Chiamh kam mit einem Ruck wieder zu sich und spürte den Unterschied sofort. Es funktionierte! Sein Herz vollführte einen Freudensprung. Der Luftspiegel hatte sich zwischen seinen Händen in ein lebendiges Wesen verwandelt. Er, Chiamh, hatte sich aufgegeben – und als Gegenleistung überantwortete ihm der Wind jetzt seine Kräfte des Wissens. Das Windauge schaute tief in den Spiegel hinein und sah mit weit aufgerissenen Augen zu, wie sich in seinen feurigen Tiefen Bilder zu formen begannen.
Zwei große Hengste, einer schwarz, einer wolkengrau, kämpften im Morgengrauen auf einem windgepeitschten Plateau. Einer taumelte – stürzte –, große Hufe wirbelten über den Boden, und ein Strudel dunkelroten Blutes schoß in die Höhe und versperrte ihm die Sicht. Chiamh hielt den Atem an. Welcher der Hengste war gestürzt? Welcher?
Aber als das Blut fort war, hatte sich die Vision gewandelt. Der Spiegel verdüsterte sich zu einer Schwärze, die so tief war, daß das Windauge zunächst glaubte, seine Vision verloren zu haben – dann zerriß ein greller Lichtblitz den Himmel, und er sah den brutalen Ansturm regengepeitschter Wellen mit kochenden, weißen Gischtkämmen, Wellen, die sich gegen die zerklüfteten Felsen einer Landzunge warfen … Im nächsten Augenblick durchdrang seine Andersicht den schwarzen Kessel der Wellen und traf monströse Gestalten, die unterhalb des Wassers schwammen; wartend … Dann war alles wieder dunkel, bis ein neuerlicher Lichtblitz Aurian zeigte, wie sie über den Rand der Felsen zu schweben schien. Sie sprang mit dem sauberen Schwung eines jungen Lachses mitten in die kochenden, tobenden Wellen hinein …
Chiamh stöhnte vor Entsetzen. Unwillkürlich schloß er die Augen, und als er sie wieder öffnete, sah er eine so atemberaubende Schönheit vor sich, daß das Entsetzen der vorangegangenen Vision sofort vergessen war. Es war ein Einhorn: eine unirdische Kreatur, durchscheinend und ätherisch, geformt aus allen erdenklichen Arten von Licht. Das Einhorn wandte ihm seinen schön geformten Kopf zu, um ihn anzusehen, und warf eine Mähne zurück, die wie ein Sonnenaufgang auf einem Wirbel morgendlichen Nebels war. Dann scharrte es mit seinen silbernen Hufen auf dem Boden, und Sonnenstrahlen sprühten auf, bevor es in die Dunkelheit eintauchte. Chiamhs einziger Anhaltspunkt war das aus Mondlicht gesponnene Funkeln, das das Fell des Einhorns verströmte, und das Sternenlicht, das wie ein glitzernder Kometenschwanz von seinem gewundenen Horn ausging …
Chiamh folgte dem Einhorn und fand sich plötzlich im Sonnenlicht wieder, das dickflüssig wie Met in dem Kelch eines dicht bewaldeten, grünen Tales lag. Das Bild schimmerte, als betrachte er es durch hitzeflirrende Luft, und es lag unter einem Netz, das aus der stärksten Magie gewoben war, die er je gesehen hatte. Trotz der unirdischen Schönheit dieser Vision verspürte das Windauge einen Stich qualvoller Angst wie ein Schwert, das ihm in die Eingeweide gerammt wurde, und er brauchte seine ganze Kraft, um nicht vor Entsetzen zu fliehen. Er blickte von oben hinunter, aus der Perspektive eines Adlers, und sah das Einhorn an einer schmalen Holzbrücke stehen, die zu einer Insel inmitten eines stillen Sees führte. Auf der Insel ruhte ein Juwel – ein gewaltiger, blutroter Edelstein –, und in seinem Innern konnte man die schattenhafte Silhouette eines Schwertes erkennen. Die scharfe Klinge, die in das pulsierende Licht des blutroten Herzens des Kristalls eingebettet lag, sah aus, als wäre sie von Blut getränkt. Sie summte in ihrem eigenen Rhythmus, ganz hingegeben an das Wissen um ihre schlafende Macht, und sang Lieder von Sieg und Opfer, die Gestalt annahmen und wie glutrote Lichtfunken in den Himmel schossen. Wie blutige Finger streckten sie sich nach dem Windauge aus, packten es und rissen es mit sich fort, und in ihrer grausamen Umklammerung sah Chiamh das Schicksal, das er gefürchtet hatte: das Ende der Xandim.
Mit einem Entsetzensschrei, der sich aus den Tiefen seiner Seele löste, floh Chiamh, ohne zu wissen, wo er hinging noch wie er dort hinkam; er wollte nur weg von dem Schwert und dem zweischneidigen Schicksal, das es bereithielt. Die Dunkelheit verschlang ihn, und er ließ sich in seiner verzweifelten Sehnsucht nach einem Versteck, nach Beistand und Hilfe dankbar hineinfallen …
»Chiamh – Chiamh! Wach auf, verdammt noch mal! Komm zurück zu uns. Bitte …«
Jemand schlug ihm ins Gesicht, dann bohrten sich Finger schmerzhaft in seine Schultern, schüttelten ihn … Das Windauge spürte den starken Zug eines Geistes, nein – zweier Geister –, die an seinem Bewußtsein zerrten; sie hielten ihn fest, stützten und trösteten ihn und zogen ihn langsam, aber sicher in das wohltuende, normale Licht des Tages zurück. Einen Augenblick lang bekämpfte er sie in blinder, gedankenloser Panik, dann kehrte die Erinnerung zurück, und er erkannte die vertraute, geistige Berührung der beiden Magusch. Dankbar und vertrauensvoll überließ er sich seinen Freunden und gestattete ihnen, ihn nach Hause zu bringen.
18
Hornruf und Sonnenaufgang
Chiamhs Mund war wie ausgedörrt, als er sich den beiden riesigen Stehenden Steinen näherte, die in der Sprache der Xandim als die Pforten zum Tal des Todes bekannt waren. Hinter ihnen, auf dem schmalen Rasenstück vor dem Eingang des Tals, konnte er die farbenprächtigen Zelte der Xandim sehen, die die Männer auf dem grünen Rasen zu beiden Seiten des Tores aufgestellt hatten, so daß der größte Teil des Plateaus für die morgige Herausforderung freigeblieben war. Das rote Licht der untergehenden Sonne funkelte wie Feuer und Blut auf einem grimmigen, dornigen Dickicht aus Speerspitzen und gezückten Schwertern.
Obwohl Chiamh noch ein ganzes Stück entfernt war, hatte man ihn bereits gesehen. Ein ärgerliches Murmeln erhob sich über der feindselig gesinnten Menge. Dieses häßliche Geräusch, das wie das zornige Dröhnen eines zerstörten Hornissennestes klang, hallte innerhalb der schmalen, häßlichen Felswänden wider und stieg ihm wie eine überwältigende Flutwelle des Grolls und des Hasses entgegen. Chiamh hielt in dem scheinbaren Schutz der letzten Baumgruppen inne und kämpfte gegen den Widerwillen an, sich dieser Mauer pulsierenden, blutrünstigen Hasses weiter zu nähern. Plötzlich war er unendlich dankbar dafür, daß er die beiden Magusch sowie Aurians Freundin bei sich hatte, die ehrfurchtgebietende große Katze – deren männlicher Begleiter mit den beiden Himmelsleuten im Tal geblieben war, um Wolf und seine Pflegeeltern zu bewachen. Und natürlich waren da noch seine anderen Kameraden, seien es nun Fremdländer oder Xandim. Er brauchte ihre Hilfe, wie er noch nie zuvor Hilfe gebraucht hatte – er bezweifelte, daß selbst seine legendäre Großmutter allein mit einer solchen Krise fertiggeworden wäre –, und Chiamh hatte sich bereits völlig verausgabt, als er die Anstrengungen und die alptraumhaften Ängste der Vision durchlitt, die er für Aurian unternommen hatte.
Wäre es nicht die Zeit der Herausforderung gewesen, hätte die Magusch ihm überhaupt nicht erlaubt, mitzukommen. Jetzt, da sie herausgefunden hatte, welche Risiken mit einer solchen Vision verbunden waren, war sie außerdem noch wütend auf ihn – obwohl sie merkwürdigerweise noch wütender auf sich selbst war; sie fand, sie hätte ein solches Wagnis überhaupt nicht erst von ihm verlangen dürfen, obwohl er ihr absichtlich die möglichen Gefahren vorenthalten hatte.
Die beiden Magusch hatten Chiamh mit ihren magischen Kräften nicht in seine Vision folgen können, so daß sie gezwungen waren, sich auf das zu verlassen, was er ihnen erzählte. Auf diese Weise war das Windauge in der Lage gewesen, das entsetzliche letzte Bild vor ihnen zu verbergen. Er wünschte nur, er könnte es auch vor seinen eigenen Gedanken verborgen halten.
Jetzt, während er dem Ort der Herausforderung entgegenschritt, wurde ihm das Ausmaß seiner Entdeckung erst richtig bewußt, und das Windauge sah sich in einem quälenden Dilemma gefangen, auf brutale Weise hin und her gerissen zwischen zwei Treueeiden. Er konnte nicht länger Unwissenheit vortäuschen – das Schicksal der Xandim lag in seinen Händen. Wie leicht wäre es, seinen neuen Freunden den Rücken zu kehren und sie an die wütenden Massen zu verraten. Er brauchte lediglich Schiannath auf dieselbe Weise zu verzaubern wie Phalihas, und damit würde sich die Wahrscheinlichkeit gewaltig erhöhen, daß das Flammenschwert niemals gefunden wurde und sein Volk in Frieden weiterleben konnte. Die Magusch und ihre fremdländischen Gefährten würden mit Sicherheit ums Leben kommen, aber war ein solches Opfer wirklich zuviel verlangt, wenn doch auf der anderen Seite das Leben eines ganzen Volkes auf dem Spiel stand?