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«Zum Wohl.«

Sie stoßen an und trinken. Im Dorf bricht eine größere Gesellschaft auf, mehrere Autotüren werden zugeschlagen, und Motoren springen an. Die Geräusche liegen eine Weile in der Luft, Fremdkörper in der abendlichen Stille. Bevor Hartmut den Wein loben kann, spricht Bernhard weiter.

«Es war ein Donnerstagabend gegen elf Uhr. Nachdem ich an zwei Bistros vorbeigeschlichen war, bin ich ins nächste einfach reingegangen. Drinnen saßen nur noch wenige Gäste. Ich hab mich an die Theke gesetzt, in den Spiegeln dahinter die anderen Tische beobachtet und Whisky getrunken, obwohl ich ihn nicht mag. Schien zu meiner Situation zu passen. Dann ging die Tür auf, direkt hinter mir. Ich hab erst nur die Bewegung gespürt, kalte Nachtluft und einen Hauch von Parfüm. Es war eine einzelne Person, eine Frau im nassen Mantel. Sie hat sich an die Bar gesetzt, zwei Hocker weiter. Ich drehe den Kopf, sie tut dasselbe. Ein sympathisches Gesicht, wir lächeln einander an. Bonsoir. Verstehst du: Es ist einfach passiert. Ich war so perplex, dass ich vergessen habe, befangen zu sein. Vivienne hieß sie. Schöner Name für eine attraktive Frau. Wir kamen ins Gespräch. Sie führt einen Musikalienhandel, sagt sie, und gibt Klavierunterricht. Findet es interessant, dass jemand seine Professur aufgibt, um Barbesitzer zu werden. An einer Stelle behauptet sie sogar, meinen Akzent zu mögen. Ich will kein Märchen daraus machen, aber sie war wirklich bezaubernd. Braune Locken und neugierige Augen. Sie hat oft und gerne und ein bisschen zu laut gelacht, vielleicht war sie nervös, auch wenn sie nicht den Eindruck gemacht hat. Sie sagte, sie sei auf dem Weg von einem Konzert nach Hause. «Mit einem Lächeln hält Bernhard inne. Es mag am Kerzenlicht liegen, dass sein Gesicht verändert wirkt. Furchiger und noch hagerer als sonst.»Es war genau die Art von Erlebnis, die in meinem Leben nicht geschieht. Frauen steuern nicht in einer Bar auf den Platz neben mir zu und beginnen ein Gespräch. Strahlen mich an, zeigen mir, wie amüsant und geistreich sie mich finden. Als sie mal sauer auf mich war, meinte Julia, ein Abendessen mit mir sei wie Überstunden machen. Wir hatten einen Film gesehen, sie fand ihn gut, ich fand ihn schlecht, und ich hab nicht locker gelassen. Aber an dem Abend ging alles wie von selbst. Ich war die ganze Zeit darauf gefasst, dass Vivienne auf die Uhr sieht und sagt: Ich muss los, mein Mann wartet. Einen Ehering hat sie getragen. Ich war hingerissen von ihr, aber nach außen ruhig. Vielleicht wegen des Alkohols oder weil ich nicht geglaubt habe, bei ihr landen zu können. Hab einfach erzählt und sie zum Lachen gebracht. Als würde ich nichts falsch machen können. Ich frage mich, ob es Leute gibt, für die das keine Ausnahme darstellt. Was muss das für ein Leben sein!«

Es ist dunkel geworden, die einzige Lichtquelle bilden die glimmenden Kohlen im Grill und die Kerzen auf dem Tisch. Ab und an fällt ein Fetttropfen vom Rost und verglüht zischend. Dahinter die schwarzen Silhouetten von Bäumen, die in einen Himmel voller Sterne ragen. Hartmut nimmt den nächsten Schluck Wein und fragt:»Was ist eigentlich mit unserem Essen?«

Sofort springt Bernhard aus dem Stuhl, fuchtelt mit der großen Zange und stößt eine Reihe von Flüchen aus. Eins der Fleischstücke spießt er auf und hält es Hartmut mit skeptischer Miene entgegen.»Vielleicht noch essbar. Tut mir wirklich leid.«

«Probieren wir’s.«

«Géraldine würde lachen: erst Fleisch essen wollen, dann von fleischlichen Genüssen erzählen und darüber die Steaks vergessen. Sie kommt übrigens morgen Nachmittag und freut sich darauf, dich kennenzulernen.«

«Ganz meinerseits.«

«Die Kruste musst du abkratzen. «Bernhard legt ihm ein Stück auf den Teller. Im Kerzenlicht werfen alle Gegenstände auf dem Tisch tanzende Schatten. Eine Weile sind sie mit ihren Steaks beschäftigt, dann sagt Hartmut:»Spann mich nicht auf die Folter. Wie ging’s weiter?«

«Wie im Film. Irgendwann war Mitternacht vorbei, und in der Bar wurde aufgeräumt. Vivienne hat versucht, bei der Bedienung ein letztes Getränk rauszuhandeln, aber die wollten schließen. Also… Es war ihr Vorschlag, noch auf ein Glas zu ihr zu gehen. Ich seh sie noch lachen, als wir von den Stühlen rutschen. Keine Ahnung, worüber sie gelacht hat. Vielleicht entsprach es einfach ihrem Naturell. Wir sind zu ihr gegangen, haben miteinander geschlafen, Wein getrunken und geredet. Sie hat mir Chopin vorgespielt, nackt am Klavier. Es war, mit dem Lieblingswort deines Doktoranden, perfekt. «Für einen Moment haben sie beide dasselbe Bild vor Augen. Um nichts sagen zu müssen, das dessen Schönheit antasten würde, will Hartmut nach dem Weinglas greifen, aber Bernhard schüttelt den Kopf.»Bis der Ehemann zurückkam.«

«Der Ehemann?«

«Ja. In Toulouse hätte er sein sollen, aus Toulouse kam er überraschend zurück. «Es klingt, als rekapituliere er die Pointe eines schlechten Witzes.»Ich hatte nicht gefragt und sie nichts gesagt. Wo er geschäftlich unterwegs war, hab ich erst erfahren, als plötzlich die Wohnungstür aufging. Wir sind hochgeschreckt, draußen verharrt jemand und macht zwei Schritte in den Flur. Natürlich hat der Typ meine Schuhe gesehen und sofort verstanden. Ich greife nach meiner Unterhose und einem Hemd, mehr bekomme ich nicht zu fassen, bevor Vivienne mich auf den Balkon schiebt. Auf den Balkon! Es war ein blinder Impuls. Hauptsache weg! Da draußen stehe ich, zu erschrocken, um zu frieren, und höre drinnen den Tumult losbrechen. Geschrei, Flüche, Flehen. Der Typ war wie Jake LaMotta, klein und bullig, ich konnte ihn durch den Glaseinsatz in der Balkontür erkennen. Er mich auch. Einen Moment lang hatte ich Angst, dass er rauskommt und mich übers Geländer wirft. Keine Ahnung, wie eine Frau wie Vivienne einen solchen Kerl heiraten konnte. Er hatte einen irren Blick. Gleichzeitig außer sich und kalt berechnend. Statt nach draußen zu kommen, hat er die Balkontür von innen verriegelt. Lächelnd. Beinahe mit einem Ausdruck von Vorfreude im Gesicht. Dann… hat er Vivienne verdroschen. «Bernhard greift nach seinem Glas und leert es in einem Zug. Wischt sich mit dem Handrücken über den Mund und nickt, als müsste er sich von dieser Wendung der Geschichte aufs Neue überzeugen.»Richtig verprügelt. Sie lag wimmernd am Boden, und er hat sich ausgetobt. Hat sie beschimpft dabei, und trotzdem hatte ich das Gefühl, dass er eigentlich mir eine Lektion erteilt. Es war eine perverse Demonstration seiner Überlegenheit. Bis heute denke ich: Wenn er es auf andere Weise rausgefunden hätte, in meiner Abwesenheit, hätte er sich zwar auch an ihr gerächt, aber anders.«

«Und du, was hast du gemacht?«Es ist die einzige Frage, die Hartmut einfällt. Sie kommt ihm ebenso naheliegend wie unangebracht vor.

«Nichts. Ich stand in Hemd und Unterhose auf einem Balkon im vierten Stock. Ich hab überlegt, um Hilfe zu rufen oder die Glastür einzutreten, aber getan hab ich gar nichts. Nur zugesehen und mich gefragt, was als Nächstes kommt. Es war ein langer Moment, in dem ich genau gespürt habe, zu was ich nicht in der Lage bin. Ich hab gewartet, dass das Schwein da drin sich ausgetobt hat und entweder mit mir weitermacht oder mich gehen lässt. Wenn ich ehrlich bin, wollte ich, dass niemand etwas erfährt. Ich weiß nicht warum, aber ich fürchte, wenn auf der Straße ein Polizist vorbeigegangen wäre, hätte ich mich hinters Geländer geduckt. Da gibt es nichts zu beschönigen.«