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Aurian keuchte. Zwei gewaltige Hengste, einer mitternachtsschwarz, der andere mit grau geschecktem Fell, standen einander auf dem Rasen gegenüber; Schwänze und Mähnen flatterten im Wind, während die großen, prächtig geschwungenen Hälse sich reckten und die feingemeißelten Köpfe sich stolz hoben. Die Muskeln in Brust und Schenkeln verrieten ungeheure Kraft, und tödliche Hufe zerrissen den Rasen.

Der dritte Hornruf war die triumphierende Verkündigung des Sonnenaufgangs. Als das Licht am Horizont aufflackerte, verwandelte sich der graue Rasen in strahlendes Grün – bis auf die Stelle, an der sich der lange Schatten von Phalihas weit ausstreckte, um seinen Gegner in ein gewaltiges Tuch aus Dunkelheit zu hüllen. Schiannath stieß den gellenden Schrei der Herausforderung aus, bäumte sich auf und hob sich hoch in das Sonnenlicht und über den schwarzen Fleck, den der Schatten seines Feindes auf den Boden warf. Der glitzernde Tau schäumte wie Feuerfunken unter den hämmernden Hufen, während die beiden Hengste aufeinander zustürmten.

Als die beiden gewaltigen Pferde einander entgegenrasten, verlor Schiannath auch noch den letzten Rest menschlichen Bewußtseins, an dessen Stelle jetzt die weißglühende Rage reinen, animalischen Zornes trat. Er donnerte auf Phalihas zu, in der Absicht, dem anderen kurz vor dem Zusammenprall auszuweichen und ihn von der Seite anzugreifen – aber Phalihas hatte die gleiche Idee gehabt. Beide Tiere schnellten in dieselbe Richtung – doch Phalihas war älter und reagierte schneller auf die neue Entwicklung. Er wirbelte auf seinen mächtigen Hinterbeinen herum, stürzte sich zähnefletschend auf den grauen Hengst und rammte Schiannath den Kopf in den Bauch, bevor er ihn mit einem gewaltigen Stoß zu Boden warf.

Schiannath rollte sich jedoch mit unerwarteter Behendigkeit herum und stand sogleich wieder aufrecht da, wenn auch ein wenig zitternd. Phalihas Hufe donnerten nun über die Stelle hinweg, an der sein Gegner gelegen hatte, verfehlten ihr Ziel jedoch. Schiannaths Kopf fuhr herum: Der schwarze Hengst schrie vor Wut und Schmerz auf, als dort, wo die Zähne des anderen sein Fleisch aufgerissen hatten, ein Strahl weißglühenden Feuers seine Flanke durchbohrte. Phalihas wirbelte herum, und der Schock brachte ihn mit einem Ruck wieder zu Bewußtsein; der ehemalige Rudelfürst hatte nicht erwartet, daß Schiannath das erste Blut für sich in Anspruch nehmen würde.

Schiannath stürzte sich nun wieder auf ihn, bäumte sich auf und geriet mit seinen scharfen Hufen Phalihas Schädel gefährlich nahe. Phalihas wich den tödlichen Hammerschlägen aus und ging auf die Kehle seine Feindes los, verfehlte jedoch sein Ziel. Einer von Schiannaths Hufen traf ihn schmerzhaft an der Schulter, während sich seine Zähne in die muskulöse Brust seines Gegners bohrten und ein Stück Fleisch herausrissen. Jetzt war es an Schiannath, aufzuschreien und heftig blutend zurückzutaumeln. In seinen Augen glomm neuer Respekt für seinen Gegner auf und gleich darauf das stählerne Funkeln einer grimmigen Entschlossenheit, seinen Feind auf jeden Fall zu besiegen.

Wieder und wieder griffen die Hengste einander an, bissen, traten und schlugen um sich. Blut befleckte den zertrampelten Rasen, und Schreie des Schmerzes und des Zorns zerrissen die Luft, während zuerst der eine und dann der andere die Deckung seines Gegners durchbrach. Die beiden waren einander ebenbürtig: Phalihas ein wenig schwerer; Schiannath eine Spur größer. Zum Ausgleich für die Gerissenheit und Erfahrung des älteren Hengstes hatte das jüngere Tier größere Ausdauer. Beide waren mittlerweile verletzt und bluteten; beide waren schweißgebadet und taumelten vor Erschöpfung; aber keiner wollte zurückweichen, und keiner wollte dem anderen das Feld überlassen.

Für Aurian und ihre Freunde, die sich bei den riesigen Steinen ängstlich zusammenscharten, bedeutete der Kampf eine schier unerträgliche Qual. Iscalda hatte sich noch nie so hilflos gefühlt. Sie konnte es kaum ertragen, mitanzusehen, wie ihr Bruder vor ihren Augen in Stücke gerissen wurde; und doch mußte sie hinsehen, obwohl wieder und wieder Tränen ihr die Sicht raubten. In ihren Gedanken war sie da draußen bei Schiannath auf dem blutbefleckten Schlachtfeld – sie spürte den Schmerz jeder Wunde, die Phalihas ihm zufügte, und ihr Herz blutete genauso wie sein zerfetztes Fleisch. Als sich der Kampf der beiden Hengste schließlich etwas weiter entfernt von dem Ort abspielte, an dem sie stand, bemühte sie sich mit aller Kraft, ihnen zu folgen, und kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Wenn das Zuschauen schon eine Folter gewesen war, so war es noch unendlich viel schlimmer, nicht mehr zu wissen, was da vor sich ging. Sie spürte, wie eine Hand ihren Unterarm ergriff und sie stützte, und sie war dankbar für die Freundschaft, die in dieser Geste zum Ausdruck kam, konnte ihren Blick jedoch keine Sekunde lang von dem Kampf abwenden, um festzustellen, wer ihr da zu helfen versuchte.

Es mußte bald aufhören – es mußte! Schiannath konnte einem Vorstoß von Phalihas beinahe ausweichen, aber doch nicht ganz. Die Zähne des anderen bohrten sich in sein Ohr, und ein heißer Schmerz durchschoß Schiannaths Schädel. Er riß sich mit einem lauten Aufschrei los, Blut strömte über seinen Kopf in seine Augen, und er taumelte; seine Reaktionen waren jetzt langsamer geworden, und seine Gedanken vom Schmerz träge und benommen. Seine Flanken hoben und senkten sich vor Anstrengung, blutiger Schaum tropfte aus seinem geöffneten Maul. Als er seinen Feind aus den Augenwinkeln wahrnahm, wirbelte Schiannath steif herum und schlug aus, wobei seine Hinterhufe die Rippen des anderen mit einem so gewaltigen Krachen trafen, daß es das Geräusch brechender Knochen übertönte. Phalihas wankte und stürzte beinahe, und sein Atem klang wie ein qualvolles Pfeifen, aber Schiannath geriet nun ebenfalls ins Taumeln, aus dem Gleichgewicht gebracht von der Wucht seines Trittes. Ein bohrender Schmerz fuhr durch sein linkes Vorderbein. Nachdem er sein ganzes Gewicht auf das andere Bein verlagert hatte, erholte er sich ein wenig, denn der Huf des verletzten Gliedes konnte kaum den Boden berühren.

Der Kampf kam für einen Augenblick zum Erliegen, während die beiden Hengste mit herabhängenden Köpfen dastanden und jeder von ihnen verzweifelt versuchte, die Kraft zu finden, um seinem Gegner den Todesstoß zu versetzen. Keiner der umstehenden Xandim durfte sich einmischen – diese Schlacht mußten die beiden Xandim bis zum bitteren Ende ausfechten, um die Frage der Nachfolge ein für allemal zu klären. Der letzte der Herausforderer, der noch aufrecht stand, würde Rudelfürst werden, der andere sterben.

Schiannath wußte, daß er am Ende seiner Kräfte war. Durch die schwere Verletzung an seinem Vorderbein hatte er seine Beweglichkeit verloren, und schlimmer noch, er konnte nicht mehr nach Phalihas treten. Die Wunde hatte ihn einer der wichtigsten Waffen beraubt – jetzt konnte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bevor sein Gegner ihn bezwang. Schiannath drohte in einem Meer finsterer Verzweiflung zu ertrinken. Er hatte sein Bestes gegeben, aber er hatte verloren …

Dann nahm Schiannath mit seinem scharfen Pferdegehör das Geräusch von gedämpftem Weinen wahr, das plötzlich den grauen Nebel von Blutverlust und Müdigkeit durchdrang, der sein Gehirn jetzt einhüllte. Iscalda! Er mußte wieder an seine Schwester denken und an die Lady Aurian und ihre Kameraden, die ihn aus seiner schrecklichen Verbannung gerettet hatten. Ihr Leben hing von seinem Erfolg ab. Und Iscalda – er kämpfte diesen Kampf doch nicht für sich, sondern für sie. Welches Recht hatte er, so leicht aufzugeben? Ein Gedanke erfüllte ihn jäh mit neuer Entschlossenheit: Wenn er schon in so jämmerlichem Zustand war, dann mußte sein älterer Gegner noch schlimmer dran sein. Dieser Hoffnungsfunke, so schwach er auch sein mochte, gab ihm neuen Schwung, und er spürte, wie eine letzte Reserve von Kraft in seine müden Glieder schoß. Also schüttelte er den Kopf, um wieder klar sehen zu können, und warf nach einer schier endlos langen Zeit zum ersten Mal wieder einen Blick auf seinen Feind. Phalihas zitterte am ganzen Leib, schnaufte und erstickte fast an der Anstrengung, die es ihn kostete, Luft in seine Lungen zu ziehen. Das Blut strömte ihm aus Maul und Nüstern, und seine Augen waren trübe und glasig. In einem plötzlichen Anflug von Hoffnung versteifte sich Schiannath. Durch den Schmerz seiner eigenen Verletzungen hatte er diesen letzten Tritt, mit dem er Phalihas’ Rippen getroffen hatte, völlig vergessen. Hatte er damit vielleicht größeren Schaden angerichtet, als er es für möglich gehalten hätte? Das konnte er nur auf eine einzige Art und Weise herausfinden – aber dafür mußte er seine Deckung preisgeben. Falls Phalihas seine Schwäche nur vortäuschte und Schiannaths Hinken bemerkte …