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»Ich bin natürlich dabei«, erwiderte Zanna ohne Zögern. »Sag mir nur, was ich tun muß.«

Das Moor war bei Nacht ein kalter und unheimlicher Ort. Die niedrigen, schwarzen, kahlen Höcker der Hügel erstreckten sich endlos in alle Richtungen, und es gab nichts, was die Gewalt des kalten Windes, der klagend über das Land wehte, hätte brechen können.

Bern zitterte und zog die Kapuze seines Umhangs enger um sein Gesicht, um möglichst wenig von der schauerlichen Dunkelheit um sich herum wahrnehmen zu müssen. Diese verfluchte Wildnis war kein Aufenthaltsort für einen Stadtmenschen. Der Bäcker, der sich niemals für die Reitkunst interessiert hatte, wünschte jetzt, er hätte als Jugendlicher nicht alle Besorgungen, die einen Ritt erforderten, seinem älteren Bruder überlassen. Unbehaglich rutschte er auf seinem Sattel hin und her und versuchte, eine Stelle an seiner Kehrseite zu finden, die noch nicht wundgerieben war. Außerdem wünschte er sich nichts sehnlicher als zu erfahren, wo er eigentlich war. Normalerweise hätte er, sobald er die Straße verlassen hatte, sein Nachtlager aufgeschlagen, aber diesmal hatte er, gerade als die Sonne unterging, einen dunklen Flecken auf einem noch recht weit entfernten Hügel gesehen, der aussah, als könne es sich um das Wäldchen handeln, von denen die Lady Eliseth sprach. Törichterweise hatte er geglaubt, die Stelle erreichen zu können, bevor es dunkel wurde. Er hatte sich geirrt.

Nicht zum ersten Mal wünschte Bern, er hätte dem Plan der Lady Eliseth niemals zugestimmt – bis er wieder an den Keller in seiner Bäckerei dachte, der bis oben hin mit Unmengen herrlichen Korns gefüllt war. Er lächelte. Der Gedanke an die Männer und Frauen, die zu hintergehen er im Begriff stand, störte ihn nicht im geringsten. Er mußte nur diese kleine Aufgabe erledigen, und wenn er dann wieder nach heimkehrte, würde er der einzige Bäcker in Nexis sein, der etwas zu tun hatte. Ha! Er konnte jeden Preis für sein Brot verlangen, und niemand konnte Einwände erheben. Bei dem bloßen Gedanken an die Reichtümer, die er nach seiner Rückkehr scheffeln würde, fand er jederzeit neuen Mut. Außerdem mußte er mittlerweile fast da sein. Auf dem Pferd, daß die Lady ihm gegeben hatte und mit Hilfe ihrer Anweisungen, war er gut vorangekommen. Wenn er an dieser Stelle umgekehrt wäre, hätte er einen viel weiteren Weg vor sich gehabt und nichts, was er am Ende dieses Wegs hätte vorweisen können – und obwohl er lieber gestorben wäre, als es zuzugeben, ließ ihm der bloße Gedanke das Blut in den Adern erstarren, irgend etwas zu tun, was der kaltäugigen Maguschfrau mißfallen könnte.

Aber was war das? Das ferne Heulen, daß er jetzt plötzlich hörte, war leise und schauerlich und jagte ihm eine Gänsehaut ein. Plötzlich fühlte er sich wieder in seine Kindheit zurückversetzt und mußte an all die Geschichten von Geistern und Dämonen denken, die angeblich des Nachts im Moor zu finden waren. Berns Finger schlossen sich fester um die Zügel. Dann hörte er das Geräusch noch einmal, viel näher jetzt, und plötzlich wären selbst Geister ihm geradezu willkommen gewesen. Wölfe! Diesmal hatte Bern keine Schwierigkeit, das Geräusch zu erkennen – genausowenig wie sein Pferd. Mit einem schrillen Wiehern der Furcht jagte es los und hätte dabei seinen unaufmerksamen Reiter um ein Haar aus dem Sattel geworfen.

Alle Gedanken an die Wölfe waren vergessen – der Bäcker war viel zu sehr damit beschäftigt, sich einfach im Sattel zu halten. Verzweifelt klammerte er sich an die Pferdemähne und wurde bei jedem Schritt des Tieres in die Höhe geworfen. Hilflos mußte er erleben, wie das Pferd mit halsbrecherischer Geschwindigkeit blind über das unebene Terrain galoppierte. Berns Kapuze wurde zurückgeweht, und der kalte Wind durchdrang seine Kleider, da sein Umhang nutzlos hinter ihm herflatterte. Er raffte seinen ganzen Mut zusammen, um die Mähne loszulassen und verzweifelt an den Zügeln zu zerren, bis er glaubte, seine Arme würden ihm aus den Schultern gerissen. Aber all seine Bemühungen zeigten keinerlei Wirkung auf das verängstigte Pferd. Er verlor erst den einen Steigbügel, dann den anderen und rutschte schließlich unaufhaltsam zur Seite weg. Plötzlich vollführte das Pferd einen Satz nach vorn, als es über irgendein unsichtbares Hindernis sprang, und Bern wurde durch die Luft geschleudert. Nach seiner unangenehm harten Landung konnte er sich an nichts weiteres erinnern.

Als er die Augen wieder öffnete, wurde er von grellem Tageslicht geblendet. Einen Moment lang fragte er sich, wo er war. Er fror fürchterlich und war von Tau durchnäßt; sämtliche Glieder taten ihm weh, und sein Schädel hämmerte abscheulich. Jeder andere Mann hätte sich vielleicht gefragt, ob er in der letzten Nacht zuviel getrunken hatte, aber Bern war viel zu knauserig mit seinem Geld, um es wie sein Vater auf Bier zu verschwenden; außerdem war er viel zu besessen von seiner Arbeit, um die Geselligkeit und das unbeschwerte Treiben einer Taverne zu suchen. Hinzu kam, daß er keine Freunde hatte und diese auch als überflüssigen Luxus angesehen hätte.

Mit einem Stöhnen rollte er sich zur Seite, und das erste, was er sah, war der Leib des Pferdes, das in seiner Nähe lag, kalt und steif und mit so grotesk verrenktem Hals, daß es ihm den Magen umdrehte. Erst da erinnerte Bern sich an die vergangene Nacht und an die Wölfe. Die Wölfe! In panischer Angst versuchte er, auf die Beine zu kommen – und begriff erst dann, daß die Wölfe nun wohl kaum eine Gefahr darstellen konnten.

Selbst dieser kurze, aber verzweifelte Versuch aufzustehen, hatte ihn seine ganze Kraft gekostet. Der Bäcker saß eine Weile mit geschlossenen Augen da, bis sich ihm nicht mehr alles drehte. Als er die Augen wieder öffnete und sich umsah, stellte er zu seiner Überraschung fest, daß er den Wald beinah erreicht hatte. Er lag direkt vor ihm auf dem Gipfel der nächsten Anhöhe. Bern hatte keine Ahnung, ob Pferde in der Dunkelheit sehen konnten – dieses jedenfalls hatte es offensichtlich nicht gekonnt, dachte er mürrisch mit einem letzten Blick auf sein zu Boden gestürztes Reittier –, aber es hatte wahrscheinlich die Bäume gerochen (oder was immer Pferde sonst taten) und war vor seinem Sturz ihrem zweifelhaften Schutz entgegengelaufen.

Nun, zumindest hatte das dumme Geschöpf ihn fast bis an sein Ziel gebracht, dachte Bern. Er zog sich mit steifen Gliedern auf die Füße, humpelte zu dem Tierkadaver hinüber und löste mit tauben Fingern seine Decke und sein Bündel vom Sattel. Dann warf er sich die Decke als zusätzlichen Umhang über die Schultern und durchstöberte sein Bündel, bis er etwas Käse fand und einen Laib harten, altbackenen Brotes. Dieses unerquickliche Frühstück spülte er mit ein paar Schluck Wasser aus seiner Flasche herunter und dachte dabei sehnsüchtig an Haferbrei und Schinken, obwohl man letzteres in Nexis schon seit langer Zeit nicht mehr gesehen hatte. Aber diese verfluchten Rebellen mußten etwas zu essen haben – und je früher er sie fand, um so früher bekam er etwas in den Bauch. Also verschnürte er sein Bündel wieder, warf es sich über die Schulter und brach nach einem letzten, übellaunigen Tritt in die Flanken des toten Pferdes wieder auf.

Drei Stunden später stand er immer noch draußen vor dem Wald. Die Bäume wollten ihn einfach nicht durchlassen. Zerschunden, schmutzig und blutend, ließ sich Bern auf einen Erdhügel fallen, den Rücken der undurchdringlichen Wand aus Bäumen zugekehrt, und fluchte einige Minuten lang laut vor sich hin. Was, zum Teufel, ging da vor sich? Zuerst hatte er versucht, das Wirrwarr des Dickichts beiseite zu schieben, aber die ineinandergeschlungenen Äste schienen alle mit scharfen, gebogenen Dornen bewaffnet zu sein und hatten ihm den Weg versperrt. Als er versucht hatte, sich mit seinem Schwert hindurchzukämpfen, waren sie ihm ins Gesicht gesprungen, hatten mit ihren Dornen auf seine Augen gezielt – und einmal war ein schwerer Zweig zu Boden gefallen und hatte nur knapp seinen Kopf verfehlt. Verzweifelt hatte er es schließlich mit Feuer versucht, aber sobald er auch nur eine winzige Flamme zustande gebracht hatte, hatte jedesmal ein unerklärlicher Windstoß sie wieder erstickt und ihm Rauch und Funken in die Augen geweht. Mittlerweile war Bern mit seiner Weisheit am Ende. Was, um alles in der Welt, hatte das zu bedeuten? Man konnte ja direkt glauben, daß dieser verfluchte Wald ein lebendiges Wesen sei!