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Waren das die Zeichen, die man in sein Gesicht geschnitten hatte?

122.

Deborahs Erfahrungen mit Männern waren kurz und brutal. Ihr Herr hatte sie vergewaltigt, einige Driver, weiße und schwarze Sklavenjäger, hatten sie vergewaltigt. Der etwa fünfzigjährige Haussklave, den ihre Herrin in Vicksburg zu ihrem Mann bestimmt hatte, hatte sie geküsst und angefasst, war aber, betrunken von Maisschnaps und Glück über seine schöne junge Frau, in der Hochzeitsnacht eingeschlafen, ehe er sie vergewaltigen konnte. Einige Male hatte sie weiße Männer wie Dean Stanton verführt und teilnahmslos zugesehen, wie sie auf ihr, in ihr einschliefen, wenn das Betäubungsmittel zu wirken begann.

Einmal hatte ein freigelassener Schwarzer, den sie auf einer Abolitionistenversammlung kennengelernt hatte, ein Mann in einem feinen Anzug, der lesen und schreiben konnte, versucht, sie zu verführen, betrunken zu machen, und war grob geworden, als seine schönen Worte bei Deborah nicht verfingen. Er hatte sie geschlagen, und sie hatte zurückgeschlagen, und seine Verblüffung darüber, vielleicht auch ein wenig das Messer, das sie plötzlich in der Hand hielt, hatte die peinliche Situation beendet. Jason hatte sie einmal geküsst, rau, unbeholfen geküsst, und sie hatte ihn gewähren lassen, bis sie die Gier in seinen Augen sah. Das waren Deborahs Erfahrungen.

Egal, was sie sagten und taten, irgendwann wurden Männer zu Tieren, die sich auf sie werfen, ihr wehtun, sie wehrlos machen wollten. Manchmal, selten, träumte sie von zärtlichen Berührungen und erwachte beschämt, verwirrt, in seltsamen Stellungen. Sie glaubte, dass solche Träume sie schwach machten, und lernte, ihr Fleisch zu befriedigen, um die Träume fernzuhalten. Denn niemals, nie wieder wollte Deborah schwach oder wehrlos sein.

Der Zettel, den John Gowers ihr gegeben hatte, lag deshalb schwer auf ihrer Seele, denn sie hatte natürlich gespürt, an seinem Stutzen, an seinem Stottern, dass diese Worte für sie bestimmt waren. Sie entzifferte auch genug davon, um zu verstehen, was er ihr sagen wollte, aber sie verbot sich, diesen Worten zuzuhören. Es machte sie beinahe wütend, dass er es aufgeschrieben und nicht einfach gesagt hatte. Denn was gesagt wurde, war Wind, verklang, konnte überhört werden. Der Zettel aber verlangte eine Entscheidung von ihr. Einmal hatte sie ihn sogar schon zusammengeknüllt, um ihn in den Fluss zu werfen, das Papier aber dann wieder glatt gestrichen, zusammengefaltet und aufbewahrt.

Noch immer, den ganzen langsamen Weg den Atchafalaya River hinauf, an riesigen Wäldern von Sumpfzypressen, überwucherten kleinen Bayous vorüber, brachte sie John Gowers seinen Morgenkaffee ins Steuerhaus. Sie sprachen nicht viel, und dafür lächelten sie eigentlich zu oft. Er machte sie auf Alligatoren, Flamingos und einmal auf einen Baum aufmerksam, der, mit einem langen Bart aus Spanischem Moos überwachsen, tatsächlich aussah wie Mr. Phineas »oder ein naher Verwandter«. Und irgendwann merkte Deborah zu ihrer Bestürzung, dass sie die Antwort auf seine Verse gar nicht mehr finden, sondern nur noch geben musste. Das aber fiel ihr entsetzlich schwer, denn er war weiß, und in ihrer Welt war weiß schlecht.

»Guten Morgen, Mr. Gowers!«

»Guten Morgen, Miss!«

Sie hatte sich angewöhnt, ihm den Kaffee einzuschenken, und er versuchte seitdem, die Tasse so aus ihren Händen zu nehmen, dass sich ihre Finger dabei berührten. An diesem Morgen gelang es ihm, aber nur, weil sie es nicht mehr verhinderte.

»Würden Sie steuern, während ich trinke?«, fragte er plötzlich. »Der Fluss ist zu unruhig hier, um das Ruder mit einer Hand zu halten.« Der Fluss war so ruhig und träge wie an jedem Morgen.

Deborah nahm das Steuer, sagte aber: »Ich weiß nicht, ob ich das kann, Mr. Gowers.«

»Ich weiß, dass Sie es können, Miss«, antwortete er ruhig und sah nach vorn, den Fluss hinauf. »Snag«, sagte er nach einer Weile, als ein Baumstamm auftauchte, dessen Standort nur an einer leichten Verwirbelung des Wassers erkennbar war. »Ein Strich steuerbord – ein wenig nach rechts«, fügte er lächelnd hinzu und sah jetzt nicht mehr auf den Fluss und das Hindernis, sondern nur noch auf Deborah, der heiß und kalt wurde, als sie fühlte, wie das große Schiff – und alles und alle, die darauf waren – einem leichten Druck ihrer Hand gehorchte. Sie passierten die gefährliche Stelle in sicherem Abstand, und sie lächelte nicht ohne Stolz.

»Ich glaube, es ist besser, wenn Sie wieder steuern«, sagte sie dennoch.

»Das glaube ich nicht«, antwortete er.

Ihr Mund klappte auf, und für einen Moment verlor sie den Fluss aus den Augen und schaute den jungen Mann stirnrunzelnd an. Das Schiff fuhr eine leichte Schlangenlinie.

»Sehen Sie nach vorn«, sagte er prompt, trat hinter sie und küsste sie sacht auf die linke Schläfe, als sie es tat. Eine heiße Welle sehr widersprüchlicher Gefühle stieg ihr bis über beide Ohren, und die Schlangenlinien verstärkten sich.

»Nehmen Sie das Steuer!«, befahl sie ärgerlich. »Sofort!«

»Nein«, antwortete er leise und strich dabei mit den Lippen über ihre Wange, ohne sie an irgendeiner anderen Stelle zu berühren.

»Ich lasse das Steuer los!«, warnte sie und fühlte, dass sie zu schwitzen begann.

»Dann sind wir alle tot«, meinte er achselzuckend und küsste jetzt ihren Hals, ihren Nacken.

»Bitte«, sagte sie, überwältigt von dem Gefühl, ihn ohrfeigen zu müssen, zu wollen. »Nehmen Sie das verdammte Steuer!« Vielleicht war es die Verblüffung über diesen Fluch, die ihn dazu brachte, nun doch von ihr abzulassen.

»Sagen Sie meinen Namen!«, forderte er enttäuscht.

»Mr. Gowers«, sagte sie stirnrunzelnd, verständnislos, wütend.

»Nur ein Mal«, bat er leise, und sie begriff jetzt. Dennoch brauchte sie eine Weile und verging eine endlose Minute auf dem aufgewühlten Fluss ihrer Gefühle, ehe sie ebenso leise sagte: »John!«

Er nahm das Steuer aus ihrer Hand, und sie vergaß ihn zu ohrfeigen, so groß war ihr Bestreben, aus dem stickigen kleinen Raum herauszukommen. Auf dem Niedergang hätte sie beinahe Jason überrannt, der im Auftrag des Kapitäns dem Lotsen die Frage überbrachte, ob er hoffe, für die Karussellfahrt extra bezahlt zu werden.

123.

Von Gott einmal abgesehen konnte niemand genau wissen, wie viel rote Erde der Red River jedes Jahr aus den weiten Ebenen von Texas nach Louisiana spülte, deshalb war seine Einmündung in den Mississippi eine heikle Stelle ihrer Reise. So heikel, dass selbst John Gowers keine Lust verspürte, sie bei Nacht und Dunkelheit zu bewältigen. Er wählte die Stunde vor Sonnenaufgang für seinen Versuch, wenn der Tag nahe genug war, damit er sehen, aber auch hoffen konnte, nicht gesehen zu werden. Als die Sonne kam und die Stromschnellen in Hunderte gleißende, einander verschlingende Wasserarme verwandelte, die an seinem Schiff zogen und zerrten, hatten sie deshalb die gefährlichsten Untiefen bereits hinter sich.

Ein paar Meilen oberhalb von Red River Landing kannte Gowers eine Stelle, den Eingang zu einem versandeten Altarm, wo sie den Tag über liegen konnten. Zwar würden Dutzende andere Boote, Flöße, Fährschiffe sie dort entdecken, aber in Absprache mit John Lafflin hatte Gowers befohlen, die herausgerissenen Wände und Verkleidungen der Aufbauten wieder einzusetzen, sodass sie mit einiger Wahrscheinlichkeit für ein gestrandetes Wrack gehalten werden würden, das ein paar Schlauköpfe wieder reparierten. Kurz bevor sie diese Stelle erreichten, kam nicht Deborah, kam nicht der Kapitän, sondern der verwitterte alte Pirat Gringoire ins Steuerhaus und setzte die Kaffeekanne so heftig auf das Kartenpult, dass der Kaffee den unteren Mississippi glatt überschwemmte.