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Du mußt dich beruhigen, sagte sie sich immer wieder. Denk nach. Wir sind jetzt Flüchtlinge, mein Vater braucht dringend Hilfe, und Benziorn, gleichgültig ob er gut oder schlecht ist, ist der einzige Arzt, den wir haben. Wir können von Glück sagen, überhaupt einen Arzt bei uns zu haben.

Sobald sie diese Dinge durchdacht hatte, wurde ihr klar, daß Yanis nur deshalb so lange vernachlässigt worden war, weil sich Benziorn um sie und ihren Vater hatte kümmern müssen. Ja, selbst Hebba hatte zuviel zu tun gehabt, um Yanis zu helfen. Aber sie, Zanna, hinderte nichts daran, für Yanis zu tun, was sie konnte.

Vorsichtig zog sie die zerwühlten Decken des Nachtfahrers zurecht und schüttelte seine Kissen auf, wobei sie versuchte, ihn so wenig wie möglich zu stören. Wie sehr sehnte sie sich danach, ihn endlich in die Arme nehmen zu dürfen, sein Gesicht zu berühren und ihm übers Haar zu streichen; aber daran war im Augenblick nicht zu denken. Sie fand einen Wasserkrug auf dem Tisch neben dem Bett und ein Tuch, mit dem sie sein Gesicht abtupfen konnte. Dann goß sie etwas Wasser in einen Becher und schaffte es, ihn dazu zu bringen, ein wenig davon zu schlucken, obwohl der größte Teil ihm übers Kinn lief. Anschließend entfachte sie noch ein Feuer im Kamin und entzündete die Lampe, womit sie für den Augenblick alles getan hatte, was sie tun konnte. Jetzt hatte er es wenigstens etwas bequemer.

Mit plötzlichem Schuldbewußtsein erinnerte sich Zanna an ihren Vater. Benziorn mußte mittlerweile schon lange fertig sein. Sie mußte sofort zu ihm und feststellen, wie es um ihn stand. Gerade als sie auf die Tür zueilte, begann Yanis, leise vor sich hinzumurmeln. Zanna drehte sich um, und ein Hoffnungsschimmer flackerte in ihr auf. Würde er aus seinem Delirium erwachen?

Anscheinend nicht. Yanis warf sich jetzt wieder unruhig von einer Seite zur anderen und vereitelte all ihre Bemühungen, sein Bettzeug glattzuziehen. Währenddessen murmelte er die ganze Zeit unverständliche Worte. Ihre Versuche, ihn zu beruhigen, waren völlig fruchtlos, und langsam bekam sie es mit der Angst zu tun. Sie wollte gerade Benziorn oder Hebba holen, als Yanis zu ihrer Erleichterung wieder etwas ruhiger wurde. Nun wurde seine Ausdrucksweise auch deutlicher, und Zanna beugte sich über ihn, um zuzuhören. Was sagte er da?

In diesem Augenblick riß Yanis die Augen auf und starrte sie ohne jedes Verständnis an. »Emmie?« rief er mit schwacher Stimme. »Feuer, du mußt runterklettern… eine sichere Reise wünsche ich dir, schöne, traurige Emmie …«

Zanna fuhr auf. Wer, zum Teufel, war diese Emmie? Irgendeine Frau – soviel stand wohl fest. Vielleicht war es ja nur eine alte Dame, der er die Treppe hinunter zu der Feuerstelle in der Küche geholfen hatte – oder eine der Schmugglerinnen vielleicht. Nein. Sie wußte genau, daß es keine Nachtfahrerin mit diesem Namen gab. Und er hatte gesagt, sie sei schön. Plötzlich wurde Zanna eiskalt – und im nächsten Augenblick dunkelrot, so gedemütigt fühlte sie sich. Was hatte dieser Dummkopf in ihrer Abwesenheit getan? Er hatte weniger Vernunft als ein neugeborenes Baby. Nun, sagte sie sehr entschlossen zu sich selbst, sie war viel zu klug, um sich wegen der Eskapaden eines dummen Schmugglers Gedanken zu machen. Sie mußte sich um wichtigere Dinge kümmern – wie zum Beispiel um ihren Vater; und sie hätte jederzeit gewettet, daß diese Emmie, wer immer sie auch sein mochte, niemals in der Lage gewesen wäre, Vannor ganz allein aus den Fängen der Magusch zu befreien!

Yanis schwieg jetzt wieder, zog und zerrte aber nach wie vor an seinen Decken, so daß sein frisch gemachtes Bett wieder ganz und gar zerwühlt war. Zanna betrachtete den fiebrigen Missetäter und das Chaos, das er um sich herum verbreitete, mit kaltem Blick. Sollte doch diese Emmie kommen und ihm das Bett aufschütteln, wenn sie so wunderbar war – sie hatte jedenfalls genug Zeit auf Yanis verschwendet. Also drehte sie sich wieder um und zwang sich, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen, aus dem Zimmer zu gehen. Sie brauchte dringend Ruhe – gerade erst war ihr klar geworden, wie unaussprechlich müde sie war –, und sie mußte ihren Vater suchen. Erst als sie den Türgriff nicht finden konnte, hielt sie inne, um sich die Augen zu trocknen.

»Das Feuer muß wohl qualmen«, murmelte sie bei sich und verließ das Zimmer, wobei sie die Tür entschlossen hinter sich zuzog.

Benziorn und Tarnal warteten in der Küche auf sie. Zanna brauchte nur einen Blick auf ihre ernsten Gesichter zu werfen, und alle Gedanken an Yanis waren vergessen.

»Vater?« flüsterte sie. Tarnal, dessen Augen dunkel vor Sorge waren, stand auf, nahm ihren Arm und führte sie sanft zu einem Stuhl. Seltsamerweise verspürte Zanna den Drang, ihn zu schlagen. Sie riß sich von ihm los und sprang wieder auf. »Was ist los?« rief sie. »Was ist passiert?«

Tarnal öffnete den Mund, nur um ihn sogleich wieder mit einem hilflosen Achselzucken zu schließen, und zum ersten Mal sah Zanna den Schimmer von Tränen in seinen Augen. Er sah den Arzt erwartungsvoll an.

Benziorn beugte sich vor und griff nach Zannas Hand. »Dein Vater hat mir erzählt, wie du ihn aus der Akademie herausgeholt hast«, begann er unverfänglich.

Zanna starrte ihn ungläubig an. Vannor war etwas Schlimmes zugestoßen – sie wußte es –, und dieser Wahnsinnige wollte ihre Zeit mit blödsinnigem Gerede verschwenden? Na gut, um gerecht zu sein, war er in nüchternem Zustand wohl nicht ganz so nutzlos, wie es vorher den Anschein gehabt hatte. Im Gegenteil, er wirkte väterlich und vernünftig: ein Mann, der sie respektierte. Ein Mann, dem sie vertrauen konnte. »Was ist los mit meinem Vater?« fragte sie durch zusammengebissene Zähne.

»Ich war wirklich erstaunt«, fuhr der Arzt fort, als hätte sie nichts gesagt, »daß so ein kleines Ding, wie du es bist, so viel Mut haben kann. Aber es ist noch nicht vorbei, Zanna. Vannor braucht deinen Mut und deine Hilfe noch einmal.« Sie spürte, wie starke Finger sich um die ihren legten. »Seine Hand ist zu schwer beschädigt, als daß ich sie retten könnte«, erklärte er ihr nun unumwunden. »Ich werde sie abnehmen müssen.«

»Nein!« stieß Zanna hervor. Ihr starker, energischer Vater, verstümmelt und verkrüppelt? Das war einfach undenkbar. Obwohl die Tränen in ihren Augen brannten, schaffte sie es mit ruhiger Stimme zu sagen: »Bist du wirklich sicher? Kannst du denn gar nichts tun, um ihm noch eine Chance zu geben?«

»Es tut mir leid«, erwiderte Benziorn. »Ich weiß, was du denkst. Der Kerl ist nur ein hoffnungsloser Trunkenbold – was weiß er schon? Jemand, der auch nur die geringste Ahnung von seinem Handwerk hat, müßte diese Hand doch retten können – aber du irrst dich. Was ich auch sein mag, Mädchen, ich bin ein verdammt guter Arzt und habe deinem jungen Schmugglerfreund da drüben schon den Arm gerettet – frag Tarnal. Ich war der berühmteste sterbliche Heiler in Nexis, bevor die Todesgeister mir meine Familie genommen haben und ich mich dem Trunk hingegeben habe. Du bist nicht die Art Mensch, die man mit ein paar schönen Worten übertölpeln kann. Du möchtest lieber die ganze Wahrheit kennen, damit du weißt, womit du es zu tun hast – und darum habe ich dir überhaupt die Wahrheit gesagt. Diese Hand ist nicht mehr als ein Klumpen verstümmelten Fleisches. Die Knochen sind zerschmettert und zersplittert, die Muskulatur unrettbar zerstört, und wo die Sehnen geblieben sind, das wissen nur die Götter. Nach eurem kleinen Marsch durch die Abwasserkanalisation hat sich die Wunde entzündet, und diese Entzündung breitet sich jetzt rasch aus. Vannor mußte einen Entschluß treffen – seine Hand oder sein Leben –, und er hatte Vernunft genug, um da nicht lange zu zögern. Wir haben nur auf dich gewartet, bevor wir anfangen. Vannor braucht dich da drin, Mädchen – er hat nach dir gefragt –, aber wenn du glaubst, du schaffst es nicht, wenn du glaubst, daß du dich übergeben mußt oder ohnmächtig wirst oder möglicherweise auch noch Schreikrämpfe kriegst, dann bleibst du besser weg. Dein Vater braucht jetzt jemanden, der stark ist.« Benziorn hob herausfordernd die Augenbrauen. »Nun? Wie sieht es aus?«