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Auch die Whakarau bekamen die Veränderung, die mit Te Kooti vorgegangen war, zu spüren. Gewiss, er hatte sie schon vorher nicht nur mit gütigen Prophezeiungen und weisen Entschlüssen, sondern auch mit Drohungen und offener Gewalt zusammengehalten. Aber jetzt war er endgültig nicht länger einer von ihnen, nicht mehr Erster unter Gleichen. Eine öde alte Geschichte in der Geschichte, die sich zuvor und seither tausendfach wiederholt hat. Mit dem Herrschaftsanspruch des Propheten wurden seine Anhänger zu Untertanen, und auch die bereits bestehende Unterscheidung zwischen Gefolgsleuten und Gegnern, Freunden und Feinden verschärfte sich. Nun war jeder Te Kootis Feind, der nicht sein Untertan sein wollte.

John Gowers hatte seinen Entschluss gefasst. Er hatte einem Gefangenen geholfen, sich zu befreien, und war dabei selbst zu einem Gefangenen geworden. Die Fesseln, die der Prophet ihm angelegt hatte, waren die Zeichen in seinem Gesicht, und er zitterte noch immer vor Wut, nicht nur über die Gemeinheit dieser Verstümmelung, sondern auch über die Selbstherrlichkeit, mit der Te Kooti in sein Leben eingegriffen hatte.

Die Entscheidung, ihn zum Maori ehrenhalber zu machen, erwies sich jedoch als nicht so endgültig, wie es zunächst den Anschein gehabt hatte. Als die Schwellungen abklangen, die Wunden verheilten, stellte Gowers fest, dass sein Bartwuchs intakt geblieben war, und das linderte seinen Hass ein wenig. Zumindest verschwand sein Wunsch, Te Kooti bei der ersten Gelegenheit zu töten. Er würde einfach seiner Wege gehen und sah darin auch kein besonderes Problem, denn er fühlte sich dem Propheten jetzt in keiner Weise mehr verpflichtet. Lediglich dass der Mann vom charismatischen Religionsstifter so offensichtlich zu einem Warlord geworden war, mahnte ihn zur Vorsicht, und unter erheblichen Schmerzen rasierte er sich, ehe er ihm seine Entscheidung mitteilte.

Der Investigator gehörte zu den wenigen Menschen im Lager, die allein, ohne Leibwache, Frauen, Henker und deshalb auch ohne Zeugen mit Te Kooti sprechen konnten, und nur dieser Umstand rettete ihm vermutlich das Leben. Lächelnd und ein wenig zu überlegen betrachtete der Prophet die gelungene Arbeit des Tätowiermeisters in Gowers’ Gesicht.

»Haben Sie noch Schmerzen?«, fragte er.

»Es geht«, antwortete Gowers.

»Wissen Sie, was diese Zeichen bedeuten?«

»Ja, Sir.«

Te Kootis Freude trübte sich ein wenig. Er hatte sich bereits überlegt, mit welcher Betonung er die bedeutsamen Worte sprechen wollte, und war für einige Sekunden nichts anderes als ein Schauspieler, den man um seinen Auftritt gebracht hatte.

»Sie wollten mich sprechen?«, fragte er ernüchtert.

»Ich werde Sie verlassen, Sir«, sagte Gowers ruhig. »Sie wissen, warum. Ich habe etwas im Süden zu tun.«

Der Prophet schüttelte den Kopf. »Ich glaube, Sie irren sich. Das war ein anderer Mann!«

»Ich denke nicht, Sir. Trotz Ihrer …« Gowers musste eine erste heiße Aufwallung seines Zorns hinunterschlucken, »… Ihrer Zeichen bin ich derselbe Mann geblieben.«

»Das ist traurig für Sie, mein Freund.« Te Kooti versuchte, seinen Worten den milden Klang auf richtigen Bedauerns zu geben. »Denn die Augen dieses Mannes sind blind und seine Ohren verstopft. Er kann die Zeichen Gottes nicht sehen und Gottes Stimme nicht hören und muss im Dunkeln wandern.«

Die Selbstgewissheit des Propheten reizte Gowers so sehr, dass er ihm am liebsten verraten hätte, wie gut er auch im Dunkeln seine Wege sehen konnte. Stattdessen sagte er so ruhig wie möglich: »Bei allem Respekt, Sir, aber ich sehe Ihre Zeichen und höre nur Ihre Stimme!«

Das war zu viel. Niemand durfte so mit dem Sieger von Matawhero sprechen.

»Ich bin Gottes Mund, Mr. Gowers«, sagte Te Kooti finster. »Seine Stimme, sein Werkzeug. Und ich tue, was seine göttliche Offenbarung mir befiehlt!«

Auch das war zu viel. Einem Mann das Gesicht zu zerschneiden war eine Sache. Frech zu behaupten, dass das der Wille Gottes, gut und richtig sei und der Mann im Unrecht, wenn er sein Leben zurückverlangte, eine ganz andere.

»Wie«, fragte Gowers und kämpfte dabei seinen Zorn immerhin zu einem derben Sarkasmus nieder, »wie unterscheidet man eigentlich eine göttliche Offenbarung von einem Furz im Hirn?«

Nach den wenigen Sekunden, die er brauchte, um diese Ungeheuerlichkeit zu begreifen, verwandelten sich Te Kootis gespieltes Bedauern und seine ehrliche Enttäuschung in Abscheu, Verachtung und Hass.

»Sie wollen uns verlassen – und Sie werden uns verlassen!«, drohte er mit funkelnden Augen und rief dann mit lauter Stimme nach draußen: »Maaka Ritai!«

125.

Seine Zunge hatte ihm ja schon manchen Streich gespielt, aber dieser war wirklich hundsdumm, und er hielt ihn für seinen letzten. Je länger die Beratung dauerte, die der Prophet mit seinen zwölf Aposteln, Leibwächtern und Henkern abhielt, desto unangenehmer wurde vermutlich die Art und Weise, auf die sie ihn umbringen würden, dachte John Gowers – an Händen und Füßen gefesselt unter freiem Himmel liegend, von den Hunden beschnüffelt, von den alten Frauen bewacht. Obwohl er sich immer für einen harten Burschen gehalten hatte und dem Tod schon häufig begegnet war, zermürbte ihn dieses Warten, und die Angst kroch allmählich an seinen Beinen, in seinem Körper hoch.

Er rieb sein noch immer wundes Gesicht im Staub, um die Angst durch den Schmerz zu vertreiben und sich erneut zu bestätigen, dass er im Recht war. Zumindest würde er ihnen noch ein paar Worte über ihre schwachsinnige Religion hinknallen, die sie nicht so bald vergessen würden. Er arbeitete bereits an Formulierungen, die die letzte an Gemeinheit noch übertreffen sollten, und schaffte es dadurch immerhin, dass Furcht und Zorn sich in seinem Innern einigermaßen die Waage hielten.

Dann war es endlich so weit: Der Prophet rief seine Anhänger zum Wharenui, dem Versammlungshaus, und der Henker, Maaka Ritai, schleifte Gowers an den Füßen zum Niue, dem heiligen Pfahl, der an diesem Ort aufgerichtet war. Er sah dabei nur noch einen Wald schmutziger nackter Beine, und die frechen, freien Worte, die er sich zurechtgelegt hatte, konnten den Knebel der Angst in seiner Kehle nicht mehr durchdringen. Dann war es der schwere Fuß des Henkers in seinem Nacken, der ihn am Reden hinderte. Hören konnte er zu seiner Überraschung umso besser. Seiner fast schmerzhaft geschärften Aufmerksamkeit entging kein Rascheln, kein Raunen in der Menge der Gläubigen, und er hörte sogar den Wind in den großen dunklen Bäumen jenseits der Palisade.

»Dieser Mann«, sagte Te Kooti feierlich, »hat uns über das Meer geführt.«

Richtig, dachte Gowers bitter und: Trottel! Und: Auf dem Meer würde euer Prophet seinen Schwanz nicht finden, wenn er pinkeln geht! Aber er war nicht auf dem Meer.

»Wir haben diesen Mann geehrt, und ich habe ihm meine eigene Frau gegeben. Wir haben ihn zu unserem Bruder gemacht!«

Ja, gegen seinen Willen und ohne sein Wissen, dachte Gowers: Ihr habt ihn schanghait!10

»Aber er hat über uns gelacht und unseren Glauben mit Füßen getreten.«

Wer tritt hier wen?, dachte Gowers, während er die knorrige Hornhaut an den Fußsohlen des Henkers im Nacken fühlte. Macht die Augen auf!

»Er will nicht zu uns gehören. Er will überhaupt nicht zu etwas oder jemandem gehören, nicht einmal zu Gott!« Die Ungeheuerlichkeit dieses Verbrechens ließ die Whakarau aufheulen, und selbst Gowers, der Delinquent, konnte nicht umhin, diese Formulierung irgendwie eindrucksvoll zu finden.

»Darum soll er nackt in die Wildnis gehen! Mögen alle Flüche des Lebens auf ihn fallen, mögen Todesängste ihn durch die Wälder treiben und Schlangen aufspringen in seinem Weg! Die Früchte der Erde sollen zu Asche werden in seinem Mund und klares Wasser sich in Blut verwandeln auf seinen Lippen!«