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»Ich habe ein paar Felsbrocken hinunterstürzen lassen, um den Körper deines verstorbenen Freundes zu begraben. Keine Angst, Zauberin, niemand wird seinen Ruheplatz schänden.«

Aurian runzelte die Stirn. »Basileus? Wie ist es möglich, daß wir dich hier noch hören können?«

»Ihr befindet euch am Fuß von Chiamhs Turm – aber ihr seid immer noch auf dem Windschleier, oder?« Der Moldan kicherte. »Der ganze Berg ist mein Körper, und Chiamhs Kammer der Winde ist aus meinen Knochen gebaut.«

»Warum konntest du denn dann nicht Bohan helfen?« Aurian versuchte nicht, ihren Groll zu verbergen. Es hatte auf die Dauer keinen Sinn, ihre Gefühle vor dem Moldan geheimzuhalten. Sie konnten die Sache genausogut jetzt gleich austragen, denn später mußte sie sich noch um viele andere Dinge kümmern.

»Vielleicht hätte ich ihm geholfen, Zauberin, wenn meine Aufmerksamkeit nicht anderenorts gefesselt gewesen wäre«, antwortete Basileus scharf. »Aber du warst auch in Gefahr, genauso wie das Windauge und dein Seelengefährte. Auch meine Fähigkeiten haben ihre Grenzen.«

»Es tut mir leid. Ich bin sicher, du hättest Bohan geholfen, wenn es dir möglich gewesen wäre. Es ist nur so hart, einen Freund zu verlieren.«

»Glaubst du, ich wüßte das nicht?«

Aurian dachte an das Schicksal Ghabals, jenes Moldans, der unter der Akademie gefangen war. Sie dachte an die steife, gequält wirkende Gestalt des Stahlklauebergs und erinnerte sich an Anvars Bericht über den Tod des Moldan von Aerillia. Ja, sie wußte, das Basileus ebenfalls Freunde verloren hatte. Aber jetzt stand ihr Leben und das ihrer Freunde auf dem Spiel.

»Wie geht es nun weiter?« fragte sie das Windauge.

Chiamh zuckte mit den Schultern. »Es ist jetzt eine Stunde nach Mittag, vielleicht auch zwei«, erwiderte er. »Die Xandim haben neben den stehenden Steinen am Eingang des Tals ihr Lager aufgeschlagen. Khanu beobachtet sie. Wie ich vermutet habe, fürchten sie sich davor, weiterzugehen. Sie warten auf die Dämmerung des morgigen Tages und die Herausforderung eines neuen Rudelfürsten.«

Aurian seufzte. »Dann sollten wir besser mit Schiannath reden.« Sie schnitt eine klägliche Grimasse. »Wir waren so beschäftigt mit unseren Plänen, daß wir ihn nie danach gefragt haben, ob er das überhaupt machen will.« Und was ist, fragte eine leise, streitlustige Stimme in ihrem Hinterkopf, wenn er nicht will?

»Herrin«, sagte Chiamh zögernd. »Was ist mit der Vision?«

»Mit der was?« Aurian runzelte die Stirn.

»Du erinnerst dich – es war am Tag, nachdem dein Kind geraubt wurde. Wir sind hierhergekommen und haben geredet, und ich habe dir versprochen …«

»Ach, natürlich.« Die Ereignisse der vergangenen zwei Tage hatten Aurian dieses Gespräch ganz vergessen lassen. Chiamh hatte versprochen, mit den Winden zu reisen, um festzustellen, ob er das Flammenschwert irgendwo finden konnte …

»Die Vision muß vollzogen werden, bevor die Herausforderung stattfindet, falls wir es überhaupt wagen wollen«, erklärte ihr das Windauge drängend. »Wer weiß, was heute abend oder morgen früh mit uns geschehen mag? Wenn Phalihas den Sieg davonträgt, kann ich mein Leben in Minuten messen.«

»Wenn Phalihas dir etwas antun will, muß er es zuerst mit Anvar und mir aufnehmen«, schwor Aurian. »Trotzdem, ich glaube, du hast recht. Wir sollten die Sache so bald wie möglich hinter uns bringen. Es ist von größter Bedeutung, daß ich das Schwert finde. Wir haben schon viel zuviel Zeit im Süden verloren, und nur die Götter wissen, was Miathan in Nexis anstellt.« Mit einiger Mühe gelang es ihr, diesen Gedanken zu verdrängen. Sie konnte sich nicht um alles gleichzeitig kümmern. Also wandte sie sich wieder lächelnd an das Windauge. »Ich danke dir, Chiamh – für alles. Ich weiß nicht, wie wir es in den vergangenen Tagen ohne dich geschafft hätten.« Er war nicht der einzige, bei dem sie sich bedanken mußte, überlegte Aurian. Wie stand es mit den beiden letzten treuen Geflügelten, die sie und ihre Kameraden vor dem sicheren Tod bewahrt hatten? Sie fragte Basileus, wo die beiden steckten, und fand heraus, daß sie in einer Nische in den zerklüfteten Wänden der großen Felsspitze hockten und fest schliefen.

Der Gedanke an die Geflügelten jagte ihr in bezug auf ihre übrigen Gefährten einen plötzlichen Schrecken ein, aber ein schneller Blick durch die Höhle zeigte, daß sie alle unverletzt waren. Alle, bis auf Bohan, hatten in Chiamhs Turm Zuflucht gefunden. Shia schlief am Fußende des Bettes, das sich Aurian mit Anvar teilte. Wolfs Stiefeltern lagen ganz in der Nähe und hatten sich so ineinander verschlungen, daß man den einen nicht vom anderen unterscheiden konnte. Schiannath schlief in einem Nest wollener Decken auf dem Fußboden, während Yazour und Iscalda Chiamhs Nahrungsmittelvorräte durchstöberten und ein karges Mahl für sich und ihre Freunde bereiteten. Sangra lag unter einem Haufen Pelze auf dem anderen Felsenbett, aber der Platz neben ihr war leer … Aurian runzelte die Stirn. Wo war Parric?

»Parric ist draußen«, stellte Chiamh fest. Dann runzelte er die Stirn. »Aus irgendeinem Grund ist er unglücklich und verärgert über die Ereignisse der vergangenen Nacht. Darüber daß du nicht aufbrechen wolltest, bevor Anvar in Sicherheit war.«

»Aber natürlich wollte ich das nicht!« rief Aurian überrascht.

Sie fand den Kavalleriehauptmann nicht weit entfernt von der großen Steinspitze, an der Stelle, an der ein Wasserfall aus den Bergen herunterdonnerte und über einen Nebenfluß in den Strom floß, der sich das Tal hinunterwälzte. Als Aurian näher kam, sah der kleingewachsene Mann sie ausdruckslos an.

»Was ist los?« Aurian setzte sich neben ihn.

Der Kavalleriehauptmann runzelte finster die Stirn. »Forral war mein Freund.« Er sah sie jetzt voll an. »Hast du denn gar keinen Respekt für sein Andenken, daß du so schnell Ersatz für ihn gefunden hast?« murmelte er grollend. »Konntest du nicht mal eine anständige Trauerzeit einhalten?«

»Und auf was sollte ich warten?« Aurian sah ihn wütend an. »So wie die Dinge liegen, weiß ich ja nicht mal, ob mir eine ordentliche Trauerzeit bleibt! Begreifst du denn nicht, was ich durchgemacht habe, als Forral starb? Weißt du nicht, wie sehr ich getrauert habe? Forral selbst hat mich vor langer Zeit gewarnt, daß ich, die Magusch, ihn überleben würde – obwohl keiner von uns erwartet hat, daß das Ende so bald erfolgen würde. Er hat mir gesagt, ich solle mir jemand anderen suchen und glücklich sein.« Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen. »Ich habe mich zuerst gegen Anvars Liebe gesträubt«, fügte sie leise hinzu. »Aber am Ende mußte ich mir eingestehen, daß ich ihn auch liebe.«

Sie sah dem Kavalleriehauptmann in die Augen. »Parric, wir sind schon seit langer Zeit Freunde, aber wenn du das nicht verkraften kannst, ist es nicht mein Problem. Ich habe mich mit Forrals Tod abgefunden, und wenn du das nicht akzeptieren kannst, dann tut es mir leid, aber es ist nicht dein Leben. Es hat nichts mit dir zu tun oder mit irgend jemand anderem, sondern nur mit mir und Anvar.«

»Und wenn dir Aurian wirklich am Herzen läge, würdest du dich darüber freuen, daß sie ein neues Glück gefunden hat.« Aurian fuhr erschrocken herum und sah noch aus den Augenwinkeln, wie Parric auf die Füße sprang. Anvar stand hinter ihnen. »So weit wir wissen«, fuhr er leise an Parric gerichtet fort, »bist du Aurians ältester noch lebender Freund. Was du auch von mir halten magst, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, diese Freundschaft zu beweisen.«

»Du hältst dich da raus!« fauchte Parric. »Das geht dich nichts an.«

»Da irrst du dich«, erwiderte Anvar ruhig, ohne seinen Blick von dem älteren Mann abzuwenden. »Aurians Glück geht mich sehr wohl etwas an – und je schneller du dich daran gewöhnst, um so besser wird es für uns alle sein.«