Die Gläubigen erzitterten unter diesem wundervollen Fluch, und Gowers, das Gesicht in den Staub getreten, schaffte es nicht, dem Propheten einen vielsagenden Blick zuzuwerfen. Denn für jemanden, der angeblich nur mit Gott sprach, hatte sich der Mann recht ungeniert bei Lord Byron bedient. Leider war dies nicht der Moment für philologische Spitzfindigkeiten.
Maaka Ritai zerrte ihn hoch und zerschnitt seine Fesseln. Andere, junge Männer, rissen ihm die Kleider vom Leib, die Stiefel von den Füßen, waren aber immerhin religiös genug, ihm die Hosen zu lassen. Te Kooti ließ die Sachen des Investigators holen und vor ihm ausbreiten.
»Wählen Sie, Mr. Gowers«, sagte er. »Wählen Sie einen Gegenstand, denn einen Gegenstand dürfen Sie mitnehmen.«
»Und alles Übrige nehmen Sie«, murmelte Gowers verächtlich.
»Gott wird über Sie richten«, erwiderte der Prophet bestimmt. »Dort draußen. Und schon Ihre Wahl wird ein Teil seines Urteils sein. Der Rest fällt denen zu, die es besser verwenden werden als Sie.«
Gowers war klar, dass damit vor allem sein Revolver gemeint war, und er ging davon aus, dass ihm die Munition vorenthalten würde, wenn er ihn wählte. Sein Bündel war nie groß gewesen, aber als er jetzt die schäbigen Reste seines Lebens vor sich ausgebreitet sah, dachte er unwillkürlich, dass er es in der Welt nicht zu sonderlich viel gebracht hatte. Blechgeschirr, Feldflasche, sein eiserner Totschläger, die blaue Brille, eine alte Offiziersmütze, ein Bleistift, ein wenig Papier? Seine Vergangenheit nützte ihm nichts. Er überlegte, nur um des dramatischen Effekts willen, Byrons Cain zurückzuverlangen, aber er überlegte nur kurz. Was würde er brauchen? Kleider? Stiefel? Te Kooti würde es fertigbringen, ihm nur einen zu geben. Sein Kompass wäre ihm zweifellos nützlich in der Wildnis, aber es gab die Sterne, und so dicht waren die Wälder, so groß war diese Insel auch wieder nicht. Er würde immer irgendeinen Strand erreichen und das Meer finden, wie noch der kleinste, schäbigste Bach irgendwann zum Meer fand.
Der Prophet wartete gespannt auf die Wahl des verfemten Mannes und beglückwünschte sich insgeheim zu seiner Voraussicht, als es das Messer des Mörders war, das Gowers ergriff. Nun lag wahrhaftig alles in Gottes Hand. Das große Tor in der Palisade von Nga Tapa wurde knarrend geöffnet.
»Fort!«, sagte Te Kooti und deutete mit dem Arm auf den undurchdringlichen Wald jenseits des Gelobten Landes, das er zu schaffen versuchte mit allen Mitteln.
126.
Sie war fort. Am frühen Morgen, nur drei Tage nach ihrem ersten Kuss, hatte die Deep South die Flüchtlinge am Illinois-Ufer sicher an Land und in die Freiheit gebracht. Deborah war mit ihnen von Bord und in Gringoires Hütte gegangen, von wo aus die kleine Underground Railroad sie weiter nach Kanada bringen würde. Der wüste alte Pirat hatte Gowers beim Abschied umarmt, denn in den Nächten zuvor war es noch einige Male sehr haarig zugegangen. Aber der junge Lotse hatte alle Schwierigkeiten von Schiff und Passagieren ferngehalten. Sie waren an einigen Wracks vorübergekommen, die weniger Glück gehabt hatten, und ihr Anblick hatte auch den letzten und ahnungslosesten der Flüchtlinge klargemacht, was John Gowers für sie getan hatte. Und John Lafflin. Und Jason. Und der riesige, furchterregende Mr. Phineas.
Fast alle weinten, als das kleine Schiff wieder auf den gewaltigen dunklen Strom hinaussteuerte, aber es waren nicht mehr die bitteren Tränen der Sklaverei, die in ihren Augen glänzten. In Hochstimmung befahl der Kapitän Kurs auf St. Louis, laut lachend warf Mr. Phineas Schaufel um Schaufel ihrer letzten Kohlereserven ins Feuer seiner unerschütterlichen Maschine. Alles war gut gegangen – aber sie war fort! Selten war John Gowers sein Leben so leer erschienen wie an diesem Morgen, leer wie der endlos vor ihm ausgebreitete Fluss. Er sah auf das Vorschiff, wo am Tag zuvor noch singende, tanzende Menschen einer ungewissen, aber selbstbestimmten Zukunft entgegengeschwommen waren. Sie war fort.
Sein Blick wanderte ungläubig durch das Steuerhaus, über Karten, Ruder hinweg, zu dem leeren Haken an der Wand, wo normalerweise seine Lotsenjacke aufgehängt war. Er hatte sie Deborah zum Abschied geschenkt, aber Deborah war fort. Als die Sonne aufging, wurde der Mississippi zu einer schimmernden Fläche aus flüssigem Licht, auf die seine Träume hinauszuwachsen begannen. Er sah ihre Augen, ihr Gesicht, er hörte ihre Worte da draußen. Und allmählich begriff er, dass die Leere in seinem Leben nicht vor ihm, sondern hinter ihm lag. Sie war fort. Aber John Gowers war jetzt nicht mehr allein.
»Versponnen«, ertönte plötzlich eine Stimme hinter ihm. »Ja, das ist der richtige Ausdruck: versponnen!« Es war John Lafflin, der ins »Texas« gekommen war, ohne dass der Lotse es bemerkt hatte. »Ich weiß ja nicht, ob das von Interesse für Sie ist«, fuhr er spöttisch fort, »aber wir haben eben ein Floß versenkt.« Wie ein Schlag in die Kniekehle kehrte die Wirklichkeit zu John Gowers zurück, und er sah den Mann mit großen Augen an.
»Na ja, beinahe«, lächelte der Kapitän. »Um ein Haar sozusagen. Aber ein paar der Ausdrücke, die die Kerle darauf für unseren Lotsen gebraucht haben, kannte selbst ich noch nicht.«
Gowers lachte ein wenig zu laut.
»Ich dachte nur, ich sag Ihnen das«, setzte Lafflin seine Rede fort, »denn ehrlich gesagt fände ich es schön blöd, wenn Sie nach all dem Theater mein Schiff in Sichtweite von St. Louis in den Grund bohren. Nennen Sie mich einen alten Pedanten!«
Sie erreichten St. Louis am Nachmittag, und der Lotse nahm die Einladung seines Kapitäns zu einem späten Mittagessen oder einem frühen Abendessen in der Collins Avenue 24 dankend an. Lafflin machte dem jungen Mann sogar das Angebot, fest für ihn zu arbeiten; aber da Deborah ihn einmal offen vor den Augen des Kapitäns geküsst hatte, kannte John nur ein Thema und war froh, dass er seine vielen Fragen nicht mehr hinter Andeutungen verstecken musste. Und obwohl vernünftige Menschen den Umgang mit Verliebten nach Möglichkeit meiden sollten, stand John Lafflin seinem Lotsen, so gut er konnte, Rede und Antwort, denn er hatte seine Freude an dem, was da zusammenwachsen wollte.
Nein, obwohl er sie seit vier Jahren kannte, wusste er nicht, wo und wie die junge Frau lebte. Das war Teil ihrer Absicherung. Nur Gringoire, nein, Gringoires Frau kannte Deborahs festen Aufenthaltsort, und nur über sie konnte man mit ihr in Verbindung treten. Blumen? Schmuck? Nun ja, er an Johns Stelle würde dieser Frau nichts schenken, was man auch jeder anderen Frau schenken könne.
An dieser Stelle räusperte sich Mrs. Emma Lafflin vielsagend und klärte die beiden Männer darüber auf, dass die Frau noch nicht geboren sei, die ein Blumengeschenk verschmähe. Schmuck sei natürlich immer ein wenig heikel, weil Geschmacksache. Wenn er diesbezügliche Fragen habe, könne er sich jederzeit an sie … Ein Chronometer und einen Sextanten? Nun … Das sei immerhin originell. Kaum zu befürchten, dass ein Mädchen da die Augen verdrehte und sagte: »O Gott, schon wieder ein Sextant!« Ein Astronomielehrbuch? Ja. Auch nicht schlecht. Aber natürlich mit einer Menge Blumen.
Im Verlauf dieses heiteren Abends machte Mrs. Lafflin ihrem Mann auch Mitteilung über die in seiner Abwesenheit vorgekommenen Ereignisse, die in den spannenden Berichten über die Fahrt der Deep South, die Schlacht von Barataria und den Weg durch die Sümpfe leider ein wenig untergingen. Später, als sie nackt in seinen Armen lag, wiederholte sie noch einmal die Geschichte von dem nächtlichen Einbrecher, den sie den städtischen Behörden übergeben hatte. Aber unglücklicherweise nahm John Lafflin diese Information auch jetzt nicht sonderlich ernst.