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»Wenn du Phalihas seine Freiheit wiedergibst, dann darf Schiannath ihn herausfordern, und wir, die Xandim, werden den Ausgang des Kampfes akzeptieren. Aber hör mich an, Windauge …« In ihren Augen glomm die ganze Leidenschaft ihrer Verachtung. »Wenn Phalihas obsiegen sollte, dann wird die Dämmerung des morgigen Tages die letzte sein, die ihr je gesehen habt, du und deine verfluchten fremdländischen Kumpane. Beim Lichte der Göttin, ich schwöre es.«

»Bevor du einen so übereilten Eid ablegst, solltest du sicher sein, daß du ihn auch einhalten kannst«, erwiderte das Windauge gelassen. »Ich zumindest kann die Versprechen halten, die ich gebe.« Mit diesen Worten hob er die Hände, griff nach der Luft, die um Phalihas herum schimmerte, und zog. Die Pferdegestalt verschwamm und wandelte sich, und plötzlich stand an ihrer Stelle die große, kräftige Gestalt des ehemaligen Rudelführers.

Phalihas stürzte sich mit ausgestreckten Armen auf Chiamh. Er wehrte sich aus Leibeskräften gegen die Xandim, die ihn zurückhielten, und stieß einen Schwall übelster Schimpfworte aus, die wie das Fauchen eines wütenden Tieres klangen. Das Windauge stand ungerührt da, ohne auch nur ein einziges Mal seinen Blick von dem Mann abzuwenden, der ihn ermorden wollte.

Ysalla bereitete dem Ganzen ein Ende. »Hör auf damit, du Narr!« brüllte sie. »Willst du vielleicht alles zerstören? Wenn du in das Tal des Todes gehst – oder am Vorabend der Herausforderung Blut vergießt –, ziehst du einen schrecklichen Fluch auf dich und darfst morgen nicht kämpfen!«

Phalihas fügte sich sofort in sein Schicksal, obwohl in seinen Augen ungestillter Groll funkelte. »Zähle die Stunden, Chiamh!« rief er dem Windauge zu. »Dir bleiben nicht mehr viele.«

Chiamh zuckte mit den Schultern, eine wohlerwogene Geste, die dafür sorgen sollte, daß sich Phalihas’ blinde Wut während der Nacht nicht abkühlte. »Einem von uns beiden bleiben gewiß nicht mehr viele Stunden, das steht fest.« Er drehte sich auf dem Absatz um und ging.

Aurian, die das ganze Spektakel beobachtet hatte, platzte fast vor Stolz.

Die Sonne senkte sich tief hinter die zerklüfteten Gipfel des Stahlklauebergs und hüllte die riesigen, bedrohlich wirkenden Monolithen in einen blutroten Schimmer, als sich die beiden Lager der Herausforderer in der Nähe der Steine für die beklommene Nachtwache vorbereiteten. Es blieb ihnen nur noch wenig Zeit zum Reden, bevor die Dunkelheit allen Schweigen gebieten würde, und Parric nutzte die Gelegenheit, allein mit dem Windauge zu sprechen, während Aurian und Anvar ein Feuer entzündeten und die anderen damit beschäftigt waren, ein notdürftiges Lager zu errichten und die Wachen einzuteilen, so daß immer zwei von ihnen Schiannath bewachen und der andere das Feuer im Augen behalten und dafür sorgen konnte, daß der Herausforderer auf keinen Fall einschlief. Chiamh versuchte, einen widerstrebenden, nervösen Schiannath dazu zu überreden, die letzte Mahlzeit zu sich zu nehmen, die er vor seiner Herausforderung erhalten würde, aber als er die Hand des Kavalleriehauptmanns auf seiner Schulter spürte, drehte er sich schnell um.

Parric führte ihn in den Schatten hinter dem großen Stein. »Hör zu«, begann er unbeholfen, »ich bin nur ein Soldat und kein Freund großer Worte, aber wenn ich mich noch nicht bei dir bedankt habe für all das, was du für uns getan hast, dann will ich das jetzt nachholen. Und, na ja, ich wollte dir auch dafür danken, was du letzte Nacht getan hast. Wenn ich mich geirrt habe, gebe ich das auch zu – und du hast mich davor bewahrt, einen der größten Fehler meines Lebens zu begehen, als ich versuchte, Aurian ohne Anvar aus der Festung wegzubekommen. Ich bedaure, was ich da zu tun versucht habe – und ich stehe in deiner Schuld, weil du Aurian nie erzählt hast, was für ein verdammter Narr ich war. Das Mädchen hätte mir nie verziehen – das weiß ich jetzt. Du hast mich davor bewahrt, die ganze Sache furchtbar zu verpfuschen, und wahrscheinlich hast du Anvar damit auch noch das Leben gerettet. Ich bin dir wirklich dankbar.«

In diesem Augenblick erlosch der letzte Sonnenstrahl, und der einsame Ruf eines Horns erklang über dem Plateau, das Signal dafür, daß die Stunden der schweigenden Wache begonnen hatten. Chiamh konnte nicht mehr antworten, aber sein Lächeln und sein kräftiger Händedruck reichten, um Parric sowohl seine Freundschaft als auch sein Verständnis auszudrücken, bevor sie gemeinsam zum Feuer zurückkehrten.

Obwohl sie, wie vereinbart, alle abwechselnd Wache hielten, bekam keiner von Schiannaths Kameraden in dieser Nacht viel Schlaf – bis auf den verdrossenen Chiamh, der hinterher darauf beharrte, daß Aurian ihn verzaubert haben müsse. Die Gedanken von Sangra und Yazour waren einander erstaunlich ähnlich, obwohl sie rein äußerlich so verschieden waren. Alle beide sehnten sie sich nach Zuhause. Sangra dachte wehmütig an die überfüllten, schlammbespritzten Straßen von Nexis, an die Tavernen, das Training und die rauhe, aber herzliche Kameradschaft in der Garnison. Yazour zitterte in seinem dicken Umgang und spürte nichts von der flirrenden Hitze des Feuers; er dachte sehnsüchtig an das rhythmische Zirpen der Frösche am Fluß, das die Nächte dort weniger still und einsam machte; an den Klang seiner Muttersprache; an die endlosen, glitzernden Horizonte der Wüste.

Parric hatte auch einiges, über das er nachdenken mußte, da Aurians Enthüllungen ihm ihre Beziehung zu Anvar jetzt in einem anderen Licht erscheinen ließen. Er hatte jedoch nicht viel übrig für diese Art Betrachtungen, und seine Gedanken wanderten schon bald zurück zu dem Thema, das im Augenblick wichtiger war: Schiannath. Der Kavalleriehauptmann verspürte großes Mitleid mit dem jungen Xandimkrieger, der bleich und offensichtlich von Unbehagen erfüllt auf der anderen Seite des Feuers saß; er mußte während dieser langen Nachtstunden einen Nervenkrieg mit Phalihas austragen – einem arglistigen und erfahrenen Gegner, wie Parric am eigenen Leib erfahren hatte. Da er das gleiche schauerliche Ritual hatte über sich ergehen lassen müssen, beneidete er den jungen Burschen nicht im mindesten und konnte nicht umhin, einen Anflug von Sorge zu verspüren. Er wußte nichts von Schiannath, außer daß er schon einmal gegen den früheren Rudelfürst verloren hatte, und das ließ beileibe nichts Gutes ahnen. Der Kavalleriehauptmann hoffte nur, daß sich der junge Xandim der Prüfung, die ihm bevorstand, gewachsen zeigen würde.

Aurian, die wie stets Forrals Rat befolgte, während einer Nachtwache niemals ins Feuer zu starren, saß angespannt und vor Müdigkeit ein wenig zitternd da und spähte in die Dunkelheit jenseits der riesigen Stehenden Steine. Wie sollte sie in dieser Situation auch Schlaf finden? Nach dem, was Chiamh ihr von seiner Vision berichtet hatte, überschlugen sich die Gedanken in ihrem Kopf: Wie war es möglich, daß dieses dreimal verfluchte Schwert im Tal ihrer Mutter aufgetaucht war? Ausgerechnet da? Es erschien ihr wie eine Ironie des Schicksals. Und das war beileibe nicht das einzige, worüber sie nachzudenken hatte. Der morgige Tag war nicht nur für Schiannath und die Xandim von ungeheurer Wichtigkeit, sondern auch für den Verlauf ihrer eigenen Zukunft. Je nachdem, wie der Kampf ausging, mußte Aurian entweder Pläne für ihre Rückkehr in den Norden schmieden, wo sie das Schwert suchen und endlich den Kampf gegen Miathan aufnehmen würde – oder sie mußte um ihr Leben kämpfen und würde wahrscheinlich noch mehr Menschen, die sie liebte, in der Schlacht verlieren.

Sie spürte, wie Anvar, der neben ihr saß, nach ihrer Hand griff, eine Reaktion auf den Schmerz, der sie bei dieser unerwarteten Erinnerung an Bohan überfallen hatte. »Ich grübele nicht darüber nach, wirklicht nicht«, versicherte sie ihm mit Hilfe der Gedankenrede, die ihr jetzt, da sich das Band der Liebe immer enger um sie legte, von Mal zu Mal leichter fiel. »Ich weiß, daß das keinen Sinn hätte. Außerdem ist Trauer ein Luxus, den wir uns im Augenblick nicht leisten können.«

»Das stimmt.« Sie hörte Anvars Antwort in ihren Gedanken und war zutiefst dankbar dafür, daß sie in dieser Nacht, in der sie Schweigen bewahren mußten, ohne Worte miteinander reden konnten. »Aber das tut unserer Liebe zu Bohan keinen Abbruch«, fügte ihr Seelengefährte hinzu, »und eines Tages werden wir, wenn alles gutgeht, eine Möglichkeit finden, ihm ein ehrenvolles Begräbnis zu geben.«