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135.

Gowers las die ihn betreffende Passage in von Tempskys Brief zweimal, dreimal und fragte sich nur am Rande, wie er es angestellt hatte, schon wieder auf eine derart falsche Fährte zu geraten. Was ihn, fast widerwillig, stattdessen beschäftigte, war das Schicksal, das Gottesurteil, von dem Te Kooti gesprochen hatte. Gab es so etwas?

Hätte er seinen eigenen Willen durchgesetzt, wäre er längst in Otago gewesen und würde vermutlich nie erfahren haben, wo in der Welt James Fagan geblieben war. So erwies sich am Ende alles, was er als richtig erkannt zu haben glaubte, als grundverkehrt, und es waren stattdessen die Umwege, die Rückschläge, die ihn zum Ziel führten. Darin lag für John Gowers jedoch nichts Tröstliches, denn es stellte sein Selbstbewusstsein als planender und nach logischen Schlüssen handelnder Mensch auf eine harte Probe. Von seinem Selbstverständnis als Investigator gar nicht zu reden.

Vielleicht war es diese existenzielle Verunsicherung, vielleicht auch nur die lange, harte Wanderung, Schlafmangel, Hunger und schließlich das eher erschöpfende als erfrischende Bad, die Nacht auf dem harten Bretterboden der Hütte – jedenfalls konnte er sich am folgenden Tag nicht mehr bewegen. Es musste eine Art Rheumatismus sein, etwas, das er bis dahin nicht kennengelernt hatte. Verwundungen, ja. Schmerzen, ja. Aber mit steifen Knochen dazuliegen, am ganzen Körper gefesselt durch die eigenen verkrampften Muskeln, war etwas Neues.

Fatalerweise kam an diesem Morgen der Wagen, den Emilia mit der letzten Post bestellt hatte. Er kam aus Kopu, einer kleinen Siedlung an der Mündung des Thames River in den Golf von Hauraki. Dort war die Poststation für die südliche Coromandel Range, von dort gab es einen regelmäßigen Schiffsverkehr nach Auckland, den sie für die Übersiedlung ihrer Familie und den größten Teil ihrer beweglichen Habe nutzen wollte. Es gab nur zwei Möglichkeiten: den nahezu bewegungsunfähigen Besucher mitnehmen und auf den halben Hausrat verzichten oder die Kinder mit dem gesamten Gepäck vorausschicken, dem Kutscher eines der beiden Pferde abschwatzen und mit Gowers in zwei oder drei Tagen nachkommen. Nach längerem Hin und Her entschied sich Emilia für das Letztere, vor allem, weil Louis, ihr Ältester, mit seinen elf Jahren bereits sehr erwachsen war.

Nicht genug damit, dass er seine eigenen Pläne nicht verwirklichen konnte, er brachte auch noch die der anderen durcheinander! Dass Emilia von Tempsky für ihn kochte, ihn fütterte und auch die unangenehmeren Aufgaben einer Krankenpflegerin übernahm, war Gowers entsetzlich peinlich. Zeitweise paralysierte die Scham darüber nach seinem Körper auch seinen Geist, und er starrte nur noch teilnahmslos vor sich hin, während sie ihn versorgte wie ein Kind. Sie war eine Pioniersfrau, die gewohnt war, ohne großes Aufheben zu tun, was getan werden musste, und nach mehreren kräftigen Einreibungen mit Kampferöl konnte er gegen Abend immerhin wieder Schultern, Nacken und beide Arme bewegen. In der Nacht legte sie ihn ins Ehebett und schlief selbst auf dem Boden, in ihren Kleidern, da die Kinder ihr Bettzeug bereits mitgenommen hatten.

Am zweiten Morgen fühlte er sich besser, konnte sich sogar schon ohne ihre Hilfe im Bett aufsetzen und sah durch die offene Tür zur Küche, wie Emilia, ungeniert vor den fremden Blicken, ihre eigene Körperwäsche vollzog. Sie tat das überlegt und wollte ihm dadurch seinen hilflosen Zustand erträglicher machen, denn sie wusste, dass Männer in physischen Angelegenheiten viel heikler waren als Frauen. Sie hatte schon mit neun Jahren ihre kleinen Brüder gebadet, zerrissene, schmutzige Unterwäsche geflickt und gewaschen und spätestens mit Einsetzen der Menstruation ihren Körper als eine Art Maschine kennengelernt, deren Funktionen eben bisweilen der Unterstützung durch einfache, resolute Handgriffe bedurften. Er sollte nicht denken, dass an ihm etwas Besonderes war. Dennoch registrierte Emilia verwundert, dass ein sehr eigenwilliger Kitzel sie überlief, als sie sich vorstellte – denn sie sah ihn natürlich nicht an –, dass er ihr zuschaute.

Sie war eine schöne Frau; nicht so exotisch schön wie die Wahine oder die vielen Farbigen, die er gesehen hatte, nicht mehr so schlank und straff wie die jungen Mädchen in den Hurenhäusern, die er mit Vorliebe aufsuchte. Man sah ihrem Körper an, dass sie ihr halbes Leben gelebt hatte. Schwangerschaften, harte Arbeit und ganz einfach die vergehende Zeit hatten ihre Spuren hinterlassen. Ihre Schönheit hatte nichts Geheimnisvolles, sondern etwas Vertrautes und lag in der Selbstverständlichkeit ihrer Bewegungen, war wie ein Lied, das man einmal geliebt, aber lange nicht mehr gehört hat. Die Vorstellung, sie zu berühren, versetzte ihn in die freudige, aber nicht zwangsläufig lüsterne Erregung, die auch der Gedanke auslöst, von einer langen, sinnlosen Reise nach Hause zu kommen. John Gowers lächelte, und während er ihr zunächst nur verstohlen und mit schlechtem Gewissen zugeschaut hatte, wünschte er sich jetzt, sie würde sich umdrehen und sein Lächeln sehen.

Emilia hatte ihren Mann erst einmal betrogen; mit einem Schullehrer in Bendigo, der dabei Vater ihrer Tochter Lina geworden war, ohne dass von Tempsky es auch nur ahnte. Er hatte sie einmal zu oft allein gelassen, war nach Melbourne gefahren, um sich einer idiotischen Expedition in die Wüsten Australiens anzuschließen, hatte nach Abenteuern gesucht, während seine Frau sich zwischen Windeln und Wäsche, Kochen und Saubermachen in einem staubigen Alltag verlor. Sie war müde gewesen, traurig, enttäuscht – und der Lehrer ein kluger, höflicher, älterer Mann, der es geschickt verstand, diesen Umstand für sich zu nutzen; wie ein alter Wolf, der seinen Samen nicht mehr durch Kampf und Kraft, sondern durch List verbreiten muss. Nach wenigen nicht allzu auf regenden, aber auch nicht langweiligen Begegnungen hatte Emilia wieder Kraft geschöpft, und sie hatten sich höflich und klug wieder in ihr jeweiliges Leben zurückgezogen. Und erst viel später fiel ihr auf, dass der Lehrer, genau wie John Gowers in diesen Tagen, eine Schwäche und Verletzlichkeit ausgestrahlt hatte, die sie reizte und stark machte. In der dritten Nacht legte sie sich zu ihm.

Er hatte den ganzen Tag eine grobe Übersichtskarte der Nordinsel studiert, und sie sah in seinen Augen, dass sein Geist bereits unterwegs in den Süden war. Emilia hatte diesen Blick durch sie und die unmittelbare Umgebung, gewissermaßen durch die Gegenwart hindurch, oft genug an ihrem Mann gesehen und auf eine sonderbare Weise lieben gelernt. Gowers’ Aufmerksamkeit hatte sie lediglich erregt, als sie kräftiger als am Vortag wieder Leben in seine verkrampften Gliedmaßen rieb. Am Abend war er zum ersten Mal wieder aufgestanden, hatte sogar Feuerholz gehackt und wollte auf dem Boden schlafen.

Das ließ Emilia jedoch nicht zu, und als sie sich schließlich zu ihm legte, glaubte er zu wissen, warum. Aber es war ganz anders. Einige Minuten lang stand die Erinnerung an von Tempsky zwischen seiner Lust und der Frau des einzigen Mannes, den er in dieser fremden Welt seinen Freund nennen konnte. Aber dann fiel ihm jener Morgen in Wanganui ein, und Takiora, die schöne, wilde Maori, die er im Bett seines Freundes gesehen hatte, und die Lust besiegte das schlechte Gewissen.

Es war anders als mit dem Schullehrer in Bendigo; sie schlief nicht wegen ihrer Enttäuschung oder seiner Schwäche mit John Gowers. Sie hatte etwas in ihm gesehen, was sie zugleich erschreckte und entzückte, nämlich die endlose, wilde Leere, in die ihr unruhiges Fleisch, ihr rastloser Geist sie führen würden, wenn sie es nicht, wie ihr Mann, endlich aufgab. Im Grunde schlief sie mit beiden: mit von Tempsky, der des Wanderns und der neuen Horizonte müde geworden war, und mit diesem Ahasver der Rache, des Suchens, der nie aufhören würde, unbehaust durch die Welt zu irren. Und als ihr Höhepunkt sie erschütterte, dann langsam abklang, hatte sie sich entschieden. Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter! Die große Welle ihrer Sehnsucht war gebrochen.