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Von dem verdammten Amerikaner habe ich noch nichts gehört – zweimal habe ich schon nach Wellington geschrieben, dass sein Mann wieder hier und, wenn kein Mörder, dann doch ein jämmerlicher Feigling ist. Ich habe diesen Bradley oder Fagan, oder wie immer er heißen mag, fast ständig bei mir, musste ihn aber praktisch am Hosenboden nach Turuturu schleifen, als er begriffen hatte, dass dort womöglich noch ein paar Kugeln herumfliegen. Wenn der Amerikaner nicht bald zurückkommt, werde ich das verdammte Narbengesicht am Ende noch selbst erschießen!

Liebste Millie, der Morgen ist kalt, der Kaffee lausig, meine Pfeife geht aus. Ich vermisse Dich und die Kinder und wünschte, der Schlamassel hier unten wäre schon vorbei. Ich habe ein ungutes Gefühl, was die Dinge im Norden betrifft. Tawhiao könnte so etwas wie sportlichen Ehrgeiz entwickeln, wenn er von Titokos »Erfolgen« hier unten erfährt, und ein gewisser Te Kooti, Hauhau aus der Hawke Bay, soviel man hört, ist irgendwo im Osten gelandet. Nun weiß jeder Mann auf dieser verdammten Insel, wer ich bin und wo ich zu finden bin. Es würde mich deshalb sehr beruhigen, wenn Du mit Lina und den Jungen nach Auckland gehst, denn es wäre doch schade, wenn ich demnächst heimkomme und nur noch rauchende Trümmer finde, bloß weil irgendein tätowierter Schlaumeier sich unbedingt einen Namen machen wollte. Im Ernst: Auckland werden sie sicher nicht angreifen, denn sie wissen, dass dann die Engländer zurückkommen und die ganze Insel in Blut ersäuft.

PS Damit sollte der Brief eigentlich nicht enden. Ich wollte noch einen Riemen schreiben, aber erst die Pfeife neu stopfen. Da kam Mac mit seinem neusten »Plan« dazwischen, aber davon beim nächsten Mal mehr, die Post geht jetzt ab. Grüß die Jungen und Little Lina. Ich liebe Dich. Ich küsse Dich. Von.

PPS Geh nach Auckland!

133.

Der Telegrafist war ein gesuchter Mann, seit er im Sommer 1858 sozusagen Geschichte geschrieben hatte. In sieben legendären Rededuellen in sieben Städten der Vereinigten Staaten war der gefürchtete Senator Stephen A. Douglas, den Freund und Feind eine Lokomotive in Hosen nannten, gegen seinen Konkurrenten um den Senatssitz von Illinois, Mr. Abraham Lincoln, angetreten und hatte die anschließende Wahl nur denkbar knapp gewonnen. Im verschlafenen Lawrenceville/Illinois, etwa auf halber Strecke der Bahnlinie Cincinnati – St. Louis, hatte ein junger Telegrafist das Kunststück fertiggebracht, sämtliche Reden und anschließend auch noch die verschiedenen Zeitungsberichte darüber nahezu zeitgleich mitzustenografieren.

Zu Beginn des Wahlkampfs erfreuten sich nur relativ wenige Eingeweihte an seiner Kunst, aber mit jeder neuen Redeschlacht sprach sich weiter herum, dass es zwei Möglichkeiten gab, das Spektakel hautnah mitzuerleben: indem man den Kontrahenten für teures Geld hinterherreiste – von Ottawa nach Freeport, über Jonesboro nach Charleston und Galesburg, von Quincy nach Alton – oder indem man sich vor den Stufen des Postamts von Lawrenceville versammelte. Zu den fast achtzigtausend Schaulustigen, die Senator Douglas und dem langen Abe in jenem Sommer insgesamt zusahen, kamen also noch einmal vier-oder fünftausend Wähler hinzu, die zumindest ihre Worte hörten – aus dem Mund des Telegrafisten Joseph B. Williams, der auf diese Weise, manchmal nur um wenige Minuten zeitversetzt und als vielleicht Erster nach ihrem Urheber, einige der erhabensten Sätze der amerikanischen Geschichte aussprach.

»Das Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück, Ladys und Gentlemen – indem sie diese unveräußerlichen Rechte des Menschen festschrieben, bewiesen die Väter der Unabhängigkeitserklärung ein hehres, weises und edles Verständnis für die Gerechtigkeit des Schöpfers gegenüber seinen Geschöpfen. (Beifall) Gegenüber allen seinen Geschöpfen – denn sie meinten nicht nur die ganze Menschenrasse, die damals lebte, sondern sie bezogen dabei auch die entfernteste Nachwelt ein. Weise Staatsmänner, die sie waren, kannten sie die Tendenz der Welt, Tyrannei hervorzubringen, und so stellten sie jene selbstverständlichen Wahrheiten auf, damit, wenn in ferner Zukunft ein Mensch oder eine Gruppe die Doktrin schaffen sollte, es wäre außer reichen Menschen oder außer weißen Menschen niemand zum Leben, zur Freiheit und zum Streben nach Glück berechtigt, die Nachwelt wieder aufblicken könne zur Unabhängigkeitserklärung und Mut fassen möge, um den Kampf, den ihre Väter begannen, zu erneuern.«

Stärker als diese Worte wirkten auf die einfachen Zuhörer in Lawrenceville mitunter noch die ergänzenden Berichte über die Person des Redners, der gelegentlich von seinen Anhängern auf die Schultern gehoben wurde. »Die langen Arme schlang er um die Schultern seiner Träger, seine Füße baumelten knapp über dem Boden, und sein langes Gesicht war dauernd zu etwas verzerrt, was ein gewinnendes Lächeln sein sollte, sich aber schauderhaft ansah«, schrieb die gegnerische Presse. Unabhängige Augenzeugen, die gelegentlich ebenfalls zitiert wurden, bewahrten einen anderen Eindruck: Mr. Lincoln stand von seinem Sitz auf und streckte seine langen, knochigen Arme und Beine wie ein Mann, der eine schwere Arbeit beginnen will. Er stand da wie eine Pinie auf einsamer Bergeshöhe.

Der Telegrafist verdankte seine Fähigkeit, all das so wunderbar zeitnah aufzunehmen und wiederzugeben, nicht der Flinkheit seiner Hände. Das Senden und Empfangen von Botschaften durch elektrischen Strom war eine Hochtechnologie, der sich der menschliche Organismus nur begrenzt anpassen konnte. Niemand vermochte es, mehr als fünfundvierzig, vielleicht fünfzig Zeichen pro Minute zu hören und niederzuschreiben, und auch das nur für kurze Zeit. Die Zukunft gehörte deshalb dem vor vier Jahren erfundenen Drucktelegrafen, der es indes noch nicht bis zur Serienreife und damit zum allgemeinen Gebrauch geschafft hatte. Vorläufig waren es noch Menschen, die die Stromkreise öffneten und schlossen und ihre Signale interpretierten; in Amerika, der Heimat dieser neuen Art der Kommunikation, waren es meist seltsame junge Männer, die an den überall emporwachsenden Telegrafenleitungen entlang das ganze weite Land durchwanderten, immer den elektrischen Funken nach, die ihre Apparate über dem jüngsten aller Kontinente entfachten.

Abenteuerlustig, erfinderisch und unstet wie ihre Väter blieben sie selten länger als ein Jahr am gleichen Ort und zogen lachend weiter, wenn wieder einmal herausgekommen war, dass sie »Signal sechs« – das einmal pro Stunde abzugebende Zeichen, dass ein Telegrafist wach und auf seinem Posten war – nicht selbst, sondern mithilfe eines an den Telegrafen angeschlossenen Weckers gesendet hatten. So wurden die wandernden Telegrafisten die ersten wahren Erben Daniel Boones; Pioniere und Visionäre gleichzeitig, die das ihnen anvertraute Vermächtnis der Frontier in eine neue Zeit noch unvorstellbarer Geschwindigkeiten und Distanzen trugen.

Es war, wie gesagt, nicht seine Geschicklichkeit, die J. B. Williams zu seinen Leistungen befähigte, sondern sein außergewöhnliches Gedächtnis. Schneller, als er die Zeichen niederschrieb, prägte er sie seinem Erinnerungsvermögen ein und hatte offenbar ein System entwickelt, mit dem er all das gleichzeitig tun konnte: neue Nachrichten empfangen, etwas ältere behalten, noch etwas ältere aufschreiben. Für die einfachen Leute von Lawrenceville wurde er dadurch zum lebenden Beweis dafür, dass die Telegrafie eine magische Kunst war, elektrische Hexerei, und der Telegrafist ein Zauberer, den man mit offenem Mund bestaunte, ohne ihm wirklich zu vertrauen.