Nördlich von Roto-rua und Roto-iti erreichte er endlich einen Fluss, den kleinen, aber reißenden Kaituna River, dessen Strömung er sich anvertraute. Einen Tag später stand er am Papamoa Beach und am Meer, ohne dass er auf seinem langen Weg bisher auch nur einen einzigen Menschen gesehen hatte. Er wusste, dass er nun der europäischen Zivilisation zwischen Okura und Tauranga Harbour gefährlich nahe war und man ihn zweifellos aufhalten würde, wenn man ihn entdeckte. Also schlief er bei Tag in den mit Farn bedeckten Hügeln und marschierte bei Nacht, wobei er seinen Weg nur unterbrach, um auf den vereinzelt liegenden Farmen Kartoffeln und rohes Gemüse zu stehlen. Einmal kam ihm dabei ein Hund in die Quere, der aber rasch den Schwanz einzog und dessen Fell sich sträubte, als er sah, wer oder was da vor ihm stand. Gowers lachte. Er musste fürchterlich aussehen.
Um nicht jede Bucht von Cooks County mühsam und langwierig zu umrunden, marschierte er über die meilenweiten, bei Ebbe trockenfallenden Schlammflächen zwischen dem Festland und der lang gestreckten Matakana-Insel und stieß dabei an einem kalten, nebligen Morgen auf das Unheimlichste, was ihm bisher auf all seinen Wanderungen begegnet war. Er hielt es zunächst für eine Gruppe länglicher grauer Felsen, vom Meer zu merkwürdig symmetrischen Formen geschliffen. Eine große Wolke von Seevögeln kreiste mit aufgeregtem Geschrei dicht darüber, stieß immer wieder darauf herab, und Gowers, noch rund dreihundert Meter entfernt, registrierte verwundert, dass die Möwen, die kreischend auf ihn anflogen, um ihn zu vertreiben, blutige Schnäbel hatten. Ungeachtet ihrer wütenden Angriffe ging er weiter und stellte fest, dass sich die vermeintlichen Felsen noch schwach bewegten.
Eine Schule unerfahrener Pottwale war offenbar mit der Flut in die flache Bucht geschwommen und hatte dann bei rasch fallendem Wasser keinen Ausgang mehr aus der tödlichen Falle gefunden. Aufgelaufen im weichen Schlick hatten die riesigen Tiere panisch um sich geschlagen, gezappelt und dabei tiefe Furchen im Schlamm hinterlassen, in denen sie lagen wie in halb ausgehobenen Gräbern. Immer hilfloser auf dem sich verfestigenden Grund, wurden die Wale nun langsam von ihrem eigenen Körpergewicht erstickt. Schon lange, bevor die Sonne kam, hatten die Möwen diese reiche Beute entdeckt und begonnen, ihre ebenso großen wie wehrlosen Opfer bei lebendigem Leib aufzuf ressen.
Im Meer Könige, unumschränkte Beherrscher ihres Elements, die tausend Meter tief tauchen konnten, um den Kraken und andere Fabelwesen der Tiefsee zu jagen, waren die Pottwale jetzt nur noch Strandgut. Einige waren in ihrem aussichtslosen Kampf auf die Seite gerollt, und ihre Augen und zuckenden Seitenflossen boten den Schnäbeln der Vögel eine besonders gute Angriffsfläche, aber alle lebten noch, man sah es am verzweifelten, sinnlosen Zuschnappen ihrer bis zu drei Meter langen Unterkiefer.
Gowers hütete sich, in den Bereich dieser letzten Waffen der sterbenden Tiere zu kommen, mied auch die riesigen Schwanzflossen und brauchte etwa eine halbe Stunde, um eine schmale Rampe aufzuschütten, über die er auf den Rücken eines etwa vierzehn Meter langen Bullen gelangen konnte. So gut es mit Fagans Messer gehen wollte, schnitt er sich rings um das empfindliche Blasloch, wo die zähe Haut etwas weicher war, in die Speckschicht des noch atmenden Tiers. Bis zu den Schultern in der Wunde versinkend, die er dem jetzt Blut blasenden Wal schlug, schaffte er es schließlich, mehrere Streifen des weißen, feinfaserigen Specks herauszulösen.
Seine glitschige Beute zu transportieren erwies sich als beinahe noch schwieriger, als sie zu gewinnen, und schließlich zog er seine Hose aus, knotete die Beine zusammen und füllte sie wie einen Sack mit blutigen Speckstreifen, die sein Auskommen auf Tage hinaus sichern würden. Völlig nackt und durchgef roren im schneidenden Wind, den Tran schwitzenden Stoff auf den Rücken geladen, setzte er dann seinen Weg fort, um Katikati Heads, eine Landzunge, die der große August Petermann fälschlich zu einem Fluss erklärt hatte, noch vor der jetzt rasch einsetzenden Flut zu erreichen.
Teil fünf
129.
Immer, wenn Gabriel Beale in seiner Mietkutsche die fast eine halbe Meile lange Platanenallee zum säulengeschmückten Herrenhaus der großen Plantage entlangfuhr, fröstelte er ein wenig. Madame Bonneterre war noch keine zwei Jahre tot, aber trotzdem atmete alles auf diesem Weg, diesem riesigen Anwesen eine seltsame Schäbigkeit, eine Art von Verfall. Es kam ihm vor wie eine glanzvolle Theaterkulisse, die er allerdings schon von hinten gesehen hatte und an die er deshalb nicht glauben konnte.
Beale verstand nicht viel von Plantagenwirtschaft, aber dass dieser Betrieb auf dem absteigenden Ast war, sah selbst er. Brachliegende Flächen, die sich das wuchernde Unkraut binnen kürzester Zeit zurückgeholt hatte, Dächer und Ställe, die anscheinend nicht mehr repariert wurden, Sklaven, die immer ausgemergelter schienen. Natürlich wusste er längst nicht alles über die finanziellen Verhältnisse seines Auftraggebers, außer dass er sich seine Rache mehr kosten ließ, als vernünftig war.
Seit anderthalb Jahren war der Detektiv mit fast nichts anderem mehr beschäftigt als der Suche nach »Moses« und ihren Helfershelfern. Desmond Bonneterre schien besessen von dieser Frau und erlitt eine Art Tobsuchtsanfall, als Gabriel Beale ihm das vage Gerücht überbrachte, sie habe den Lotsen John Gowers, den Engländer, geheiratet. Man erzählte sich viele üble Geschichten über Bonneterre, aber dass er an diesem Tag eine Sklavin totgeprügelt hatte, entsprach der Wahrheit. Beale war dabei gewesen, als er das Mädchen kommen ließ, hatte spät in der Nacht ihre verzweifelten Schreie gehört und sie am nächsten Morgen nicht wiedergesehen.
Desmond Bonneterre kannte sich aus mit Schreien. Er betrieb die Erforschung dieser menschlichen Lebensäußerung zeitweise mit fast wissenschaftlicher Akribie und einigen chirurgischen Instrumenten, die er durch Vermittlung Lemuel Willards erstanden hatte. Er unterschied etwa das spontane Aufschreien und Brüllen unter regelmäßig oder unregelmäßig fallenden Peitschenhieben vom lang gezogenen Heulen, wenn etwa ein Brandschmerz nicht endete. Besonders liebte er den Übergang zum schrillen, entsetzten Kreischen, wenn seine Opfer begriffen, dass sie nicht mehr wegzucken, dem Schmerz nicht mehr ausweichen konnten. Sie gerieten dann außer sich, waren nicht mehr Mann, Frau, Kind, sondern nur noch leidendes Fleisch und völlig in seiner Hand. Stöhnen, Schluchzen und Wimmern bildeten gemeinhin den Schlussakkord seiner Symphonien, wenn sowohl die Opfer als auch ihr Peiniger der Folter gewissermaßen nachschmeckten.
In wirtschaftlicher Hinsicht hatte sich der elegante Kreole ganz der Sklavenzucht zugewandt und hinter dem Herrenhaus ein langes, flaches Gebäude für die vielen jungen Frauen und Mädchen errichten lassen, die seine Aufkäufer in ganz Louisiana beschaffen mussten. Gelegentlich überließ er sie seinen Aufsehern und sogar verdienten schwarzen Vorarbeitern, aber meist besorgte er sein Geschäft selbst. Am liebsten hätte er, wie ein türkischer Sultan, in jeder Nacht mit einer anderen Frau geschlafen, und auch den egozentrischen Versuch, wie viele Kinder er in vierundzwanzig Stunden zeugen konnte, hatte Desmond Bonneterre nicht ausgelassen. Das körperliche Vergnügen erwies sich jedoch als der belangloseste Teil des Geschäfts, und die Aufzucht der zahlreichen bereits entstandenen Kinder verschlang sein Vermögen buchstäblich und so schnell, dass er bereits daran denken musste, sie zu lächerlichen Preisen zu verkaufen, sobald sie laufen konnten.