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Schiannath biß die Zähne zusammen, um sowohl seiner Angst als auch des Schmerzes Herr zu werden, und tat einen zögernden, schwerfälligen Schritt nach vorn, dann noch einen … Der Kopf seines Feindes schnellte augenblicklich in die Höhe; frisches Feuer entflammte in den Tiefen seiner trüben Augen. Schiannath blieb mit hämmerndem Herzen stehen. Phalihas nahm seine ganze Entschlossenheit zusammen und griff an. Genau darauf hatte Schiannath gewartet. Als der schwarze Hengst auf ihn zutaumelte, wich er unbeholfen einen Schritt zur Seite und bäumte sich dann mit einem schrillen Triumphschrei auf, der sich in ersticktes Entsetzen verwandelte, als Phalihas Kopf herumfuhr und riesige, eisenscharfe Zähne sich um Schiannaths Kehle schlossen. Schiannath spürte, wie seine Beine unter ihm nachgaben und das Gewicht des anderen ihn zu Boden zu drücken schien. In letzter Minute holte er zu einem letzten, verzweifelten Tritt aus. Sein unversehrter Huf krachte gegen Phalihas’ Schädel, und dann stürzten sie beide gemeinsam in die Dunkelheit.

Iscalda schrie laut auf, als sie die beiden Hengste fallen sah, schüttelte die starken Hände ab, die versuchten, sie zurückzuhalten, und rannte los. Aus den Augenwinkeln sah sie noch, daß die anderen ihr folgten, und sie hörte laute Schreie der Aufregung oder der Sorge; aber die Angst um ihren Bruder schien ihr Flügel zu verleihen. Mit großer Mühe gelang es ihr, ein Schluchzen zu unterdrücken, damit ihr genug Atem blieb, um ihr Ziel zu erreichen – und die ganze Zeit über hielt sie den Blick durch einen Nebel aus Tränen auf jene beiden dunklen Gestalten geheftet, die so gefährlich still auf dem blutdurchtränkten Boden lagen. Die letzten Kampfhandlungen hatten die beiden Hengste ein gutes Stück vom Plateau weggeführt. Iscalda, der der Schweiß jetzt bis in die Augen lief, rannte weiter und versuchte, die Schmerzen in ihrer Seite und ihre Atemnot zu ignorieren. Schiannath! Obwohl sie nicht mal genug Atem hatte, um zu sprechen, entrang sich dieser Schrei der Qual ihres Herzens. Würde sie ihn denn nie erreichen? Es war wie der Versuch, durch Wasser zu laufen; wie der Alptraum, den sie als Kind oft gehabt hatte, der Alptraum, in dem sie, von Entsetzen erfüllt, versuchte, ihren Verfolgern zu entkommen, aber trotz all ihrer Anstrengung nicht von der Stelle kam. Einer der dunklen Klumpen vor ihr regte sich. Sie stolperte, sah noch einmal hin. Hatte sie sich diese winzige Bewegung nicht nur eingebildet? Die niedrig am Himmel stehende Sonne schien ihr in die Augen und verhinderte, Einzelheiten zu erkennen. Nein! Sie hatte sich nicht geirrt! Einer der Hengste versuchte schwach – und wie es aussah vergeblich –, sich zu erheben. Mit einem Stöhnen verdoppelte Iscalda ihre Geschwindigkeit. Einer von ihnen lebte noch – aber welcher? Welcher?

Dann hörte sie es – den Siegesschrei eines Hengstes, der hart und schrill über das Plateau hallte. Diese Stimme hätte Iscalda überall erkannt. Schiannath! Die Erleichterung raubte ihr auch noch den letzten Rest ihrer Kraft, ihre Beine versagten ihr den Dienst, sie sank auf den kühlen Rasen und weinte Tränen der Dankbarkeit.

Trotzdem war Iscalda immer noch eine der ersten, die den Sieger erreichten. Gerade in dem Augenblick, als sie sich bemühte, wieder auf die Beine zu kommen, kam Aurian auf Chiamh herbeigeritten, dicht gefolgt von Shia. Das Windauge hatte große Geistesgegenwärtigkeit bewiesen, indem es sich einen Augenblick lang Zeit gelassen hatte, um seine Pferdegestalt anzunehmen.

»Komm, Iscalda! Schnell!« Die Magusch hielt ihr die Hand hin und zog das erschöpfte Mädchen hinter sich auf den Pferderücken. Dann ging der Ritt mit solcher Geschwindigkeit weiter, daß sie nur wenige Sekunden später an Schiannaths Seite waren. Der Hengst hatte zu große Schmerzen, um sie zu erkennen. Er schlug mit den Beinen um sich, kennte sich ein paar Zentimeter vom Boden hochheben, stürzte zurück und sank in einen Teich aus aufgewühltem Schlamm und Blut. Seine dunkelgrauen Flanken waren unter der dicken Schicht aus Blut und Erde kaum noch zu erkennen, und seine Augen, von denen man nur noch das Weiß sah, verrieten Schmerz und Angst.

Mit einem erschrockenen Fluch schwang sich Aurian von Chiamhs Rücken herunter und rannte, dicht gefolgt von Iscalda, zu dem Hengst hinüber. »Beeil dich!« rief die Magusch. »Er ist so verängstigt, daß er nicht mehr weiß, was er tut. Wir müssen versuchen, ihn auf die Beine zu bringen, bevor diese Idioten hier antanzen.«

Obwohl sich Shia klug außerhalb von Schiannaths Sichtweite hielt, ließ dieser niemanden an sich heran. Wenn es trotzdem jemand versuchte, schnappte er wild mit den Zähnen und versuchte, mit seinem offensichtlich verletzten Vorderbein auszutreten. »Schiannath, ich bin es – Iscalda!« rief seine Schwester, aber ihre Worte gingen in dem Klang seiner wütenden Schreie unter. Wenn sie ihn doch nur soweit bringen konnte, sie anzusehen … Schnell wandte sie sich zu der Magusch um. »Aurian, wenn du ihn ablenkst, versuche ich, an seinen Kopf heranzukommen.«

Aurian nickte. »Sei vorsichtig«, sagte sie kurz und lief auf den Hengst zu, wobei sie wild mit den Armen ruderte und schrie wie eine Todesfee. Schiannath legte die Ohren an und drehte sich zu ihr um. Daraufhin schoß Iscalda schnell wie der Blitz zu ihm hinüber und hielt sein Maul fest, bevor die gefährlichen Zähne Aurian etwas anhaben konnten. Und schon rückten auch die Xandim immer näher. Schiannath bäumte sich auf und versuchte, Iscalda abzuschütteln. Aber sie hielt ihn grimmig fest und ließ sich nicht abwehren. Dann legte sie ihren Mund ganz dicht an sein Ohr und rief: »Schiannath! Schiannath! Ich bin es, Iscalda! Es ist alles gut – du bist in Sicherheit, du bist bei uns. Komm wieder zu uns zurück, bitte. Du hast gewonnen, du bist in Sicherheit …«

Als ihre besänftigende Litanei den zu Tode erschreckten Hengst langsam erreichte, hörte er auf, sich gegen sie zu wehren. Auf Aurians Zeichen hin eilten nun auch seine Freunde herbei, die ihr halfen, das erschöpfte Tier wieder auf die Beine zu stellen, während Chiamh und Yazour mit Hilfe einer fauchenden Shia die Menge zurückhielten. Bald stand Schiannath zwar noch immer vor Schwäche zitternd und mit gesenktem Kopf da, aber langsam kehrte das Verstehen in seine Augen zurück.

In der Zwischenzeit hatte Aurian Schiannath mit ihren Heilerinnensinnen untersucht. Als sie fertig war, richtete sie hastig das Wort an ihn. »Schiannath, hör mir zu. Du wirst wieder gesund, und ich helfe dir – aber versuch noch nicht, dich zurückzuverwandeln. Du bist zu erschöpft, verstehst du? Ich möchte dich zuerst heilen; dann kannst du dich, wenn du willst, wieder verwandeln.«

Chiamh richtete in der Zwischenzeit das Wort an die Menge. »O Xandim, ich gebe euch euren neuen Rudelfürsten: Schiannath, den Sieger der Herausforderung. Möge die Göttin fügen, daß er weise und zu eurem Wohl über euch herrscht – und möge ihr Fluch auf jeden fallen, der seine Herrschaft in Zweifel zieht, die er sich nach dem Gesetz der Xandim redlich erobert hat.«

Es gab nicht viel Beifall. Aus den Mienen der Xandim, von denen einige enttäuscht, andere wütend waren, schloß Aurian, daß sie alle fest damit gerechnet hatten, daß Schiannath verlieren würde. Sie hätte ihnen am liebsten ins Gesicht gespuckt. Ysalla trat stellvertretend für die Ältesten vor, und ihr Gesicht war starr wie Stein. »Und was will er, unser neuer Rudelfürst?« Der wilde Hohn in ihrer Stimme war wie ein Peitschenschlag.