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Plötzlich zischte ein Pfeil durch die Luft. Nachdem er Bern fast einen Scheitel gezogen hätte, bohrte er sich in den Rasen unter dem Erdhügel. »Ho, Fremder!« rief eine Stimme. »Was hast du hier zu suchen? Steh auf und dreh dich langsam um – und sieh zu, daß deine Hände ein gutes Stück von deinem Schwert wegbleiben.«

Zitternd tat Bern, was ihm befohlen worden war. Zu seinem gewaltigen Erstaunen war das undurchdringliche Unterholz verschwunden, und ein schmaler, mit dicht belaubten Zweigen überwölbter Pfad hatte sich zwischen den Baumreihen geöffnet (aber woher waren all die Blätter gekommen? Es war noch viel zu früh dafür, und wenn man außerhalb des Waldes stand, konnte man absolut nichts von ihnen sehen). In der Öffnung stand ein großer, bärtiger junger Mann, der ganz in Grün und Braun gekleidet war und einen Bogen in der Hand hielt, der fast so groß war wie er selbst. Mittlerweile hatte er einen zweiten Pfeil in den Bogen gelegt und zielte nun abermals auf Bern.

»Ich habe gesagt, du sollst den Grund nennen, warum du hier bist!« rief ihm der Bogenschütze ungeduldig zu.

Bern riß sich zusammen. »Ich bringe Neuigkeiten aus Nexis«, stieß er hervor. »Neuigkeiten von Vannor.«

Der Pfeil schwankte einen Augenblick, aber dann zog Fional ihn schnell wieder zurecht und blinzelte den Fremden mit gespanntem Bogen an. Sein Herz hatte bei dem Klang von Vannors Namen einen Satz vollführt, aber er bemühte sich nach Kräften, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Das konnte eine Falle sein, ein Hinterhalt. »Wer bist du, und was weißt du von Vannor?« fragte er.

»Er lebt, aber er ist in schrecklicher Gefahr. Mein Name ist Bern. Ich war Diener in der Akademie, und sobald ich herausfand, was geschehen war, bin ich hierhergeeilt, um euch zu warnen. Ich bin den Magusch nur mit knapper Not entkommen … Bitte, laßt mich hinein. Sie wissen jetzt, wer ich bin, und ich wage es nicht, nach Nexis zurückzukehren.«

Fional runzelte die Stirn. Der Mann schien ehrliche Angst zu haben, aber … »Wie kommt es, daß du wußtest wo du uns finden würdest?« wollte er wissen.

Der Fremde schwitzte mittlerweile sichtbar. »Man erzählt sich in der Stadt Geschichten darüber, daß Angos’ Söldner ins Tal der Lady Eilin gezogen und nie zurückgekehrt sind. Daher dachte ihr, ihr müßtet hier sein. Wer sonst könnte Angos vertrieben haben?«

Der Bogenschütze stieß einen leisen Fluch aus. Das ließ nichts Gutes ahnen. Aber wenn dieser Mann den Aufenthaltsort der Rebellen kannte, war es auf jeden Fall sicherer, wenn sie ihn im Auge behielten. Und seine Neuigkeiten schienen wichtig zu sein. Dulsina war völlig außer sich vor Sorge, seit Vannor nicht zurückgekehrt war, ob nun mit seiner Tochter oder ohne sie.

Fional traf seinen Entschluß. »Leg deine Waffen am Waldrand ab und komm mit mir«, sagte er zu dem Fremden. »Bis du bewiesen hast, daß man dir vertrauen kann, mußt du dich als meinen Gefangenen betrachten.«

Obwohl der Mann keine Waffen bei sich hatte, war der Bogenschütze nicht so dumm, Bern zu vertrauen. Er stieß einen schrillen, hohen Pfiff aus, und ein Dutzend Wölfe löste sich wie Schatten aus der Dunkelheit des Waldes. Mit einem drohenden Knurren umringten sie den Gefangenen. »Eine falsche Bewegung«, warnte ihn Fional, »und sie reißen dich in Stücke.«

Der Fremde erbleichte und schauderte. »Ich werde nichts dergleichen tun, das verspreche ich«, schwor er.

»Nach dir, bitte.« Der Bogenschütze zeigte mit seiner Waffe auf den Wald, und der Mann ging, umringt von seinen Wolfswächtern, zu dem Pfad hinüber, der sich zwischen den Bäumen gebildet hatte. Fional folgte ihm mit gespanntem Bogen.

»Was treibt dieser Idiot da?« murmelte D’arvan an Maya gewandt. Aus dem Schutz der Bäume heraus hatte er gesehen, wie der Fremde sich näherte, und er hatte nur wenig Zeit gebraucht, um zu dem Schluß zu gelangen, daß der Mann ihm absolut nicht gefiel. Der Magusch hatte jeden Trick, den er kannte, benutzt, um ihm den Eintritt in den Wald zu verwehren, und hatte ihn beinahe ausreichend entmutigt, um ihn zu vertreiben, als Fional erschienen war und alles verhindert hatte.

D’arvan seufzte. »Das Schlimme ist«, sagte er zu dem Einhorn, »daß ich ihn nicht wirklich fernhalten kann, ohne ihn zu töten, und das wäre im Augenblick nicht klug – nicht wenn er wirklich weiß, was aus Vannor geworden ist. Außerdem haben wir im Grunde nichts gegen ihn in der Hand.«

Das Einhorn warf seinen Kopf zurück und stieß ein leises Wiehern der Zustimmung aus. D’arvan wünschte, er könnte mit ihr reden. Er sehnte sich nicht nur verzweifelt nach Maya, sondern hätte gerade in diesem Augenblick auch ihren gesunden Menschenverstand gebraucht. Das war das erste Mal, daß er in seiner Rolle als Waldwächter nicht wußte, was er tun sollte, und das machte ihm Angst. Bisher waren Freund und Feind leicht erkennbar gewesen, aber dieser Mann war ihm ein Rätsel.

D’arvan legte eine Hand auf den Widerrist des Einhorns. »Mir gefällt diese Sache nicht«, sagte er zu Maya. »Dieser Mann hat etwas an sich …« Er schüttelte den Kopf. »Wir werden ihn im Auge behalten – und zwar ganz genau.« Daraufhin ließ er seinen Worten Taten folgen und begab sich auf den Weg zum Rebellenlager; das Einhorn folgte ihm wie ein Schatten.

20

Eine Königin zwischen Hoffen und Bangen

»Wie meinst du daß, sie haben beschlossen, zurückzukommen?« brauste Rabe auf, und ihre Stimme hallte von den Dachsparren des großen Thronsaals wider. »Wer hat ihnen gesagt, daß sie das tun dürfen? Wie konnten sie es wagen! Und was ist aus den beiden Magusch geworden?«

Cygnus zuckte zusammen, und er war nicht der einzige. Alle Ratgeber der Königin sahen entschieden beunruhigt aus, wenn nicht sogar eindeutig nervös, mit Ausnahme von Elster, die so gelassen schien wie immer, und Aguila, dem Hauptmann der Königlichen Wache, dessen teilnahmsloses Gesicht selten irgendwelche Gefühle zeigte.

»Euer Majestät, ich bin sicher, Ihr erregt Euch völlig unnötig«, sagte Sonnenfeder, dessen verbindliches Benehmen nur durch die Hast, mit der er sprach, Lügen gestraft wurde. »Als Flügelmarschall der Syntagma habe ich es persönlich auf mich genommen, die Kuriere nach ihrer Rückkehr zu befragen und …«

»Ach?« Königin Rabe starrte ihn wütend an. »Dann hast du diesmal wohl ein wenig zuviel auf dich genommen. Wo sind die Kuriere? Warum hat man sie nicht sofort zu mir gebracht?«

»Meine – meine Königin, ich wollte Euch nicht mit solchen Nichtigkeiten behelligen …« Ausnahmsweise einmal schien Sonnenfeder nicht zu wissen, was er sagen sollte. Seit die verfluchten Zauberer weg waren, war die Königin viel gefügiger erschienen, und er war sich seiner Macht über sie in zunehmendem Maße sicher gewesen. Er hatte geglaubt, daß er sie mit seinem guten Aussehen und seinen vornehmen Manieren in seinen Bann geschlagen hatte, aber plötzlich mußte er mit einem flauen Gefühl im Magen feststellen, daß er sich offenbar verrechnet hatte.

»Das ist keine Nichtigkeit!« rief Rabe und schlug mit den Fäusten auf den Tisch, der vor ihr stand. »Bringt sie sofort zu mir!«

»Aber Majestät, sie schlafen jetzt nach ihrer langen Reise …«

»Sofort, habe ich gesagt!« Die Königin und Sonnenfeder sahen einander streitlustig an – und sie war nicht die erste, die den Blick senkte.