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Seine Vorgesetzten von der Western Union waren jedoch so beeindruckt, dass sie Erkundigungen über den jungen Mann einzogen und ihm trotz erheblicher Bedenken – wegen eines skandalösen Verhältnisses, das Williams zu einer Negerin unterhielt – einen Posten im Hauptbüro von Indianapolis anboten. Offenbar war der junge Mann Abolitionist, was man von vielen guten und weniger guten Leuten sagen konnte. Dass er auch ein Coalminer war – wie man die weißen Liebhaber schwarzer Frauen mit äußerster Verachtung nannte –, erniedrigte ihn natürlich bis zur Verkommenheit; aber wenn er seine Gedächtniskunst nur an zwei, vier, fünf andere Telegrafisten vermitteln konnte, ließ sich selbst darüber hinwegsehen. Immerhin hatte irgendein freigeistiger Pfarrer ihm seine schwarze Hure angetraut, und wenn solche Verbindungen auch im weißen Norden selbstverständlich nicht juristisch anerkannt waren, deutete das doch auf einen ausbaufähigen Rest moralischer Integrität hin. In einem ganz geheimen Winkel ihrer Herzen wärmten sich die Herren der Western Union sogar an ihrer jovialen Toleranz und waren enttäuscht, ja pikiert, als Joe Williams zurückkabelte, dass er Illinois nicht verlassen könne. Sie nahmen an, dass eine andere Gesellschaft ihm ein besseres Angebot gemacht hatte.

134.

Sie hatten schon oft darüber gestritten, Illinois zu verlassen und in eine der großen Städte des Ostens zu gehen. John war dafür, Deborah dagegen, und das hieß, da sie in Illinois lebten: Er war der Angreifer, sie die Verteidigerin. Die verblüffendste Erfahrung, die sie beim Streiten machten, war die, dass sie es am Anfang gar nicht konnten. Sie konnten es so wenig, dass sie beim ersten Mal nicht einmal wussten, dass sie es taten. Nachdem die Argumente ergebnislos hin-und hergegangen waren, nachdem sie ihre Stimmen erhoben und am Ende sogar gleichzeitig geredet hatten, saßen sie einige Sekunden lang ratlos da, verwirrt darüber, dass es nicht das gewohnte Vergnügen machte, die Worte des anderen zu hören. Es war John gewesen, der irgendwann irritiert fragte: »Was tun wir hier?«

Und Deborah hatte zögernd geantwortet: »Wir … wir streiten!« Als handele es sich dabei um eine bloße Theorie, von der sie nicht mehr wusste, als dass es sie gab. Das war so komisch gewesen, dass sie lachen mussten, bis ihnen die Tränen in die Augen traten, und sie hatten sich umarmt und geküsst, denn sie beide hatten das entscheidende Wort gesagt und auch gemeint: wir.

Keiner von ihnen hatte je in Verhältnissen gelebt, die dem Gebrauch dieses Wortes förderlich waren. Sicher, es hatte die Zwangsgemeinschaften der Schiffe und Sklavenhütten gegeben, aber nie eine Familie, in der das Wort »wir« zu einem natürlichen Teil des individuellen Selbstverständnisses heranwächst. Sie kannten den Kampf, sie kannten die Flucht und hatten bisweilen sogar die Hilfe erfahren, die die Gemeinschaft mit anderen Menschen bietet. Aber zum Streiten im Sinne einer argumentativen Auseinandersetzung unter Gleichen hatte nie eine Notwendigkeit bestanden, solange jeder jederzeit seiner eigenen Wege gehen konnte. Überrascht stellten sie fest, dass sie gerade das nicht mehr wollten.

Eine Weile konnten sie jeden Streit vermeiden oder beilegen, indem sie einfach irgendwann sagten, was Deborah bei jenem ersten Mal verdutzt festgestellt hatte: »Wir streiten!«, und sich lachend in die Arme fielen. Das funktionierte aber nur bei bestimmten, meist belanglosen Themen und hinterließ bei anderen, wichtigeren bald einen schalen Nachgeschmack. Sie mussten lernen zu streiten; also lernen, einander zuzuhören, aufeinander einzugehen, kleine Angebote zu machen, wahrzunehmen oder höflich auszuschlagen und schließlich auch ohne Groll die Dinge zu akzeptieren, die sich nicht ändern ließen – so wie ein Bach die Steine akzeptiert, die seinen Lauf behindern.

Lieben heißt: den anderen zulassen – und mit diesem Wissen schlugen sie langsam, langsam schmale Schneisen in die Wildnis ihrer Herzen, lernten, sich darin zu bewegen und hier und da auch behutsam die verfilzten Dickichte zu umgehen, in denen die gefährlichen Tiere der Nacht, die Angst, der Hass, die Enttäuschung, auf der Lauer lagen. Deren Reviere wurden nun kleiner und kleiner.

Mächtig herrschten sie lange am Ort der Seligkeit: im Bett, das Deborah anfangs nicht mit John teilen mochte. Er war sanft und geduldig, aber irgendwann so enttäuscht, dass sie ihm stockend erzählte, was ihr widerfahren war. Sie ließ nichts aus, und als sie ihm die Narben auf ihrem Rücken zeigte und die eine zwischen ihren Beinen, ewige Erinnerung an den Sheriff von Vidalia, wurde er weiß vor Wut und biss sich in die Fäuste, bis das Blut kam.

»Wie war sein Name?«, f ragte er mit vor Hass zitternder Stimme, und zum ersten Mal war sie froh, dass sie diesen Namen nicht kannte und den Mann nur vage beschreiben konnte. Sie wusste, was John getan hätte, und als sie sich in dieser Nacht zu ihm legte, war sie es, die ihn umarmte, besänftigte, bis seine Augen wieder klar und seine Hände zärtlich wurden. Eine Weile schliefen sie nebeneinander wie Kinder, die sich im Dunkeln zusammenkauern, und Deborah fürchtete bereits, ihr Körper sei ihm verleidet.

Aber irgendwann erzählte nun John, nach Worten tastend wie ein Blinder nach Halt, von seiner Fahrt auf der Prince of Tides. Von dem elfjährigen Schiffsjungen, den sich drei seiner »Kameraden« Nacht für Nacht vornahmen. Den immer zwei festhielten, während der Dritte sich an ihm befriedigte, der vor Schmerzen schließlich kaum noch laufen konnte. Einen der drei, den Schlimmsten von allen, überredete der Junge irgendwann, allein zu ihm zu kommen – und am nächsten Morgen fehlte der Prince of Tides ein Matrose. Im Suff über Bord und zum Teufel gegangen, lautete sein Epitaph im Logbuch der Schöpfung, und obwohl nur John wusste, was wirklich geschehen war, hatte es auf dieser Reise niemand mehr gewagt, sich ihm zu nähern.

Deborah weinte um den Jungen; um seine Schuld, seine Unschuld, seinen lange vergangenen Schmerz. Aber nachdem sie gelernt hatten, selbst in diesen dunkelsten Tiefen miteinander zu reden, wurden die leisen Gespräche, für die man kein Licht braucht und keines will, bald wieder süßer. Sie war auf eine rührende Weise eifersüchtig auf jede Frau, die er gehabt hatte, wollte aber von seinen reichen Erfahrungen auf diesem Gebiet dennoch nichts wissen. Lediglich einen ehelichen Vorschlag nahm sie dankbar an und legte sich von nun an meistens auf ihn, weil nur das ihr die Freiheit ließ, sich ihm hinzugeben.

Eines Abends vergaß sie sogar absichtlich, die Kerzen zu löschen, damit er ihre Lust – und sie seine – sehen konnte. Dieses Experiment gaben sie aber rasch wieder auf, weil ihre Hände und Körper einander alles verrieten, was sie wissen mussten, und Blicke nur zwischen ihnen standen. Um Schwangerschaften, glaubte Deborah, brauchte sie sich bei alldem keine Gedanken zu machen, denn eine Menstruation hatte sie nie gekannt. Als er danach fragte, sagte sie, dass die Sklaverei diesen Teil ihres Körpers zerstört hätte.

Am schönsten waren die Nächte, die sie im Freien verbrachten, unter den Sternen, die sie durch das Okular seines Fernrohrs und ihres Sextanten betrachteten; deren Namen sie in einem alten Astronomielehrbuch suchten und denen sie neue gaben, wenn sie dort keine fanden. Sie schworen wie Kinder, einander nicht zu verlassen, solange Alkor und Mizzar gemeinsam am Himmel stehen, fragten sich, was hinter den Sternen ist, und schliefen manchmal darüber ein, eng aneinandergedrängt. Und obwohl sie nie darüber sprachen, wussten irgendwann beide, warum ihre Nächte schöner waren als ihre Tage. Es gab in der Nacht keine Farben und deshalb nichts, was sie in ihrer Welt, ihrer Zeit voneinander trennen konnte.