»Wenn du die Herausforderung als gewählter Stellvertreter des augenblicklichen Rudelfürsten stellst, geschieht das völlig im Einklang mit den Gesetzen«, versicherte ihm Chiamh. »Sie müssen es akzeptieren, auch wenn es ihnen nicht gefällt.«
»Es braucht ihnen auch nicht zu gefallen, verdammt noch mal!« brauste Aurian auf. »Ich will nur wissen, ob Schiannath mit dieser Entscheidung einverstanden ist. Ich möchte ihn nicht unter Druck setzen.« Mit diesen Worten wandte sie sich noch einmal an den Xandimkrieger. »Schiannath – bist du wirklich sicher, daß du das willst? Hast du die Risiken bedacht, die mit einer Herausforderung verbunden sind? Chiamh sagt, letztes Mal hättest du …«
»Bitte, Herrin, beurteilt mich nicht nach dem letzten Mal.« Schiannaths Gesicht zeigte felsenfeste Entschlossenheit. »Ich habe in der Zwischenzeit viel gelitten, und ich habe viel hinzugelernt. Diesmal wird es anders sein. Das letzte Mal habe ich aus Haß gekämpft, aber diesmal werde ich aus Liebe kämpfen.«
Seine Worte weckten in der Magusch die Erinnerung an etwas, das Forral vor langer Zeit einmal zu ihr gesagt hatte, als er sie in den Kampfkünsten unterwies: »Wenn die anderen Faktoren ungefähr gleich sind, wird ein Krieger, der für eine gute Sache kämpft, für eine Sache, an die er glaubt, immer über einen Krieger siegen, dessen Motive zerstörerischer Natur sind. Seine Leidenschaft wird ihm die Schärfe des Blicks geben, die er braucht, um den Kampf für sich zu entscheiden.«
Aurian nickte ihm verständnisvoll zu. »Ja, du hast recht, Schiannath. Nun denn – es ist entschieden.« Sie griff nach seiner Hand. »Ich wünsche dir alles erdenkliche Glück, mein Freund.«
»Schiannath – nein! Wie konntest du dir nur so einen Wahnsinn einreden lassen?« Iscaldas Augen blitzten wütend auf, und Schiannath schrak vor dem Schmerz, der sich auf ihrer Miene widerspiegelte, zurück.
»Meine liebste Iscalda – hör mir doch wenigstens zu …« Er versuchte, sie zu besänftigen, und legte ihr einen Arm um die Schultern, aber sie riß sich mit einem Fluch von ihm los.
»Wie konntest du dir das antun – und mir? Hast du denn gar nichts gelernt aus all den Dingen, die beim letzten Mal passiert sind? Phalihas wird dich nicht noch mal ins Exil schicken, du Narr. Diesmal wird er dich töten.«
»Das wird er nicht.« Schiannath rang um Gelassenheit. »Diesmal wird es anders sein; er wird nicht gewinnen.«
»Wie kannst du das wissen«, fauchte Iscalda ihn an. »Du setzt dein Leben aufs Spiel …«
»Ja – aber für ein großes Ziel.«
»Was für ein großes Ziel?« brauste Iscalda auf. »Für Macht? Für Ruhm?« Sie spuckte verächtlich auf den Boden. »Das ist wirklich typisch Mann, einfach zu …«
»Würdest du bitte still sein und mir zuhören?« Schiannath packte seine Schwester bei den Schultern, und sein Griff war hart genug, um ihren Wortschwall zum Erliegen zu bringen. »Jetzt hör mir endlich zu«, wiederholte er und atmete tief durch. »Ich gestehe, daß ich meine erste Herausforderung aus Gründen ausgesprochen habe, die du mit Recht verachtest. Ich war jung, rebellisch und töricht – und ich weiß, daß ich von Glück sagen kann, mit dem Leben davongekommen zu sein. Viel mehr zählt für mich die Tatsache, daß ich beinahe dein Leben verwirkt hätte und daß du wegen mir leiden mußtest. Nein, Parric hat mir, obwohl ich es nie erwartet hätte, noch eine Chance gegeben, gegen Phalihas zu kämpfen – aber Macht und Ruhm sind das letzte, um das es mir dabei geht.«
Er hielt inne und sah ihr tief in die Augen. »Das letzte Mal habe ich für mich selbst gekämpft, Iscalda. Diesmal kämpfe ich für dich. Wenn Phalihas nicht aufgehalten wird – und für immer aufgehalten wird –, hat er alles Recht, darauf zu bestehen, daß du dein Ehegelöbnis einhältst.«
Iscalda stöhnte und wurde blaß. »Ja«, sagte Schiannath mit einem Nicken. »Und er wird dich um meinetwillen leiden lassen. Ich kann und werde nicht zulassen, daß das passiert. Also muß ich gegen ihn kämpfen, ein letztes Mal noch – um deine Sicherheit und um deine Zukunft.«
Tränen strömten aus Iscaldas Augen, aber der sture Zug um ihren Mund war immer noch deutlich zu sehen. »Das ist mir egal«, flüsterte sie. »Ich würde lieber jede nur erdenkliche Demütigung von Phalihas erdulden, als zusehen zu müssen, wie er dich tötet.«
Schiannath legte die Arme um sie. »Mit ein wenig Glück«, beruhigte er sie, »wird Phalihas weder das eine noch das andere tun. Dafür werde ich schon sorgen.«
»Müssen wir da rauf?« stöhnte Aurian. »Könntest du deine Vision nicht im Tal vollziehen?« Sie stand am Fuß des Klippenpfades (wenn man diesem schmalen, trügerischen Stückchen Felsen mit der Bezeichnung Pfad nicht schon zuviel Ehre antat), der bis ganz nach oben in die Felsenspitze und zu Chiamhs Kammer der Winde führte.
Das Windauge schüttelte den Kopf. »Hier unten im Tal habe ich nicht genug Wind – und außerdem kann man für eine Vision gar nicht hoch genug sein. Ich sehe viel weiter und viel klarer da oben, wo die Luft soviel reiner ist und größere Bewegungsfreiheit hat.«
Aurian schaute die Felswand hinauf und erschauerte. Unwillkürlich stieg in ihr das schreckliche Bild von Bohans tödlichem Sturz auf. Die Welt um sie herum begann sich zu drehen, und sie fing an zu zittern. In panischer Angst klammerte sie sich an Anvars Hand. »Ich kann nicht«, flüsterte sie. »Ich schaffe es nicht da hinauf.«
»Es kann doch unmöglich die Höhe sein, die dir Sorgen macht«, versuchte Anvar sie zu ermutigen. »Also wirklich, die Felswand in Taibeth war viel höher als die hier, und der Turm des Drachenfelsens in Dhiammara auch. Die hast du beide problemlos bewältigt.« Er legte ihr tröstend den Arm um die Schulter. »Ist es die Art und Weise, wie Bohan gestorben ist, die dich so aufregt?«
Die Magusch nickte widerwillig, dankbar dafür, jetzt ihren Seelengefährten ansehen zu dürfen statt der drohenden Felswand – und noch dankbarer dafür, daß er so genau wußte, was in ihr vorging. »Du hast recht – es geht um den Aufstieg selbst«, sagte sie. »Wir haben noch nie einen so schwierigen Berg erklommen – und dann ist da natürlich die Erinnerung an das, was Bohan gestern nacht zugestoßen ist …« Plötzlich hielt sie inne, keuchte und zog Anvar mit einem erleichterten Lachen an sich. »Natürlich!« rief sie. »Ich danke dir, Anvar – du hast gerade die Lösung für mich gefunden. Wir brauchen nicht zu klettern.« Sie ließ ihre Hand in die Tasche ihres Gewandes gleiten und holte die schmale Pfeife aus geschnitzten Knochen hervor, mit der man die Himmelsleute herbeirufen konnte.
Von irgendwo hoch über ihnen ertönte ein schriller Antwortruf, gefolgt von dem dröhnenden Donnern von Schwingen. Die beiden Geflügelten flogen von ihrem luftigen Ruheplatz hoch oben irgendwo zwischen den Felsspalten des Gipfels nach unten und landeten wie ein Wirbelsturm zu Aurians Füßen.
Die beiden waren ein Paar, wie Aurian während ihres Abenteuers in der vergangenen Nacht herausgefunden hatte, als sie sie und ihre Gefährten aus dem belagerten Turm der Festung herausgeholt hatten. Ibis, der Mann, war für einen Geflügelten ziemlich groß und schlaksig, hatte weißes, an den Rändern schwarz abgesetztes Gefieder und war von ernster, bedachtsamer Natur. Falke, seine Gefährtin, war klein und gewandt, mit strahlenden Augen und braun geschecktem Gefieder. Obwohl sie häufiger lächelte als ihr Gefährte und mehr Sinn für Spiel und Spaß hatte, konnte die wilde Leidenschaft ihres Gebarens doch ein wenig erschreckend sein. Als die beiden Himmelsleute landeten, begannen sie gleichzeitig zu sprechen.
»Ihr könnt doch unmöglich schon wieder in Schwierigkeiten sein«, sagte Ibis mit besorgtem Stirnrunzeln.
»Ihr braucht Hilfe?« fragte Falke.
»Es ist zwar nicht direkt eine Notsituation, aber ich wäre euch für eure Hilfe überaus dankbar«, erklärte ihnen die Magusch. Sie zeigte auf die Felsenspitze. »Könnt ihr mich dort hinaufbringen?«