Выбрать главу

Und hast du die Bösen Mächte so schnell wieder vergessen? fragte er sich. Ohne Aurian und das Schwert werden sie mit Sicherheit triumphieren, und was wird dann aus den Xandim werden? Aber die Bösen Mächte waren ihm fremd und außerdem weit weg, und hatte er nicht gerade erst mit seiner Andersicht die offene und unmittelbare Bedrohung des Schwertes geschaut?

»Chiamh? Ist alles in Ordnung mit dir?« Das Windauge schrak schuldbewußt aus seiner Tagträumerei hoch. »Ich wußte, daß du dich noch ein Weilchen hättest ausruhen müssen«, sagte Aurian stirnrunzelnd, während sie ihn am Ellbogen faßte, um ihn zu stützen. »Du siehst schrecklich aus. Ich wünschte, du würdest mir wenigstens erlauben, dir einen Teil der Energie wiederzugeben, die du bei der Vision verloren hast. Du bist im Augenblick nicht in der Verfassung, zu tun, was nötig ist, und das weißt du auch.« In ihren Augen spiegelten sich Angst und Sorge wider, aber dann versuchte sie, ihm mit ihrer gewohnten Selbstsicherheit Mut zu machen. »Wir wollen dich nicht verlieren. Ich bin mit dir über die Berge geflogen und mit dem Wind über das Plateau geritten – ich würde auch in Zukunft nur ungern auf diese beiden Dinge verzichten müssen!« Sie lächelte ihn an – lächelte ihr typisches schiefes, ausdrucksvolles Lächeln, in dem die ganze Liebe eines Freundes für einen Freund lag, ein Lächeln, das ganz allein ihm gehörte.

Chiamh konnte ihrem Blick nicht standhalten. Du willst sie verraten? verhöhnten ihn seine Gedanken. Du willst sie tot im Gras liegen sehen? Wie viele echte Freunde hast du denn in deinem Leben gehabt? Außer diese Handvoll Leute, die jetzt bei dir sind? Er sah an der Magusch vorbei zu Anvar hinüber, der sich gleichermaßen zu sorgen schien, und zu Sangra, die ihm über seine schlimmsten Ängste hinweggeholfen hatte, als sie in dem Unwetter den Berg hinuntergekommen waren. Er sah Parric an, für den er bereits mehrfach sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte – und Schiannath und Iscalda, die er schon einmal verraten hatte, auf Befehl seines Rudelfürsten. Er konnte es unmöglich noch einmal tun.

Das Windauge straffte die Schultern und ergriff Aurians Hand. »Ich komme schon zurecht«, beruhigte er sie mit einiger Anstrengung. »Dies ist für uns alle eine unendlich schwere Zeit. Ich werde mich heute abend ausruhen, das verspreche ich – obwohl ich das eigentlich nicht tun sollte, während wir Wache halten.«

»Zum Teufel mit der Wache«, knurrte Aurian. »Ich werde nicht zulassen, daß Phalihas und seine Männer sehen, daß du schläfst, aber schlafen wirst du, mein Freund. Dafür werde ich sorgen. Du hast dir deinen Schlaf verdient, und du brauchst ihn.«

»Solange du nicht schnarchst«, drohte ihm Parric grinsend.

»Was?« Chiamh hob in gespieltem Entsetzen die Augenbrauen. »Ich möchte ein und für allemal klarstellen, daß das mächtige Windauge der Xandim niemals schnarcht!« Obwohl er sich nicht von seiner furchtbaren Last hatte befreien können, war ihm jetzt doch unendlich viel leichter ums Herz, nachdem er seine Entscheidung getroffen hatte. Er erwiderte Parrics kameradschaftliches Schulterklopfen und wandte sich widerstrebend von seinen warmherzigen Freunden ab, um sich der Feindseligkeit seines Volkes zu stellen. »Wir können nicht länger warten«, erklärte er seinen Gefährten. »Die Sonne ist schon fast untergegangen, und wir haben nur noch wenig Zeit, um zu tun, was wir tun müssen.«

Man hatte den Eindruck, als sei zwischen den Stehenden Steinen am Eingang des Tales eine unsichtbare Linie von einem riesigen finsteren Monolithen zum anderen gezogen. Jenseits dieser undurchdringlichen Schranke aus Furcht und Aberglauben standen die Ältesten. Hinter ihnen konnte man die einzelnen Häuptlinge der nomadischen Xandimstämme sehen und die Führer der kleinen Familiengemeinschaften – Fischer, Salzsieder und Strandsammler, die einen Teil des Jahres an der Küste verbrachten und bei regelmäßigen Zusammenkünften ihre Waren gegen die der Inlandstämme eintauschten. Bei ihnen war auch Phalihas, der immer noch in seiner Pferdegestalt, der Gestalt eines großen, schwarzen Hengstes, gefangen war. Bei Chiamhs Anblick erstarrte der frühere Rudelfürst vor Wut, legte seine Ohren flach an seinen Schädel und scharrte ruhelos mit einem riesigen Huf auf dem Boden, wobei er in seinem Zorn den Rasen in Fetzen riß.

Ysalla, die Führerin der Ältesten, trat vor: eine große, hagere Frau, die so zerbrechlich wirkte wie eine uralte Kiefer. Obwohl ihr einst rostrotes Haar jetzt mit ungezählten grauen Strähnen durchsetzt und ihr wettergegerbtes Gesicht vom Alter gezeichnet war, war ihr Auftreten noch immer herrisch und arrogant, als sie das Windauge ansprach. »Nun, Abtrünniger? Wieder steht uns das Dunkel des Mondes bevor. Welche Botschaft hast du für uns in dieser Nacht der Herausforderung? Wird der feige, fremdländische Wurm, den du an die Macht gebracht hast, diesmal sein Wort halten? Und was ist mit deinem eigenen Versprechen? Wirst du Phalihas befreien? Denn wir sind zu dem Schluß gekommen, daß nach unserem uralten Gesetz seine Herausforderung durch den Fremden unrecht war und er, wenn er das wünscht, wieder antreten darf.«

Chiamh hielt ihrem kalten Blick ohne mit der Wimper zu zucken stand, obwohl er innerlich zitterte. »Ich werde zu meinem Eid stehen und Phalihas die Freiheit wiedergeben.« Er schwieg einen Moment, bis das Murmeln und die wütenden Rufe der versammelten Xandim wieder verstummt waren. »Und ich bringe euch einen anderen, der ebenfalls kämpfen will. Obwohl der gegenwärtige Rudelfürst zu seinem Wort steht und nicht wieder kämpfen wird, hat er nach unseren Gesetzen das Recht, einen anderen zu bestimmen, der an seiner Stelle …«

»Einen anderen Xandim!« fuhr Ysalla auf.

»Es ist ein anderer Xandim.« Die leidenschaftslose Ruhe, die sich in Chiamhs Gesichtszügen spiegelte, blieb bestehen, als er auf Schiannath an seiner Seite zeigte, obwohl die wütenden Schreie, die überall um ihn herum laut wurden, ihn beinahe aus der Fassung gebracht hätten.

»Verräter!«

»Unrecht!«

»Das ist verboten!«

»Jetzt will er uns einen Gesetzlosen aufhalsen!«

»Schiannath hat schon einmal versagt!«

»Er darf nicht wieder kämpfen!«

Chiamh hob die Hand, und ein gewaltiger, kreischender Windstoß wehte all ihre Proteste fort. In dem benommenen, grollenden Schweigen, das nun folgte, richtete das Windauge abermals das Wort an sein Volk.

»Darf ich euch daran erinnern, daß Phalihas ebenfalls eine Herausforderung verloren hat – aber ihr beruft euch trotzdem auf die Gesetze, um ihn wieder antreten zu lassen. Der Rudelfürst Parric ist bereit, sein Amt aufzugeben, aber ein Rudelfürst hat nach unserem Gesetz bei seinem Rücktritt das Recht, einen anderen Herausforderer zu benennen – er darf jeden Herausforderer wählen, solange dieser nur ein Xandim ist –, der seinen Platz einnimmt. Ihr könnt nicht leugnen, daß es sich so verhält.«

Sekundenlang zögerte Ysalla. Offensichtlich suchte sie verzweifelt nach einer Möglichkeit, Chiamhs Worte abzustreiten, allerdings ohne Erfolg. Schließlich konnte sie Chiamhs Blick nicht länger standhalten. »Du hast recht«, gab sie durch zusammengebissene Zähne zu, und es hatte den Anschein, als hätte sie jedes einzelne Worte mit Gewalt aus den Tiefen ihrer Seele herauszwingen müssen.