Irgendwo fand Vannor noch die Kraft für ein leises Kichern. »Es ist schon gut, Hebba. Ich bin kein Geist.«
»Nein – aber bei allem Respekt, muß ich doch sagen, daß du so aussiehst wie einer.« Tarnal, der eine Schulter unter Vannors Arm geschoben hatte, führte ihn zu dem anderen weichen Stuhl hinüber; er stützte den Kaufmann, wie er ihn den ganzen langen, anstrengenden und nervenaufreibenden Weg von der Stadt hierher gestützt hatte.
»Nimm dich zusammen, Hebba«, fuhr der junge Nachtfahrer die alte Frau scharf an, und Vannor sank mit einem Seufzer der Erleichterung auf den Stuhl und schloß die Augen. »Hör auf zu flennen und steh auf, damit die arme Zanna sich setzen kann – sie braucht den Stuhl im Augenblick dringender als du. Außerdem brauchen wir warmes Wasser – und hast du etwas Taillin da? Wir müssen diesen Narren Benziorn so schnell wie möglich ausnüchtern. Vannor ist verletzt.«
»Verletzt? Der Herr? Und außerdem halb verhungert, wenn ich ihn mir so ansehe – und die arme Kleine auch.« Der bloße Gedanke daran war genug, um die Lebensgeister der alten Köchin wieder zu wecken. Augenblicklich sprang sie von ihrem Sessel auf, verfrachtete Zanna hinein, legte ihr eine Decke über die Knie und suchte dann eine zweite Decke für Vannor. Als das geschehen war, begann sie, geschäftig in ihrer Küche herumzuwerken, setzte einen Kessel mit Wasser auf und durchstöberte die Schränke erst nach Eßbarem und dann nach Leinen, um Verbände anzufertigen, wobei sie die ganze Zeit über wie eine alte Henne vor sich hingackerte, um ihre Sorge zu verbergen. »Dieser Benziorn! Dieser Nichtsnutz! Warum ich ihn in meinem Haus dulde, weiß ich wirklich nicht. Also wirklich, der Kerl ist genauso nützlich wie ein Hut in einem Wirbelsturm.«
Sie drehte sich um und funkelte den Arzt wütend an, der immer noch töricht in der Tür stand und nicht recht wußte, ob er willkommen war oder nicht. »Na, dann komm schon rein«, fauchte Hebba ihn an und ließ dabei einen Topf auf den Tisch krachen, wie um ihre Worte zu unterstreichen. »Und schließ diese Tür da – es zieht, und der Herr wird sich noch erkälten. Du willst ein Arzt sein? Du solltest es wirklich besser wissen.«
Vannor entspannte sich und ließ ihren Wortschwall über sich ergehen, wobei er sich ganz auf die köstliche Wärme des Feuers konzentrierte, die langsam in seine unterkühlten Knochen drang. Obwohl er schmutzig und verletzt war, hungrig, durstig und erschöpft, obwohl seine verwundete Hand unerträglich pochte, als das Gefühl wieder in seine Gliedmaßen zurückflutete, überwältigte ihn eine unglaubliche Glückseligkeit, und die Dankbarkeit für seine Rettung war so gewaltig, daß sie ihm die Tränen in die Augen trieb. Welch unaussprechlicher und unerwarteter Segen, daß er und Zanna lebten und in Sicherheit waren und sogar wieder Freunde um sich hatten!
Auch Zanna hatte das Gefühl, zu träumen. Zuerst der gute Tarnal und jetzt Hebba – und sie hatte ihren Vater gerettet. Obwohl der gesunde Menschenverstand ihr sagte, daß dieses herrliche Zwischenspiel notwendigerweise kurz sein mußte, da man mittlerweile sicher schon wieder Jagd auf ihren Vater veranstaltete, schob sie diesen Gedanken für den Augenblick weit von sich. Das alles mußte warten bis morgen. Wahrhaftig, sie hatte sich diese Ruhepause verdient, und sie würde das Beste daraus machen.
Hebba kam mit einer Tasse Taillin zu ihr. »Da, mein Schatz, das wird dir guttun – und ich koche uns jetzt auch noch etwas Suppe …«
Zanna nippte dankbar an dem heißen Getränk. Sie war sicher, daß ihr noch nie im Leben etwas so gut geschmeckt hatte. Der Taillin war mit Honig gesüßt, und als sie ihn trank, konnte sie spüren, wie sich die Wärme in ihrem schmerzhaft leeren Magen ausbreitete. Als sie durch den duftenden Dampf aufblickte, sah sie, daß ihr Vater ebenfalls eine Tasse in der Hand hielt. Er blinzelte ihr zu und hob seine Tasse, um ihr schweigend und von tiefer Dankbarkeit erfüllt, zuzuprosten.
Tarnal führte einen stolpernden Benziorn im Zimmer auf und ab, wobei er pausenlos leise vor sich hinfluchte. Er hatte eine Tasse auf den Tisch gestellt und eine auf das Regal neben der Tür und gab dem prustenden Arzt jedesmal, wenn sie an diesen Stellen vorbeigingen, einen Schluck von dem starken Taillin zu trinken. Zanna sah ihm lächelnd zu, wie er sich so eifrig und zornig seiner Aufgabe widmete; er hatte die Stirn über den grauen Augen angesichts von Benziorns Unvernunft finster gerunzelt, und sein Haar glühte im Schein der Lampen wie blankpoliertes Gold. Er fing ihren Blick auf, und sein zorniges Stirnrunzeln wich einem beruhigenden Grinsen. »Keine Angst, Zanna«, sagte er zu ihr. »Ich sorge dafür, daß dieser alte Herumtreiber bald wieder einen klaren Kopf hat. Er ist ein guter Arzt, wenn er nicht zu tief in die Flasche geschaut hat, und du wirst sehen, er bringt deinen Vater im Nu wieder in Ordnung.«
Es tat so gut, ihn wiederzusehen. Obwohl sie nur ein paar Monate getrennt gewesen waren, schien er während ihrer Abwesenheit auffallend gereift zu sein. Ich frage mich, ob es ihm mit mir genauso ergeht? überlegte Zanna. Wenn sie ihn heute erst kennengelernt hätte, hätte sie gewiß einen Mann in ihm gesehen und nicht einen dummen Jungen. Ihr fiel auf, daß er stark genug war, um den widerstrebenden Arzt hinter sich herzuzerren, während er mit grimmiger Miene auf und ab schritt. Plötzlich fragte sich Zanna, was er eigentlich in Nexis tat. Da es so wichtig war, Vannor an einen Ort zu bringen, wo er sich ausruhen konnte, hatten sie auf ihrem Weg durch die Stadt keine Zeit für Erklärungen gehabt. Und wo steckte Yanis? Was tat er im Augenblick? Bei den Gedanken an den hübschen, dunkelhaarigen Anführer der Nachtfahrer versank Zanna in einen Traum …
Sie mußte wohl eingenickt sein, denn als sie die Augen wieder öffnete, war die Küche von einem köstlichen Duft erfüllt. Zannas Magen knurrte, und Hebba schüttelte sie sanft an der Schulter. »Komm, Kleines – ich weiß, daß du den Schlaf brauchst, aber du schläfst bestimmt noch besser, wenn du ein bißchen warme Suppe im Bauch hast. Dieser Benziorn sieht sich im Augenblick deinen Vater an, also kannst du jetzt einfach essen, und dann richten wir euch beiden ein ordentliches Bett her, obwohl die guten Götter allein wissen, wo wir dieses Bett unterbringen sollen oder wo wir die Decken herbekommen …«
Wie sie es früher sooft getan hatte, hörte Zanna nicht auf Hebbas Geplapper, sondern konzentrierte sich statt dessen ganz darauf, ihren Magen mit der wunderbaren Suppe zu füllen – bis der Name Yanis wie ein Donnerschlag an ihre Ohren drang. »Was?«
Ärgerlicherweise hörte die alte Köchin genau in diesem Augenblick auf zu sprechen. »Was hast du gesagt?« wiederholte Zanna noch einmal. »Was ist mit Yanis?«
Hebba sah aus, als sei sie gerade aus allen Wolken gefallen. »Also wirklich, sein Fieber ist wieder gestiegen. Der arme Junge. Und dieser Taugenichts von einem Arzt war den ganzen Tag nirgends zu finden …«
»Einen Moment mal«, unterbrach Zanna sie scharf. »Willst du damit sagen, daß Yanis hier ist?«
»Aber ja – wir haben ihn in das Gästezimmer nebenan verfrachtet und …« Diesmal wurde sie von dem Krachen splitternden Töpferwerks unterbrochen, dem gleich darauf das Zuschlagen der Tür folgte. Hebba sah auf die Scherben ihrer besten Schale hinunter, die jetzt inmitten einer sich langsam in Richtung Herd ausbreitenden Suppenpfütze lagen. Ungehalten stemmte sie die Fäuste in die ausladenden Hüften. »Also wirklich«, sagte sie mehr oder weniger zu dem leeren Zimmer. »Diese Manieren hat das Mädchen eindeutig von den Schmugglerburschen gelernt, soviel steht mal fest.«
Yanis starrte Zanna mit weit aufgerissenen Augen und ohne eine Spur von Wiedererkennen an. Sein strähniges, dunkles Haar klebte an seinem schweißüberströmten Gesicht, und sein Bett war von seinen ruhelosen Bewegungen völlig zerwühlt. Der befleckte Verband um seinen Arm verriet Zanna auch den Grund für das Fieber. Sie spürte, wie ein eisiger Schrecken sie durchfuhr. Sie durfte ihn nicht verlieren, nicht Yanis! Plötzlich trat heißer Zorn an die Stelle ihrer Angst. Tarnal hatte doch gesagt, Benziorn sei ein guter Arzt? Wenn er wirklich gut war, wie konnte er dann zulassen, daß sein Patient in diesen Zustand geraten war? Und dieser nutzlose Trunkenbold behandelte in eben diesem Augenblick ihren Vater? Bei diesem Gedanken erstarrte Zanna das Blut in den Adern, und sie mußte sich zusammennehmen, um nicht sofort aus dem Zimmer zu stürzten und Benziorn zur Rechenschaft zu ziehen.