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Sie konnten und taten es, indem sie Aurian, wie schon am Vorabend, bei den Armen faßten und sie zu Chiamhs Kammer der Winde flogen, wo sie sie so sanft wie eine Feder auf die flache, breite, windgepeitschte Plattform aus Stein setzten. Das Windauge folgte mit der Leichtigkeit langer Übung seinem normalen Weg und hatte schon einen Teil der Felswand hinter sich, so daß er sich bald zu ihr gesellen würde. Während die Geflügelten nun Anvar holten, der sich ebenfalls für diese einfachere Methode entschieden hatte, sorgte Aurian dafür, daß sie sich möglichst in der Mitte der Plattform hielt, weit entfernt von dem gefährlichen Abgrund. Neugierig sah sie sich um.

Das erste, was sie bemerkte, war der Wind, der hier oben zwischen Himmel und Erde viel stärker war. Er heulte und pfiff auf seinem Weg von Norden wie ein aufgewühlter Fluß, blies Aurian das Haar aus dem Gesicht und schmerzte ihr mit seiner Kälte in den Ohren, während er um ihren zitternden Körper herumwehte und den flatternden Umhang von ihren Schultern zerrte. Sie hatte das Gefühl, von einem lebendigen Wesen angegriffen zu werden und spürte seine gnadenlose, unerbittliche Gewalt. Wer war Chiamh, daß er eine solch elementare Wildheit zu beherrschen vermochte? dachte sie schaudernd.

Um sich ein wenig abzulenken, zwang sie sich, ihre Umgebung genauer zu betrachten. Das Gebäude sah nach typischer Moldanmanier aus, als wäre es natürlich gewachsen und nicht von Menschenhand erbaut worden. Der kreisförmige Boden war flach und glatt und von geradezu atemberaubendem Glanz. Vier gewaltige Säulen trugen das Dach. Der Blick war ungeheuerlich, im Süden nur versperrt durch die Felsen und den oberen Gipfel des Windschleiers. Im Westen und Osten bildeten lange, bewaldete Hänge die Arme von Chiamhs Tal, und dahinter lagen die schneebedeckten Häupter anderer Berge. Aurian blickte nach Westen und wandte sich schaudernd von dem zerstörten Gipfel der Stahlklaue ab, bevor sie nach Norden blickte, hinunter in das Tal und das dahinterliegende Plateau. Dieser Ausblick war sogar noch beunruhigender. Bunte Pünktchen übersäten die Wiese hinter dem Eingang zum Taclass="underline" Dort hatten sich die Xandim versammelt. Aurian war plötzlich von einer gestaltlosen Angst um Schiannath und Chiamh erfüllt, die am nächsten Tag mit diesen Leuten – ihrem eigenen Volk! – einen erbitterten Kampf austragen würden. Sie war so in ihre Sorgen vertieft, daß sie das Flügelschlagen hinter sich nicht hörte, bis sie die tröstliche Berührung von Anvars Hand spürte. Mit einer kläglichen Grimasse drehte sie sich zu ihm um. »Ich weiß«, sagte sie seufzend. »Wir werden schon irgendwie damit fertig.«

»Natürlich werden wir das. Und zwar nicht nur wir beiden, sondern auch alle anderen. Jetzt, da wir Parric wieder auf unserer Seite haben …« Anvars Grinsen konnte nicht über seine Erleichterung hinwegtäuschen. Aurian sah einen Anflug von Schmerz in seinen Augen. »Er war der letzte, von dem ich erwartet hätte …«

»Ich hätte eigentlich schon lange merken müssen, daß ihn irgend etwas bekümmert«, erwiderte die Magusch. »Er und Forral haben sich immer so nah gestanden – er brauchte einfach Zeit, um zu akzeptieren, daß sich so vieles verändert hat. Aber jetzt kommt alles wieder in Ordnung.«

Ihr Gespräch wurde von Chiamhs Ankunft unterbrochen, der nach dem anstrengenden Marsch schwer atmete. Er zögerte, als er die beiden Magusch sah, und fühlte sich wie ein unbeholfener Eindringling. Sie schienen so tief in ihr Gespräch versunken zu sein, daß es ihm widerstrebte, sie zu unterbrechen.

Aurian hatte sein Keuchen jedoch gehört und drehte sich sofort zu ihm um. »Das geschieht dir recht – du hättest den einfachen Weg hier herauf wählen sollen, genau wie wir«, zog sie ihn mit einem schelmischen Grinsen auf.

»Nein danke«, erwiderte Chiamh schaudernd. »Wenn die Göttin gewollt hätte, daß ich fliege, dann hätte sie mir eigene Flügel gegeben.«

»Und wenn sie gewollt hätte, daß ich klettere, hätte sie mir Füße gegeben, wie eine Fliege sie hat«, entgegnete die Magusch schnell.

»Ja, aber Fliegen haben zusätzlich noch Flügel«, fügte Anvar hinzu, der seinen eigenen Anteil an ihrem Geplänkel beanspruchte. »Also, was will uns das sagen?«

»Vielleicht sollten wir das Klettern und Fliegen für den Augenblick besser vergessen und uns darauf konzentrieren, die Winde zusammenzurufen.« Es fiel Chiamh schwer, dem gutgelaunten Gespräch seiner Kameraden, das eine solche Erleichterung war nach den schrecklichen Ereignissen der vergangenen Nacht, ein Ende zu bereiten, aber er wollte die Vision so bald wie möglich hinter sich bringen. Wie immer würde ihn die Anstrengung einer solchen Prozedur viel Kraft kosten, und in den nächsten Stunden standen ihm noch viele weitere harte Prüfungen bevor.

Aurian nickte ernst. »Was sollen wir tun?«

»Ziemlich wenig«, erklärte ihr Chiamh. »Ich habe keine Ahnung, ob eure Kräfte Zugang haben zu dieser Art von Magie. Wenn wir Glück haben, könnt ihr die Vision vielleicht mit mir teilen, aber wenn nicht, dann haltet euch einfach zurück, hört zu – und seid meine Zeugen.« Er lächelte die beiden Magusch ein wenig kläglich an. »Um die Wahrheit zu sagen, bin ich euch für eure Anwesenheit und eure Hilfe viel dankbarer, als ich euch sagen kann. Eine solche Vision war für mich bisher immer eine einsame und erschreckende Erfahrung.«

»So wie das Reisen auf dem Wind es früher war«, sagte Aurian sanft, und Chiamh erinnerte sich an den Abend im Turm von Incondor, als sie mit ihm zusammen auf dem Wind nach Aerillia geflogen war. Da er zum ersten Mal in seinem Leben eine solche Reise nicht allein unternahm, hatte er plötzlich eine überschäumende, nie gekannte Freude an seinen magischen Kräften empfunden. Sein Leben hatte sich in jener Nacht verändert, und er war der Magusch dankbar dafür, daß sie ihn zu diesem wichtigen Zeitpunkt daran erinnerte. Sein Blick traf den ihren, und sie sahen einander verständnisvoll an.

»Vielleicht wird es diesmal auch so sein«, sagte er zu ihr. »Aber das werden wir ja bald wissen.«

Chiamh schloß die Augen und konzentrierte sich mit all seiner Kraft auf das Herbeirufen der uralten, geheimnisvollen Kräfte des Windauges – und keuchte, als hätte er einen atemlosen Sprung in einen eisigen Strom gewagt. Die alles verzehrende Kälte seiner Andersicht schlang sich um seinen Leib, und er sah nur noch schimmerndes Silber vor sich, während sich seine Augen verwandelten. Als sein Blick wieder klar war, riß er sich zusammen und spähte in die Anderwelt hinein, die sich ihm nun enthüllte.

Im Sonnenlicht unterschieden sich die Bilder seiner Andersicht ein wenig von jenen, die er sah, wenn seine Umgebung in Dunkelheit gehüllt war. Die unruhigen Ströme des Windes zeigten sich nicht in ihrer gewohnten silbernen Helligkeit, sondern hatten das Funkeln und den Schimmer von Mondsteinen, feurigen Opalen und flüssigem Gold angenommen. Der Stein, aus dem die nahen Berge und seine Kammer der Winde bestanden, hatte ein kristallines amethystfarbenes Glitzern angenommen, und die lebendige Aura der beiden Magusch an seiner Seite erstrahlte in dem blendenden Schein zweier flirrender Regenbogen. Chiamh knirschte mit den Zähnen und riß seine Aufmerksamkeit von der gefährlichen Verlockung solcher Schönheit los. Mit langen, tiefen Atemzügen brachte er sich wieder unter Kontrolle, dann streckte er die Hände aus, die ihren eigenen, verwirrenden Schimmer hatten. Er mußte die Augen gegen das Licht zusammenkneifen, das aus seinem Innern strömte, bevor er die beiden flatternden Windfäden ergreifen konnte, die sich ihm entgegenstreckten; dann formulierte er in Gedanken die Frage, die er hatte stellen wollen.

Das Windauge arbeitete mit den Strängen lebendiger Luft, beherrschte und formte sie, zog sie auseinander zu einer breiten, leuchtenden Scheibe, die wie ein opalisierendes Netz zwischen seinen Fingern flatterte. Als er tief hineinspähte und seinen eigenen Willen der Macht der Vision unterstellte, spürte er, wie er immer tiefer und tiefer in den Mahlstrom aus Licht gezogen wurde, bis er alle Bewußtheit seiner selbst weit hinter sich gelassen hatte und sein Geist auf der Suche nach Antworten davonwirbelte.