ihm als auch diesem verflixten Mädchen leid tut, daß sie je geboren wurden.«

Benziorn lief durch die Straßen von Nexis und verlor sich unter den anderen frühen Passanten; im stillen gratulierte er sich dazu, daß er seinen Wächtern wieder einmal ein Schnippchen geschlagen hatte. Obwohl sich Yanis, der junge Anführer der Nachtfahrer, unter seiner Obhut langsam wieder erholte, wurde es immer schwieriger, Tarnal und Hebba zu überlisten, die eine völlig unvernünftige Einstellung zu dem Gedanken hatten, daß ein Mann eben ab und zu einen kleinen Drink brauchte. Benziorn zuckte mit den Achseln. Na ja, das war nicht weiter schlimm. Obwohl er die Annehmlichkeiten von Hebbas Haus zu schätzen wußte. Nach den Entbehrungen, die sein Leben in der letzten Zeit gekennzeichnet hatten, war er schon für den Luxus eines richtigen Daches und eines Kamins dankbar, ganz zu schweigen von Hebbas Fähigkeiten als Köchin – wenn sie etwas hatte, das sie kochen konnte. Er hatte jedoch beileibe nicht die Absicht, sich von ihr Vorschriften anzuhören, was seine Trinkgewohnheiten betraf. Hatte man denn in Nexis heutzutage überhaupt keinen Respekt mehr vor einem Arzt?

Glücklicherweise – denn Hebba duldete in ihrem Haus nicht mal den Anblick einer Flasche – hatte Benziorn immer noch sein Versteck in der alten Walkmühle, wo er ein paar Flaschen mit scharfem Schnaps aufbewahrte: Ein Mann, der als Wächter im Lagerhaus eines Weinhändlers angestellt war, hatte ihn in Naturalien dafür bezahlt, daß er ihn von den unvermeidlichen Ergebnissen seiner langen Nächte mit den Hafenhuren kurierte. Sosehr sie sich auch bemühten, Hebba und Tarnal waren bisher nicht in der Lage gewesen, die Quelle seines geheimen Schnapsvorrates zu entdecken.

Dummerweise hatte Tarnal die Gewohnheit entwickelt, ihm heimlich zu folgen, in der Hoffnung, sein Versteck zu finden. Benziorn kicherte leise vor sich hin. Der Junge mußte noch eine Menge lernen. Hebba war an diesem Morgen zur Akademie gegangen, um sich in einer endlosen Schlange von Menschen anzustellen, die auf ihren Anteil der Vorräte warteten, die der Erzmagusch aus nur ihm selbst bekannten Gründen freigegeben hatte. Der junge Schmuggler hatte sie wohl oder übel begleiten müssen, um sie auf dem Heimweg zu beschützen, damit niemand ihr die kostbaren Nahrungsmittel stehlen konnte. Yanis hatte geschlafen, und Benziorn hatte diese wunderbare Gelegenheit zur Flucht sofort ergriffen.

Als die Sonne in ihrem Zenit stand, war Benziorn schon reichlich angeheitert, und dabei lag der Rest des Tages noch vor ihm. Angesichts der vielen hungrigen Leute in Nexis würde die Verteilung der Nahrungsmittel wahrscheinlich eine ganze Weile dauern. Die Frühjahrssonne sickerte durch die hohen, schmutzigen Fenster der alten Mühle, erwärmte die Luft und machte mit ihrem grellen Schein die Flammen des kleinen Feuers, daß er zu seiner Bequemlichkeit entzündet hatte, fast unsichtbar. Wie er so dasaß auf seinem zusammengefalteten Umhang, den Rücken bequem gegen einen der großen Färbetröge gelehnt und eine Flasche in der Hand, war Benziorn irgendwie danach zumute zu singen – und warum eigentlich nicht? Es war eine ganze Weile her, seit er das letzte Mal der Bürde seiner Verantwortung entkommen war; heute war daher fast so etwas wie ein Feiertag für ihn …

Plötzlich wachte er zitternd auf und sah, daß die Abenddämmerung bereits ihre Schattenfinger durch die Ruinen des alten Gebäudes streckte. Benziorn stöhnte und rieb sich die Augen. Sein Kopf hämmerte, und sein Mund fühlte sich an, als hätte ihn jemand mit Schlamm aus dem Flußbett gefüllt. Das letzte, woran er sich erinnern konnte, war, daß er gesungen hatte – daran, daß er eingeschlafen war, hatte er keine Erinnerung mehr. Und nun fragte er sich benommen, was ihn so plötzlich aus dem Schlaf gerissen haben mochte. Dann hörte er es wieder – ein unangenehmes, knirschendes Klirren von Metall auf Stein, laut genug, um seinen hämmernden Schädel schier zum Platzen zu bringen.

Was, um alles in der Welt …? Leise fluchend erhob sich Benziorn vom Boden und löschte mit hastigen Tritten die letzten glimmenden Aschenreste seines Feuers. Dann schien er mit der Dunkelheit zu verschmelzen, tastete nach einer bestimmten Stelle im Mauerwerk und hievte sich hinauf, um sich flach auf den breiten Rand des riesigen Färbetrogs zu legen – von hier aus konnte er den größten Teil der alten Mühle überblicken. Und dann ertönte es wieder, dieses knirschende Geräusch – und der gedämpfte Klang einer fluchenden Männerstimme, gefolgt von dem Krachen eines schweren Gegenstands, der zu Boden gegangen war. Das Geräusch kam Benziorn irgendwie bekannt vor. Ein wenig verspätet begriff der Arzt plötzlich, was es zu bedeuten hatte. Seine Gedanken wanderten zurück zu der Nacht, in der Jarvas Festung angegriffen worden war und die Nachtfahrer durch das Gitter im Fußboden der Walkmühle erschienen waren.

Konnte es jemand sein, der Yanis suchte? Benziorn zog sich ein klein wenig nach vorn und reckte den Hals, damit er um eine der tragenden Säulen herumschauen konnte. Einen Augenblick später erspähte er zwei stolpernde Gestalten, zwei Silhouetten gegen das blasser werdende Licht im Eingang. Sie taumelten und schienen sich kaum auf den Beinen halten zu können, als wären sie ebenfalls betrunken, und sie stützten einander, kurz bevor sie mitten im Raum in sich zusammensanken.

Benziorn wartete steif vor Anspannung und Furcht auf ein neuerliches Zeichen von Leben, aber die Eindringlinge regten sich nicht. Als das durch den Eingang fallende Licht verblaßte, fragte er sich, ob er es riskieren konnte, durch die Dunkelheit ins Freie zu schlüpfen. Es war möglich, daß Yanis ihn brauchte, und mittlerweile würde Tarnal ganz bestimmt nach ihm suchen. So leise wie ein Geist ließ er sich von dem Färbetrog hinuntergleiten – zumindest hatte er sich das so vorgestellt. In Wirklichkeit litt der Arzt immer noch unter den Nachwirkungen der Unmenge Schnaps, die er in sich hineingeschüttet hatte. Er rutschte ab, stürzte und landete mit einem Ächzen auf einer seiner leeren Flaschen, die wegrollte und mit einem Klirren, das in der staubigen Stille der leerstehenden Mühle ohrenbetäubend klang, an der Wand zersplitterte. Mit einem lautlosen Fluch auf den Lippen erstarrte Benziorn zu Eis. Er hörte das leise Scharren eines Menschen, der sich auf der anderen Seite des Färbetrogs bewegte.

»Vater? Hast du das gehört?«

»Pst!«

Als nächstes hörte man den zischenden Laut eines Schwertes, das vorsichtig aus der Scheide gezogen wurde, aber Benziorn hatte die erste Stimme bereits als die eines jungen Mädchens erkannt, und im Verein mit dem Alkohol, der immer noch in seinem Blut war, gab ihm das neuen Mut. Die bloße Tatsache, daß diese Leute Angst zu haben schienen und sich ebenfalls versteckten, konnte nur darauf hindeuten, daß sie keine ernsthafte Gefahr darstellten.