»Außerdem«, Bonneterre versuchte sich am generösen Lächeln eines Cäsaren, der Geschenke an verdiente Prätorianer verteilt, brachte aber nur eine Art Grimasse zustande, »wartet im Gästezimmer wieder eine Überraschung auf Sie!«
»Nun, Sir«, sagte der Detektiv mit einer abwehrenden Handbewegung, »ich …«
»Genau genommen zwei Überraschungen«, setzte Bonneterre seinen tödlichen Stich ins Zentrum von Gabriel Beales moralischer Integrität und freute sich am eigenen psychologischen Geschick. Er hatte die schwache Stelle des klugen kleinen Mannes bereits bei einem seiner früheren Besuche erkannt und für sich ausgenutzt.
Beale schwitzte. Er wurde für diesen Unfug gut bezahlt, und sosehr ihm der junge Mann auch persönlich zuwider war, schätzte er doch die Extravaganzen, mit der dieser ihn anscheinend bei Laune halten wollte. Er nahm an, dass dies unter den Gentlemen des Südens ein völlig normaler Vorgang war. Es war dann aber vor allem die Tatsache, dass der nächste Dampfer wirklich erst am nächsten Tag fuhr und die Alternative in einer nächtlichen Kutschfahrt und einem einsamen Hotelzimmer in Baton Rouge bestanden hätte, die ihn das verlockende Angebot annehmen ließ.
Desmond Bonneterre ergötzte sich etwa eine Viertelstunde lang an der Vorstellung, die der feiste kleine Yankee und die beiden von ihm persönlich ausgesuchten, sehr großen Farbigen ihm durch das Schlüsselloch boten. So hatte er schon als Junge in den Fluren des Herrenhauses gekniet, wenn sein Vater sich mit den Zimmermädchen vergnügte. Erst als seine Erektion zu hart wurde, ging er hinüber in das flache, sehr heiße Gebäude, in dem seine Zuchtstuten untergebracht waren, und wählte seine eigene Gefährtin für die Nacht. Nachdem er sich unter anfänglichen Konzentrationsschwierigkeiten geradezu verschwenderisch in sie ergossen hatte und ehe er sie wieder aus dem Bett jagte – denn er schlief jetzt immer allein, bei sorgfältig verschlossener Tür und ließ sogar die Petroleumlampe brennen, in seiner Angst, im Schlaf ermordet zu werden –, sagte er laut zu dem völlig verwirrten Mädchen: »John Lafflin ist der Schlüssel!«
131.
Emilia war keine sechs Jahre alt gewesen, als ihr Vater eine gehobene Stellung in Blackpool antrat und sie ihr kleines Haus in den Glens von Argyll verlassen mussten, aber der Abschiedsschmerz ihrer Mutter hatte sich auf sie übertragen wie eine Infektionskrankheit. Das Mädchen schlug keine Wurzeln mehr, nicht in England, nicht in Mittelamerika, nicht in Australien, und das war auch gut so. Sie trug ihre Heimat bei sich, in sich, und wer das kann, ist nie einsam, auch wenn ihn Wüsten, Ozeane und Urwälder von denen trennen, die er liebt.
Aber immer, wenn sie zum letzten Mal den Schlüssel zu einer ihrer vorübergehenden kleinen Behausungen umdrehte, hörte sie ihre Mutter wieder von den bonny, bonny banks of Loch Lomond singen. Das war alles, was sie sich an Wehmut zugestand, und mit der Zeit zu ihrem geheimen Ritual geworden, von dem nicht einmal ihr Mann etwas wusste. Emilia von Tempsky, geborene Bell, sah ihr Leben lang lieber nach vorn als zurück.
Seine Briefe klangen diesmal anders. Ohne dass sie sagen konnte, welche Worte, Wendungen es ausdrückten, spürte sie eine Müdigkeit darin, die sie an ihrem Mann nicht kannte. Es glich ein wenig der Leere nach dem Geschlechtsakt, jenem kurzen Moment satter, tödlicher Gleichgültigkeit, die in jeder Art der Befriedigung wohnt und die man am sichersten überlebt, wenn man den warmen Körper eines geliebten Menschen neben sich fühlt.
Emilia wusste, dass ihr Mann nicht treu war, nie treu gewesen war, sie betrog; nicht unbedingt mit anderen Frauen, obwohl auch das im Feld sicher vorkam, sondern mit Wüsten, Urwäldern, mit dem Krieg selbst. Ein Teil seines Herzens war nie bei ihr gewesen, sondern immer da draußen, unter dem weiten Himmel. Sie konnte es in seinen Augen sehen, seinen Worten hören, sogar in den Händen fühlen, wenn er sie streichelte: Unruhe, Ungeduld, Aufbruch. Und es war dieser für sie unerreichbare Teil, den sie vielleicht am meisten liebte, wie Menschen ja oft das am meisten wollen, was sie am wenigsten bekommen können, um immer ein Ziel zu haben, auf das sie zugehen.
Das hatte sie um die Erde getrieben, aus den Tälern von Argyll, der engen Welt eines Robert Burns, from yone shady glen with the steep steep side of Ben Lomond, immer den unerreichbaren Horizonten nach, die sie in den Augen des Mannes sah, den sie liebte. Und weil sie von gleicher Art war, ohne sie als Frau in ihrer Zeit leben zu können, fühlte sie jetzt, dass er entweder gefunden hatte, was er suchte, oder des Suchens müde geworden war. Beides beendete etwas, und seine Aufforderung an Emilia, mit den Kindern nach Auckland zu gehen, war eine Art Kapitulation vor der Wildheit der Welt.
Das Problem dabei war, dass Emilia, wie ein Soldat, der die Entscheidungen seines Hauptmanns zwar trägt, aber nicht versteht, innerlich noch nicht bereit war, zu kapitulieren. Sie fühlte sich noch zu stark, wollte immer noch ein Stück weitergehen, und das Meer ihrer Sehnsucht hörte nicht die Stimme des Herrn oder des Schicksals, die sagte: »Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter, und hier sollen sich deine stolzen Wellen brechen!«
Wäre sie bei ihm gewesen, unten in Hawera, in Camp Waihi, in den Zelten der Patea Field Force, sie hätte ihm etwas von dieser Kraft, dieser Sehnsucht zurückgegeben, die sich seit zwölf Jahren zwischen ihnen spiegelte. Obwohl er so munter schrieb wie immer, erkannte sie in den Briefen seine Erschöpfung, vielleicht deutlicher als er selbst. Und weil er offensichtlich erschöpft war, ohne es zu wissen, hatte sie zum ersten Mal Angst um ihn. In dieser Not tat sie das Einzige, was sie tun konnte, um sich zu beruhigen: Sie handelte gegen ihren eigenen Willen und packte ihre Sachen, um die kleine Hütte auf der Coromandel Range, über dem Meer und dem Whangamata River zu verlassen.
Als sie an diesem bleichen Augustmorgen noch einmal hinausblickte über die See und das alte Lied wieder hörte in ihrem Kopf, sah sie, weit unten am Strand, eine schmale Gestalt näher kommen, die schwankte wie ein Betrunkener. Zunächst erschien sie ihr seltsam vertraut, aber das Fernrohr, mit dem sie so gut umzugehen verstand wie alle Pioniersf rauen, enthüllte ihr eine Art Gespenst, und sie rief nach Gewehr und Waffen. Der Mann war kein Maori, aber er war auch kein Weißer. Sein Oberkörper war nackt und unglaublich verdreckt, seine Hose blutig, zerrissen, und er ging barfuß über den kalten grauen Sand, aus dem die Ebbe gerade das letzte Wasser heraussog.
Emilia, die in ihrem unsteten Leben in den Wildnissen der Erde notgedrungen auch viel über Verteidigung gelernt hatte, wusste, dass sie ihn nicht aus den Augen lassen durfte. Sie befahl Louis und Randall, sich mit Little Lina in der Hütte zu verbarrikadieren und auf alles zu schießen, was sich bewegte, falls sie nicht zurückkommen würde. Dann stieg sie vorsichtig, das Gewehr im Anschlag, zum Strand hinunter, um dem unheimlichen Fremden und ihrer eigenen Angst entgegenzutreten.
Er hielt jetzt genau auf sie zu, denn er hatte offenbar den schwachen Rauch über der Hütte gesehen und blieb erst stehen, als er die Herrin des Hügels selbst sah, die ihm langsam entgegenging; unruhig, wachsam, wie eine Tigerin mal nach rechts, mal nach links ausschwenkend allmählich näher kam.
»Ich will Ihre Hände sehen!«, rief sie und musste nicht hinzufügen, dass sie in dem Moment schießen und wohl auch treffen würde, in dem sie sie nicht mehr sähe. Gehorsam hob der Mann beide Hände, streckte sie weit vom Körper ab, wobei er leicht taumelte, als würde ihn bereits das Stillstehen aus dem Gleichgewicht bringen. An den Schläfen, herauswachsend aus einem kurzen, schmutzigen Bart, erkannte sie Tätowierungen, wie nur Maori sie trugen.
»Emilia von Tempsky, nehme ich an!?«, sagte das Gespenst.
»Wer sind Sie?«, fragte Emilia und nahm immerhin zum ersten Mal den Finger vom Abzugshahn.