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All das blieb nicht ohne Einfluss auf den Ruf des Hauses Bonneterre, und in dieser Hinsicht erfüllten sich die schlimmsten Befürchtungen seiner Mutter, noch ehe ihr Grab eingefallen war. Seit General Willoughby, der gekommen war, um dem jungen Mann ins Gewissen zu reden, bei Tisch angeblich von einer nackten Hure bedient worden war, hatte man den gesellschaftlichen Verkehr mit Desmond Bonneterre vollständig eingestellt. Keine Einladungen, Geselligkeiten, Geschenke; selbst aus der Louisiana-Miliz war ihr einstiger Verhörspezialist ausgeschieden. Seit die Dame des Hauses, Desmonds unglückliche Gattin Eleanor, an Leib und Seele gebrochen zu ihren Eltern zurückgekehrt war und die Scheidung wegen Unverträglichkeit beantragt hatte, dachte man sogar über juristische Schritte nach, um auch ihre beiden kleinen Kinder aus dem furchtbaren Haus zu bef reien.

Beale wurde wieder von der gespenstisch stillen Negerin empfangen, die eine Kette aus ihren eigenen Zähnen um den Hals trug und die er zuerst für stumm gehalten hatte. Schon bei einem seiner ersten Besuche war ihm der seltsame Schmuck aufgefallen, und er hatte, ganz unbedarfter Yankee, gef ragt, was das sei und solle. Anstatt ihm zu antworten, hatte sie einfach den Mund geöffnet und ihm ihre bis auf ein paar abgebrochene Zahnstümpfe leeren Kiefer gezeigt. Immerhin konnte er bei dieser Gelegenheit feststellen, dass sie noch eine Zunge hatte.

»Jesus!«, hatte der Detektiv gesagt, als sie dann, beinahe kokett, auch noch ihr Haar zurückstrich und ihn die kleinen vernarbten Löcher sehen ließ, die sie anstelle von Ohren besaß. Die Namen Gottes und all seiner Heiligen hätten jedoch nicht ausgereicht, wenn Darioleta dem bulligen kleinen Yankee erzählt hätte, worin ihre Aufgabe im Hause Bonneterre bestand. Nachdem sie zunächst einige Male versucht hatte, sich umzubringen, war der Lebensfunke in ihr wieder entflammt, und um nicht länger Opfer ihres Herrn zu sein, hatte sie sich ganz und gar zu seinem Werkzeug gemacht.

Desmond Bonneterre hatte Darioleta beigebracht, wie man Menschen Schmerzen zufügt, und sie hatte sich als gelehrige Schülerin erwiesen, die – insbesondere wenn es darum ging, Männer zu quälen – die Grausamkeit ihres Meisters noch übertraf. Die stärksten, widerspenstigsten Feldsklaven senkten zitternd den Blick, wenn die finstere junge Frau an ihnen vorüberging. Das allerdings kam relativ selten vor, denn im Wesentlichen unterstanden Darioleta das »Zuchtgebäude« und seine Insassinnen. Sie sorgte dafür, dass die Frauen sich selbst und ihre Umgebung sauber hielten, keinen Kontakt zu den übrigen Sklaven aufnehmen konnten und dass keine Kindstötungen oder Selbstmorde vorkamen. Ohne Peitsche, Feuer, Nadeln und Bonneterres Chirurgenmesser, die sie hier nicht anwenden konnte, um die Mädchen nicht für die Benutzung durch ihren Herrn unbrauchbar zu machen, hatte sie sich Respekt verschafft, indem jede, die ungefragt mit ihr sprach oder in ihrer Gegenwart auch nur ein Wort sagte, eine Nacht mit dem Kopf in der gemeinschaftlichen Latrine verbringen musste. Entsprechend still war es um Darioleta geworden.

130.

Sein Auftraggeber empfing den Detektiv in einem grünen Morgenmantel und ließ süßen türkischen Kaffee servieren, obwohl die Abenddämmerung bereits hereingebrochen war. Während er das für einen normalen amerikanischen Gaumen nahezu ungenießbare Getränk behaglich und in kleinen Schlucken einschlürfte, ließ Desmond Bonneterre sich auf den neuesten Stand von Gabriel Beales Ermittlungen bringen, ohne sich seinen Zorn über deren weitgehende Ergebnislosigkeit anmerken zu lassen.

Noch immer keine Spur von Moses oder John Gowers oder ihrem Aufenthaltsort. Es war anzunehmen, dass der Engländer seinen Namen geändert hatte und auch nicht mehr seinem Beruf als Lotse nachging. Von den Informanten aus Lafflins Fabrik hatte sich in den vergangenen Monaten vor allem ein junger Mulatte namens Jason als nützlich erwiesen, aber es war Beale erst ein Mal gelungen, den Mann persönlich auszuhorchen. Alles andere geschah über Zuträger, Mittelsmänner, denn leider konnte sich der Detektiv aufgrund seiner früheren Auftritte in St. Louis nicht allzu oft in Person sehen lassen.

Er wusste immerhin, dass ein Mann namens Gringoire das Bindeglied zwischen Lafflin und Moses sein musste, und die nähere Beschreibung dieses Mannes ließ beide, den Ermittler und seinen Auftraggeber, vermuten, dass er bei jener lächerlichen Schlacht von Barataria eine Rolle gespielt haben musste. Jedenfalls, wenn man den übertriebenen und fantastischen Bericht von Owen Cheever über seine kurzfristige Gefangenschaft bei den Aufständischen ernst nahm. Irgendwo auf dem Illinois-Ufer des Mississippi sollte dieser Gringoire mit mehreren Negerinnen zusammenleben, aber sosehr gerade dieser Umstand Bonneterres Neugier erweckte: Das Illinois-Ufer war nahezu sechshundert Meilen lang und ließ sich kaum und unter keinem Vorwand so gründlich absuchen, dass Hoffnung bestand, Gringoires Hütte zu finden.

Sklavenbefreiungen im gewohnt dreisten Umfang waren in den beiden vergangenen Jahren nicht mehr vorgekommen, es gab also keine neuen Spuren von Moses, und die Ermittlung musste sich nach wie vor in den ausgetretenen Pfaden der alten bewegen. Als die aussichtsreichste Möglichkeit, die geheimnisvolle Frau aus ihrer Deckung zu locken, war eine Zeit lang die Lungenentzündung erschienen, die den alten John Lafflin beinahe das Leben gekostet hätte. Wäre er gestorben, hätte man hoffen dürfen, dass zumindest der Engländer an seinem Begräbnis teilgenommen hätte; aber Lafflin war ein zäher Knochen, der, Beales aktuellem Bericht zufolge, bereits wieder seinen Geschäften nachging.

»Sehr schön, Mr. Beale. Ich bin mit Ihnen zufrieden«, sagte Desmond Bonneterre und verbarg seine Enttäuschung hinter einem Schlürfen. »Glauben Sie, dass die Möglichkeit besteht, diesen Jason irgendwie hierherzubringen, um ihn unter günstigeren Bedingungen zu befragen?«

»Das wäre wohl nur auf dem Wege einer Entführung möglich«, antwortete der Detektiv, der, wie jedes Mal nach einem seiner Berichte, seine sofortige Entlassung halb erhoffte und halb befürchtete. Er dachte mit Grausen an das, was er von Bonneterres Bef ragungstechniken wusste oder auch nur ahnte.

»Lafflin, Phineas, Jason, Gringoire, Gowers, Moses«, murmelte der blasse junge Kreole und konnte seinen Hass mit jedem der genannten Namen wachsen fühlen. »Phineas war der Riese, nicht wahr?«

»Ja, Sir.«

»Ja, ja. Ja«, sagte Bonneterre geistesabwesend, weil er sich in seiner kranken Fantasie gerade fragte, ob und wie wohl ein Riese schreien würde, wenn Darioleta ihm die Hoden abschnitt. Er schnaufte heftig. »Lafflin ist der Schlüssel«, sagte er dann schnell, um das quälend schöne Gedankenbild zu verscheuchen. »Wir müssen noch intensiver über John Lafflin nachdenken!«

Tatsächlich tat er ebendas bereits, seit er vor einigen Wochen von der Krankheit und dem möglichen Tod des Pulverfabrikanten erfahren hatte. Welche Folgen hätte John Lafflins Tod? Und wie könnte man ihn herbeiführen? Der Abend war noch nicht sehr weit fortgeschritten, als er dem Detektiv einen großzügig gefüllten Geldumschlag überreichte.

»Wollen Sie nicht hier übernachten, mein Lieber? Der nächste Dampfer nach Norden geht erst morgen Mittag ab. Wir könnten das Ganze noch einmal überschlafen und hätten das Vergnügen, zusammen zu frühstücken.« Er machte dieses Angebot tatsächlich nicht ganz uneigennützig. Auch Psychopathen haben ihre geselligen Momente, und seit kein Cheever, Huggins oder Dick Willoughby mehr in seinem intellektuellen Kielwasser schwamm, fehlte Bonneterre wenn nicht die geistige Auseinandersetzung, so doch das Publikum für seine entsprechenden Ergüsse. Der Detektiv wirkte deutlich reserviert.