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»Wer ist da?« rief er. »Wer ihr auch seid, ihr braucht euch nicht zu fürchten. Ich will euch nichts Bö …« Seine Worte gingen in ein ersticktes Kreischen über, als der scharfe Stahl einer Schwertklinge eine eisige Linie auf seine Kehle zeichnete.

»Eine Bewegung, und du bist tot. Wenn du um Hilfe rufst, wird das erste Wort, das dir über die Lippen kommt, gleichzeitig dein letztes sein, ist das klar?«

»Ja«, flüsterte der Arzt zitternd. Er verspürte den verzweifelten Drang, sich umzusehen, um das Gesicht seines Angreifers betrachten zu können, obwohl er wußte, daß es in der wachsenden Dunkelheit unmöglich sein würde, den Mann zu erkennen, und daß eine solche Torheit außerdem seinen sicheren Tod nach sich ziehen würde. Er war von solch panischem Schrecken erfüllt, daß er befürchtete, seine Knie würden jeden Moment unter ihm nachgeben – aber wenn sie das taten, würde das Schwert seine Kehle durchbohren. Ein Rinnsal klebrigen Schweißes rann sein Rückgrat hinunter. Benziorn hielt sich stocksteif und konzentrierte sich mit aller Macht darauf, nach vorn zu schauen und sich auf den Beinen zu halten.

»Wer bist du?« fragte die schroffe Stimme.

»B-Benziorn. Ein Arzt … Na ja, ein ehemaliger Arzt.«

»Was?«

»Ich will euch nichts Böses – ich bin nicht euer Feind. Also, wenn du willst, verschwinde ich jetzt und sehe mich nicht um. Es ist mir egal, wer du bist – ich kann niemandem Schaden zufügen, und ich stehe auf niemandes Seite. Bitte, lieber Herr …« Noch während seines unwürdigen Gestammels spürte Benziorn, wie zorniger Stolz in ihm aufloderte. Wie konntest du nur so tief sinken? fragte eine leise Stimme ganz hinten in seinem Kopf, aber er wußte, wenn sein Leben auf dem Spiel stand, würde er sich jederzeit erniedrigen, wenn es nötig war. Seit dem Tod seiner Frau und seiner Kinder hatte er sich oft geschworen, daß es ihm gleichgültig sei, ob er lebte oder starb, aber jetzt, da die Zeit gekommen war, zu seinem Eid zu stehen, stellte er zu seinem Erstaunen fest, daß es ihm alles andere als egal war. Das Leben, das so lange Zeit eine Last für ihn gewesen war, war binnen einer Sekunde und angesichts eines Schwertes zu einem sehr kostbaren Geschenk geworden.

»Benziorn?« wiederholte die Stimme nachdenklich. »Bei den Göttern, diese Namen kenne ich doch. Einen Augenblick – bist du nicht der Mann, der sich um meine Frau gekümmert hat, als sie ihr Kind bekam und die Magusch-Heilerin nicht kommen wollte?«

Panische Angst schnürte dem Arzt die Kehle zu. Der Besitzer des Schwertes konnte nur ein einziger Mann sein – der einzige Sterbliche in der Stadt, der vielleicht darauf hätte hoffen dürfen, die Dienste von Meiriel für sich in Anspruch zu nehmen. Die verzweifelte Idee, sich irgendwie aus der Affäre zu ziehen – ja, sogar zu lügen –, schoß ihm durch den Kopf und starb, bevor sie noch recht geboren war – genau so wie Vannors Frau gestorben war. »Wenigstens konnte ich das Kind retten«, flüsterte er. »Ich hätte auch die Mutter gerettet, wenn es eine Möglichkeit gegeben hätte …«

»Du verdammter Mistkerl.« Das Schwert zitterte an seiner ungeschützten Kehle, und ein dünnes Rinnsal warmen Blutes rann in den Kragen von Benziorn.

»Vater!« Das war wieder die Stimme des jungen Mädchens, drängend diesmal und flehend. »Vater, tu es nicht. Dulsina hat mir erzählt, der Arzt habe sein Bestes gegeben. Es war nicht seine Schuld, daß die Lady Meiriel nicht kommen wollte. Was du auch tust, es wird uns Mutter nicht zurückbringen. Wie kannst du ihn nach allem, was wir gerade erlebt haben, für die Taten der Magusch verantwortlich machen? Niemand trägt die Schuld daran, daß Mutter Antors Geburt nicht überlebt hat, niemand außer der Lady Meiriel, aber jetzt, da sie tot ist …«

»Sie ist tot?«

Benziorn spürte, wie das Schwert sich von seiner Kehle löste. Mit einem leisen Wimmern ließ er sich an der Wand des Färbetrogs zu Boden sinken, zu erschöpft, um an Flucht auch nur zu denken.

»Ich hatte keine Zeit, es dir zu erzählen«, fuhr das junge Mädchen fort. »Aber in der Akademie wußten sie es …«

Vannor stöhnte. »Aber Parric war bei ihr – und Elewin«, stieß er gequält hervor. »Was ist aus ihnen geworden? Sind auch sie tot?«

In diesem Augenblick sprangen die Schatten bis hoch in die Dachsparren der Mühle, als das safrangelbe Licht einer Fackel in der Tür aufflammte. Der Arzt sah jetzt zum ersten Mal die Gesichter seiner Angreifer und fragte sich, wie er jemals hatte Angst vor ihnen haben können. Eine vertraute Stimme rief: »Benziorn? Benziorn, du betrunkener Idiot! Bist du hier?«

»Tarnal!« rief das junge Mädchen. »Dank sei den Göttern, daß du es bist!« Zu Benziorns belustigter Überraschung flog sie dem Nachtfahrer in die Arme – und ein schneller, verstohlener Blick in Tarnals Gesicht zeigte ihm, daß der junge Schmuggler nichts dagegen einzuwenden hatte.

17

Die Vision

Aurian erwachte steif und müde, und Wolf wimmerte in ihren Armen. Automatisch streichelte sie das Junge und öffnete gleichzeitig die Augen, um eine unvertraute Decke aus mit silbernen Adern durchschossenem Stein über sich zu sehen, die viel dunkler und rauher als jene innerhalb der Festung war. Ist das eine Höhle? überlegte sie benommen und noch halb im Schlaf. Wo, zum Teufel, bin ich? Von plötzlicher Angst gepackt, drehte sie sich um – und sah Anvar, der neben ihr lag und schlief. Die Schmutzflecken in seinem Gesicht betonten seine müde Blässe, und dunkle Ringe lagen um seine geschlossenen Augen. Sie wollte sich gerade beruhigt wieder umdrehen und zurück in die Wärme der Felle kriechen, in die sie eingehüllt war, als plötzlich die Erinnerung wieder wach wurde.

Bohan! Noch ein Freund, der in diesem sinnlosen Kampf ums Leben gekommen war. Sie hatte versprochen, ihm zu helfen, seine Stimme wiederzufinden, aber nie die Zeit dazu gehabt. Aus dem Wirrwarr der vergangenen Stunden, die ihrer Flucht aus der Festung gefolgt waren, formte sich eine Erinnerung: an einen warmen, flackernden Feuerschein in dieser Höhle, an ein heißes Getränk und an Shia, die ihr zutiefst bekümmert erzählt hatte, daß der Eunuch, als er stürzte, tatsächlich seine Stimme wiedergefunden hatte. »Shia. Meine Freundin«, hatte er gesagt.

Die Magusch schloß unglücklich die Augen. Shia war immer Bohans Freundin gewesen – und hatte sich als bessere Freundin erwiesen als Aurian, die ihn in den Tod geschickt hatte.

»Nein, das hast du nicht getan. Du hast versucht, ihn zu retten.« Aurian drehte sich um und sah das Xandim-Windauge mit überkreuzten Beinen neben dem Feuer sitzen, nicht weit entfernt von dem Felsbett, auf dem sie ihr Lager aufgeschlagen hatte. Chiamh sah noch schlimmer aus als Anvar – wahrscheinlich genauso schlimm wie sie selbst, vermutete sie. Sein Gesicht war so ausgezehrt und müde, als wäre er über Nacht um Jahre gealtert.

Aurian ließ Wolf in seinem Nest aus Fellen neben Anvar liegen und glitt mit einem Seufzer aus der Wärme ihres Bettes. Sie mochte zwar müde sein und ihr Herz schwer, aber es gab einfach zu viel zu tun, um liegenzubleiben. Also ging sie hinüber ans Feuer und versuchte vergeblich, ihre zerknitterten Kleider glattzustreichen. Dann setzte sie sich neben das Windauge und nahm dankbar eine dampfende Tasse Kräutertee entgegen.

»Du hast recht mit Bohan, ich weiß«, sagte sie unglücklich. »Aber es fällt mir schwer, mir nicht die Schuld an seinem Tod zu geben.« Sie spürte, wie ungeweinte Tränen ihr die Kehle zuschnürten. »Wir hatten noch nicht mal die Möglichkeit, ihn zu begraben …«

Chiamh legte seine Hand auf die ihre. »Wenn du irgend jemanden für Bohans Tod verantwortlich machen willst, dann gib den Xandim, die uns angegriffen haben, die Schuld. Wenn sie mir doch nur vertraut hätten … Hätten sie nur noch ein klein wenig gewartet, wäre die Frage der Nachfolge problemlos gelöst worden.« Er seufzte. »Vielleicht trage ich die Schuld. Hätte ich früher versucht, ihnen den Respekt abzunötigen, der mir als ihrem Windauge zustand …« Er schüttelte den Kopf, und sie spürte, wie seine Hand sich enger um ihre Finger schloß. »Ganz abgesehen davon«, fuhr er fort, »hat Bohan sein Begräbnis bekommen. Ich habe Basileus darum gebeten …«