»Das ist ein schöner Gedanke – und ausgesprochen passend.« In dem Nachhall ihrer Worte spürte Aurian Shias unausgesprochene Billigung, und jetzt sah sie auch, daß die goldenen Augen der großen Katze im Schein des Feuers wie Juwelen funkelten. Shia hielt in dieser Nacht ebenfalls Wache, obwohl sie sich eher um die beiden Magusch sorgte als um den Xandimkrieger. Die Magusch legte eine Hand auf den massigen, glatten Kopf der Katze und lehnte den Kopf an Anvars Schulter; sie genoß die Nähe ihrer beiden liebsten Gefährten. »Könnt ihr auch nicht schlafen?«
»Absolut nicht. Aber ihr beide solltet schlafen. Ich halte Wache«, erwiderte Shia entschlossen.
»Kommt nicht in Frage«, antwortete Anvar in Gedanken. »Nicht in einem Augenblick, in dem so viel auf dem Spiel steht. Glaubst du, Schiannath kann schlafen?«
»Er sollte es verdammt noch mal versuchen«, erwiderte Aurian hitzig, »sonst stecken wir morgen alle in Schwierigkeiten.« Sie streckte ihre langen Glieder und seufzte. »Dieses endlose Warten ist das Allerschlimmste.«
»Soll ich für dich dasselbe tun, was du für Chiamh getan hast?« fragte Anvar sie mit einem schelmischen Blick auf das schlummernde Windauge.
»Untersteh dich! Er wird mich umbringen, wenn er aufwacht und es herausfindet, aber es war wirklich zu seinem Besten. Der arme Mann – nach dem, was er heute für uns getan hat, war er völlig erschöpft. Er brauchte den Schlaf dringend.«
»Und er hat ihn sich auch verdient. Es hat mich wirklich beeindruckt, wie er mit den Xandim-Ältesten umgesprungen ist.« Das Kichern in seinen Gedanken verstummte plötzlich, und Aurian spürte sein Zögern. »Aber Aurian … hattest du nicht auch den Eindruck, daß er uns nach der Vision etwas vorenthalten hat?«
»Das hast du auch bemerkt?« Aurian runzelte die Stirn. »Ich hatte gehofft, ich hätte mir das nur eingebildet. Aber ich vertraue ihm«, fügte sie fest hinzu. »Anvar, ich bin davon überzeugt, daß uns Chiamh niemals hintergehen würde. Siehst du das anders?«
»Nein.« Sie spürte, daß Anvar den Kopf schüttelte. »Aber was verbirgt er dann vor uns?«
»Ich weiß nicht – aber ich hatte den Eindruck, daß es ihn furchtbar erschreckt hat.« Aurian dachte schweigend über die verschiedenen Möglichkeiten nach. »Ich glaube«, fuhr sie langsam fort, »daß er uns gewarnt hätte, wenn wir in Gefahr wären. Also kann die Gefahr nur ihm selbst drohen – und das macht mir mehr angst, als ich dir sagen kann.« Sie erschauerte. »Ich könnte es nicht ertragen, wenn Chiamh etwas zustoßen würde. Ich habe ihn sehr ins Herz geschlossen.«
»Willst du damit sagen, daß ich einen Rivalen habe?« protestierte Anvar in gespielter Entrüstung.
»So sehr habe ich ihn nun auch wieder nicht ins Herz geschlossen, du Dummkopf!« antwortete Aurian auf seinen Versuch, sie ein wenig aufzuheitern. Er hatte recht – das war der falsche Zeitpunkt für düstere, nebulöse Spekulationen. »Du hast keine Rivalen«, versicherte sie ihm, »und wenn nicht diese ganzen Leute um uns herum wären, würde ich es dir beweisen.«
Schiannath konnte sich leider nicht mit in Gedanken geführten Gesprächen trösten. Er war gezwungen, schweigend Wache zu halten – und hatte eine unangenehme Nacht, während Phalihas, der nur zwei Speerlängen von ihm entfernt saß, ihn mit einem gnadenlosen Haß ansah. Schiannath zitterte innerlich und spürte zum ersten Mal, wie leiser Zweifel in ihm aufstieg. Schließlich löste er seinen Blick von dem finsteren Gesicht des früheren Rudelfürsten und wußte, von einem flauen Gefühl der Scham erfüllt, daß er damit seine erste Niederlage erlitten hatte. Was ist, wenn ich es nicht schaffe? dachte er verzweifelt. Wenn ich morgen sterbe, was wird dann aus meiner armen Schwester?
Als er wieder aufblickte, sah er, daß Phalihas jetzt nicht mehr ihn, sondern Iscalda haßerfüllt anstarrte; in seiner höhnischen Miene mischten sich Begierde und Berechnung mit so offensichtlicher Arroganz, daß Schiannath zornig mit den Zähnen knirschte. Der frühere Rudelfürst machte ganz klar, daß zumindest er keinerlei Zweifel am Ausgang dieser Herausforderung hatte.
Die Selbstzweifel, die Schiannath noch vor kurzem gequält hatten, gingen in einem Aufflackern schillernder Wut unter, die sich in eisige Entschlossenheit verwandelte. Niemals! schwor er sich. Niemals wieder wird Phalihas meine Schwester in seine Gewalt bekommen, denn ich werde ihn besiegen. Ich muß. Er biß die Zähne zusammen und suchte abermals den Blick seines Gegners – und diesmal gab ihm seine verzweifelte Entschlossenheit solche Kraft, daß nun Phalihas derjenige war, der nachgeben und den Blick senken mußte. Danach löste Schiannath nicht ein einziges Mal seinen bohrenden Blick von dem ehemaligen Rudelfürsten, nicht ein einziges Mal während der ganzen, endlos langen Nachtstunden.
Iscalda saß, steif vor Angst, neben ihrem Bruder und hielt seine kalte Hand fest in der ihren. Sie bemerkte das Intermezzo zwischen den beiden Herausforderern nicht, denn sie sah sie nicht an; sie versuchte, sich den Gedanken, die sie quälten, zu widersetzen. Wenn Schiannath morgen starb, würde sie nicht nur den Bruder verlieren, den sie mehr liebte als ihr eigenes Leben, sondern sie würde auch an Phalihas Seite einem Schicksal entgegensehen, an das sie nicht zu denken wagte. Mit ihrer freien Hand tastete sie nach ihrem Dolch, der in seiner Scheide steckte, und schwor sich, daß sie Schiannath, falls dieser starb, in die Arme der Göttin folgen würde.
Mit einem einzigen, warnenden Ton ertönte der laute Klang eines Horns über dem Plateau. Aurian war in jenem ungewissen Schwebezustand zwischen Schlafen und Wachen ganz in ihre Gedanken versunken gewesen, so daß sie gar nicht bemerkt hatte, daß der Himmel langsam heller wurde. Der Ruf des Horns riß sie ruckartig in einen zitternden Leib zurück, dessen Glieder völlig steif geworden waren. Gerade noch rechtzeitig konnte sie sich davon abhalten, einen herzhaften Fluch auszustoßen.
»Du darfst jetzt sprechen – in den Augenblicken zwischen Hornruf und Sonnenaufgang ist das Schweigegebot aufgehoben.« Das war die Stimme von Chiamh. Er kämpfte sich aus der Decke heraus, die sie über ihn gebreitet hatte, und sah sie wütend an. »War das deine Rache für den Abend, an dem ich dir ein Schlafmittel in den Wein gegeben habe?«
»Du brauchtest Ruhe«, erwiderte Aurian ohne jede Reue und war gleichzeitig dankbar dafür, daß er keine Gelegenheit mehr hatte, ihr eine Antwort zu geben.
Jetzt scharten sich alle um Schiannath, der mit den Füßen aufstampfte und mit den Armen ruderte, um seine kalten Glieder geschmeidig zu machen. Der Xandimkrieger sah im Zwielicht der Morgendämmerung totenbleich aus, aber in seinem hageren Gesicht stand felsenfeste Entschlossenheit. Chiamh reichte ihm die Wasserflasche, und er nahm einen hastigen Schluck, bevor er sich mit dem Rest Gesicht und Kopf besprengte. Für mehr hatte er keine Zeit: Schon erschien über den östlichen Hängen ein schwacher, goldener Schein – und er mußte seine Position einnehmen, bevor die ersten Sonnenstrahlen das Plateau trafen, sonst war die Herausforderung ungültig.
Iscalda umarmte ihren geliebten Bruder schnell noch einmal. »Möge die Göttin mit dir sein«, flüsterte sie und riß sich von ihm los, bevor ihre brüchige Maske des Mutes zerfallen konnte.
»Und mit dir, meine Schwester.« Schiannath schluckte und trat einen Schritt vor, blieb dann jedoch noch einmal stehen, um der Magusch eine Hand auf den Arm zu legen. In seinen Augen stand eine verzweifelte Bitte. »Wenn – wenn mir etwas geschehen sollte«, flüsterte er hastig, »dann bitte ich dich – beschütze sie vor Phalihas.«
»Das werde ich tun, das verspreche ich«, beruhigte ihn Aurian. Dann war er fort.
Tiefes Schweigen hatte sich in jenem Augenblick vor Sonnenaufgang über die Welt gesenkt, als die beiden Gegner auf das Plateau hinaustraten. Dann standen plötzlich dort, wo zwei Männer mit der Anspannung, die jedem Kampf vorausgeht, einander in die Augen sahen …