Einen Moment lang war die Spannung zwischen den beiden Männern beinahe körperlich spürbar, dann explodierte Parric. »Solches Gerede brauche ich mir von einem früheren Maguschknecht nicht gefallen zu lassen.« Er stieß Anvar mit dem Ellbogen grob zur Seite. »Geh mir aus dem Weg!«
Anvar hielt Parric am Arm fest, und in seinen Augen blitzten Feuer und Eis auf. »Nein – aber du mußt es dir von einem Mann gefallen lassen, in dessen Adern Maguschblut fließt und der außerdem Aurians Seelengefährte ist.«
Parric riß sich mit einem unzusammenhängenden, zornigen Fluch los, und seine Hand fuhr an den Griff seines Schwertes.
»Hört auf mit diesem Wahnsinn, alle beide!« Aurian sprang zwischen sie. Dann bedachte sie den wutschnaubenden Kavalleriehauptmann mit einem kalten Blick. »Du solltest dich schämen, Parric«, sagte sie leise, aber sehr deutlich. »Was würde Forral denken? Das hier würde ihn mehr betrüben als alles, was geschehen ist, seit Miathan das Böse über uns gebracht hat.«
Sie streckte ihm die Hände entgegen, und ihr grimmiger Gesichtsausdruck wurde weicher. »Abgesehen von Forral seid ihr, du und Maja, die ersten sterblichen Freunde, die ich je gehabt habe. Als Krieger weißt du, wie es ist, einen geliebten Menschen im Kampf zu verlieren; aber du weißt auch, daß das Leben weitergeht, weitergehen muß.« Sie holte tief Luft. »Wenn ich dir überhaupt etwas bedeute, solltest du Anvar dankbar sein, statt ihm Vorwürfe zu machen, denn ohne ihn wäre ich heute nicht hier. Er hat mir nicht nur ungezählte Male das Leben gerettet, sondern er war es auch, der mir nach Forrals Tod den Willen gegeben hat, überhaupt weiterzuleben.« Sie wandte sich mit einem schiefen Grinsen ihrem Seelengefährten zu. »Er war in dieser Hinsicht übrigens scheußlich stur – von der allerersten Nacht an, in der wir flußabwärts flohen und er mir einfach nicht erlauben wollte, uns im Wehr zu ertränken.«
Parrics Hand, die auf dem Schwertgriff gelegen hatte, fiel herunter. »Du wolltest dich ertränken?« Er sah Aurian vorwurfsvoll an. »Stimmt das?«
Anvar zuckte mit den Schultern. »Sie war jedenfalls verdammt nah dran«, gab er zu. »Und ehrlich gesagt, es war nicht das letzte Mal.« Er lächelte seine Seelengefährtin um Verzeihung heischend an, aber sie nickte ihm aufmunternd zu.
»Meistens wußte ich gar nicht richtig, was ich tat, wenn ich mich zu so übereilten Dingen hinreißen ließ«, sagte sie, »aber Anvar hat immer auf mich aufgepaßt. Er kannte mich besser als ich selbst.«
Parric sah die beiden Magusch lange an; sein Gesicht war ausdruckslos, aber Aurian stellte mit Erleichterung fest, daß die häßliche Zornesröte von seinen Zügen verschwunden war. Dann rieb er sich mit der Hand übers Gesicht, zuckte die Achseln und seufzte, bevor er Aurians ausgestreckte Hand ergriff. »Es tut mir leid, Mädchen. Ich wußte nicht, daß es so schlimm für dich war. Kannst du einem dummen, alten Kerl noch einmal verzeihen?«
»O Parric!« Aurian zog ihren Freund an sich. »Du tust dir unrecht. Ich würde nicht sagen, daß du alt bist«, fügte sie mit einem hinterhältigen Lächeln hinzu.
Das brüllende Gelächter des Kavalleriehauptmanns löste auch noch den letzten Rest der Spannung, die sie alle in ihrem Bann gehalten hatte. »Eine Sache jedenfalls hat sich also nicht geändert«, schnaubte er. »Deine böse Zunge ist genauso scharf wie je zuvor.«
»Ich glaube nicht, daß ich mich sehr verändert habe«, protestierte Aurian. »Das habe ich doch nicht, oder?«
Parric schüttelte den Kopf. »Nein, jedenfalls nicht im Herzen – obwohl es lange genug gedauert hat, bis das in meinen dicken Schädel hineingegangen ist. Du bist einfach erwachsen geworden, das ist alles. Und deine Kraft hat in einem solchen Maße zugenommen, daß es mich wahrscheinlich erschreckt hat, obwohl ich mir das bisher nicht eingestehen konnte. Es war viel einfacher, statt dessen Anvar die Schuld zu geben. Ich hätte nie gedacht, daß er dir nach Forrals Tod die Kraft zum Weiterleben gegeben haben könnte. Wegen all der Dinge, die in letzter Zeit geschehen sind, hattest du nie die Zeit, mir die ganze Geschichte zu erzählen.«
»Vielleicht sollte ich dir besser alles erzählen«, warf Anvar grinsend ein. »Einige ihrer Eskapaden würden dir die Haare zu Berge stehen lassen.«
»Was soll das denn heißen!« explodierte der Kavalleriehauptmann. »Ihr verdammten Magusch. Du bist ja genauso schlimm wie sie!« Dann hielt er Anvar die Hand hin. »Es tut mir leid, Junge. Alles, was ich über dich gesagt habe. So wie die anderen sich benommen haben, vor allem diese verrückte Hexe Meiriel, hat es mir wahrscheinlich einfach nicht gefallen, schon wieder mit einem Magusch zu tun zu haben. Aber du hast dich nicht von mir einschüchtern lassen, und das hat mich beeindruckt. Ich habe dich früher nie richtig kennengelernt, aber Forral meinte immer, du wärst ein guter Kerl. Ich hätte seinem Urteil vertrauen sollen – seinem und Aurians.«
»Ja, das hättest du«, sagte Aurian. »Aber wir haben in den letzten Monaten alle viel durchgemacht, Parric. Ich bin sicher, wir können dir einen Fehler durchgehen lassen«, fügte sie mit arroganter Herablassung hinzu.
»Mir durchgehen lassen? Also wirklich, du …«, stotterte Parric entrüstet und sah, wie sie grinsend zur Kenntnis nahm, daß sie ihn wieder einmal gefoppt hatte wie damals in lange vergangenen Tagen in der Garnison von Nexis.
Aurian hob eine Augenbraue. »Reingefallen, Parric. Du schuldest mir ein Bier«, krähte sie.
»Nicht schon wieder«, stöhnte Parric. »Ich fürchte, ich muß dir dein Bier schuldig bleiben, bis wir nach Nexis zurückkehren – falls wir bis dahin nicht schon lange quitt sind«, drohte er und stimmte dann in das Gelächter der beiden Magusch ein.
Chiamh, der die drei gemeinsam zu seinem Turm zurückkehren sah, war erleichtert darüber, daß sie ihre Meinungsverschiedenheiten – worin auch immer diese bestanden haben mochten – endlich beigelegt hatten. Manchmal fand er die merkwürdige Verhaltensweise dieser Fremdländer einfach unglaublich, aber er hatte sie alle in der kurzen Zeit in sein Herz geschlossen.
»Hallo, Chiamh!« rief Parric. »Hast du noch etwas von diesem scheußlichen Met da, den du immer braust? Ich finde, die Gelegenheit schreit geradezu nach ein oder zwei Bechern davon.«
Aurian legte ihm eine Hand auf den Arm, und ihr Gesicht wurde plötzlich ernst. »Nicht jetzt«, sagte sie warnend. »Wir haben keine Zeit zum Trinken – wir stecken immer noch in beträchtlichen Schwierigkeiten. Anvar und ich haben noch etwas mit Chiamh zu erledigen, und dann müßt ihr beide, du und er, hinunter zu den Toren des Tales gehen und den Xandim-Ältesten eure Entscheidung mitteilen.«
»Das ist leider wahr«, pflichtete Chiamh ihr bei. »Und es kommt noch schlimmer – ich muß Phalihas erlauben, seine Menschengestalt wieder anzunehmen, damit er sich der üblichen Nachtwache unterziehen kann. Das Risiko, daß man uns überfällt, ist zu dieser Zeit am größten.« Er schauderte. »Sobald Phalihas wieder seine menschliche Gestalt angenommen hat, haben die Xandim keinen Grund mehr, mich zu verschonen. Windauge oder nicht, ich kann von Glück sagen, wenn ich mit dem Leben davonkomme.«
»Dir wird nichts passieren«, sagte Anvar entschlossen. »Aurian und ich werden dich beschützen.«
»Ja, das werden wir«, stimmte Aurian zu. »Aber zuerst müssen wir Schiannaths Zustimmung einholen. Angenommen, er möchte nicht Rudelfürst werden?«
»Ich glaube, in dieser Hinsicht habt ihr nichts zu befürchten«, sagte Chiamh zuversichtlich. »Dennoch wird es langsam Zeit, daß wir ihn fragen.«
»Ich soll was?« Schiannath starrte die vier Leute, die vor ihm standen, ungläubig an – Aurian, Anvar, Chiamh und Parric – und stellte fest, daß ihm vor lauter Fassungslosigkeit der Mund offenstand. Hastig schloß er ihn wieder, aber in seinen Gedanken herrschte immer noch Aufruhr. »Ihr wollt mir wirklich noch einmal die Chance geben, Rudelfürst zu werden?« wiederholte er, unfähig die unglaublichen Möglichkeiten einer solchen Gelegenheit so schnell zu erfassen. »Ihr könnt das wirklich tun, und die Xandim werden es akzeptieren?«