In der Ferne ertönt ein lauter Knall. An mehreren Stellen im Dorf bricht Hundegebell los, dessen Echo durch die nächtliche Landschaft irrt. Hartmut fragt sich, ob es ein defekter Auspuff war oder ob im jagdverrückten Frankreich auch nachts geschossen wird.
«Und dann?«
«Irgendwann war er fertig. Kam zur Balkontür und hat sie geöffnet. Höflich auf die Art gut gelaunter Tyrannen. Vivienne lag auf dem Boden mit blutender Nase, er hat ihr ein Küchentuch zugeworfen, und ich hab mich angezogen. Hab sie gefragt, ob ich die Polizei rufen soll, das hat ihn sehr amüsiert. Nur zu, Monsieur, nur zu, hat er gefeixt. Vivienne hat schweigend abgewinkt. Später hab ich’s trotzdem getan, anonym, wahrscheinlich um mein Gewissen zu beruhigen. Was ich eigentlich hätte tun sollen, ist das, was er mit ihr gemacht hatte. Ihn vermöbeln. Wenn er auf mich losgegangen wäre, hätte ich es vielleicht gekonnt, aber er stand da mit verschränkten Armen und hat mir beim Anziehen zugesehen. Und ich wollte nur raus! Im Rückblick glaube ich, dieser brutale Typ hat mich genau durchschaut. Der wusste, dass ich ihm nichts entgegenzusetzen hatte. Im Grunde war ich eher beschämt als wütend. Ich hatte versagt und auf andere Gefühle kein Recht. In gewisser Weise denke ich bis heute so. «Er nickt und schiebt den Teller beiseite. Gegessen hat er nichts.»Tja, das war die Geschichte. Ich hoffe, ich hab uns nicht den Abend verdorben.«
«Du hast sie nicht mehr wiedergesehen?«
«Nein. Ich war seitdem nicht mehr in Bordeaux.«
«Verstehe. «Hartmut blickt in die kompakte Dunkelheit des Gartens. Obwohl er in der Ferne einige Laternen und erleuchtete Fenster sieht, kommt ihm das Grundstück abgeschiedener vor als am Tag. Bernhard legt neue Kohlenstücke auf die Glut. Hartmut schenkt Wein nach und spürt den ersten Hauch nächtlicher Kühle.
«Weiß Géraldine von der Sache?«
«Vor ein paar Monaten hab ich’s ihr erzählt. Du bist der Zweite. «Bernhard nimmt wieder Platz.»Ich hätte ihn verprügeln sollen. Oder mich verprügeln lassen, worauf es wahrscheinlich hinausgelaufen wäre. Ob ich mich dann besser gefühlt hätte, weiß ich nicht. Es wäre einfach richtig gewesen.«
«Du warst überrumpelt und verwirrt.«
«Im ersten Moment, ja. Aber ich stand mehrere Minuten auf dem Balkon, und da war was, das mich zurückgehalten hat. Angst und noch was anderes: nichts damit zu tun haben wollen. Die Sache schnell hinter mir lassen. Während Vivienne drinnen geschlagen und getreten wurde, hat mein nacktes kleines Ich gewünscht, an dem Bistro vorübergegangen zu sein.«
«Was hat Géraldine gesagt?«
«Was soll sie sagen. Es ist eine beschissene Geschichte.«
Noch einmal knallt es in der Ferne, und diesmal ist Hartmut sicher, einen Schuss gehört zu haben. Wieder reagieren die Hunde im Dorf. Hartmut deutet auf die beiden Teller.»Die Steaks müssen wir wegwerfen. Die sind hart wie Schuhsohlen.«
«Käse ist noch da. Genug Wein für die Nacht.«
«Käse und Wein. Okay.«
Das Gespräch ruht, die Geschichte wirkt nach. Eine Reihe von Bildern und Gedanken, aus denen etwas folgen sollte — aber was? Das Hundegebell erinnert Hartmut an die Nächte von Rapa. Wenn er neben Maria liegt und durch die offene Balkontür nach draußen horcht. Auf das Schweigen der Berge und das unaufhörliche Zirpen der Grillen. An der Wange spürt er die sanfte Berührung ihres Atems. Derweil die Sonne auf die andere Seite der Erde scheint, auf fremde Menschen und ihre Sorgen.
1985
Die Menschen drängen sich auf engen Holzbänken und blicken zum Altarraum. Rechts und links des Kreuzes ragen zwei festlich geschmückte Weihnachtsbäume in die Höhe, davor sitzen Hirten im Grundschulalter um ein eingebildetes Feuer und erwarten die Verkündigung. Feierliche Andacht und zappelige Ungeduld füllen die Bergenstädter Kirche zu gleichen Teilen. Kinder quengeln, Gesangbücher fallen zu Boden, und Eltern zischeln in die vor Aufregung roten Ohren ihrer Zöglinge. Alle sind gespannt, und der Engel im weißen Laken hat vor Aufregung den Text vergessen. Ratlos blickt er zum Eingang der Sakristei, wo zwei soufflierende Helfer hocken.
«… verkündige ich euch große Freude«, wispert es, hörbar bis in die letzte Reihe,»denn euch ist heute der Heiland geboren.«
Ruth macht ein mitleidiges Gesicht, Hartmut lehnt sich auf der Bank zurück und blickt auf die Uhr. Noch zehn Minuten. Rechts von ihm stützt ein Halbwüchsiger seine Ellbogen auf die Knie, starrt die Bodenkacheln an und raschelt mit einem grünen Bonbonpapier. Der Übergang in die Feiertage ist auch in diesem Jahr nach bewährtem Muster erfolgt. Hartmut hat gearbeitet bis zum Dreiundzwanzigsten und sich mittags ins Auto gesetzt, um nach Bergenstadt zu fahren. Die Geschenke für Florian und Felix hat Ruth besorgt. Dass er diesmal den Familiengottesdienst besucht, statt seine Eltern in die Arnauer Christvesper zu begleiten, ist auf Wunsch seiner Neffen geschehen. Ansonsten beschränkte sich die Veränderung auf eine kürzere Fahrtzeit, und es entfiel die ärgerliche Warterei an der Grenze — zwei der wenigen Vorteile, die sich aus seinem Umzug nach Dortmund ergeben haben.
«Der Heiland ist da«, stellt der Engel sachlich fest und erntet vereinzelte Lacher.
Von Blockflötenspiel begleitet, brechen die Hirten auf nach Bethlehem, und Hartmut unterdrückt ein Gähnen. Sobald die Anspannung für zwei Tage nachlässt, macht sich der über Monate akkumulierte Schlafmangel bemerkbar. Zu Hause, wenn man die halb eingerichtete Wohnung in der Arneckestraße so nennen will, bedecken Korrekturfahnen seinen Schreibtisch, und fast jede Nacht wacht er auf, weil ihm die Wortwahl in einer Fußnote problematisch erscheint. Als wäre ein Teil seines Gehirns immer beim Text. Vorne im Altarraum folgen die drei Könige dem Stern und tragen beschriftete Schuhkartons vor sich her. Florian gibt einen würdigen Melchior, als er sein Präsent vor der Krippe ablegt. Felix als Balthasar hat bereits Spuren schwarzer Schminke auf seinem Kostüm verteilt, und Hartmut kann hören, wie Ruth die Luft anhält, als ihr Sohn zu seiner performativen Äußerung ansetzt. Diesmal kommt sie ihm ohne zu stocken über die Lippen. Er hat sogar eigens nachgeschlagen, was ›Reverenz‹ bedeutet. Wäre das Jesuskind keine Puppe und kennte die Bedeutung selbst, könnte man von Perlokution sprechen. Hätte Felix allerdings ›Referenz‹ gesagt, wie heute Mittag am Rehsteig, könnte das Kind sich aufgrund des Gemeinten zwar trotzdem geehrt fühlen, aber ein Beobachter würde sagen, es sei ein Fehler passiert. Oder in Ruths Worten: Du musst dich konzentrieren, mein Schatz. Jetzt atmet sie aus und greift kurz nach Heiners Hand.
Einer nach dem anderen verschwinden die jungen Akteure in der Sakristei. Ihre Souffleure signalisieren Entwarnung. Die Mühe hat sich gelohnt. Frohes Fest!
Zum Abschluss erlöschen die Lichter, und in der feierlichen Dunkelheit steht die Gemeinde auf und singt O du fröhliche. Hartmut singt halblaut mit, und Ruth lehnt sich für einen Moment an ihn, als wollte sie entweder den Streit vom Vorabend beenden oder ihn auffordern zuzugeben, dass ihm in Wahrheit gefällt, was er aus unerfindlichen Gründen als lästige Verpflichtung abtun muss. Jedes Jahr behauptet er, dass eine mehrtägige Unterbrechung seiner Arbeit ihn uneinholbar in Verzug bringen werde, aber würde er an Heiligabend wirklich lieber am Schreibtisch sitzen und Fahnen korrigieren?
«… freue dich, o Chris-ten-heit.«
Nach dem letzten Akkord folgt ein Moment der Stille, bevor erneut die Orgel einsetzt und die Gemeinde hinaustreibt in den zu milden Heiligen Abend. Neun Grad waren es, als sie am Rehsteig aufgebrochen sind. Hartmut hält sich abseits, während Ruth und Heiner ihren Bekannten frohe Weihnachten wünschen. Ringsum versuchen Kinder, ihre plaudernden Eltern von der Stelle zu bewegen. Florian und Felix verabschieden sich von ihren Freunden und kommen auf ihn zugestürmt. Wahrscheinlich ahnen sie nicht, dass in Wahrheit sie es sind, die ihn ablenken von seiner inneren Unruhe. Auch wenn Ruth es ihm gestern nicht glauben wollte, für ihn geht es um sein Glück, die Zukunft, um alles. Verglichen damit ist die Habilitation eine Nebensächlichkeit.