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»Ich werde das Pferd brauchen«, sagte er, ehe er einschlief.

»Ich weiß«, antwortete Emilia.

136.

Noch immer hatten sie sich nicht alles erzählt, denn zwei Vierteljahrhunderte Leben ließen sich kaum in der kurzen Zeit zusammenfassen, die sie einander hatten. Immerhin waren sie weit gekommen und schon bei ihren Schlafgewohnheiten als Kinder angelangt. Deborah schlief meist auf der Seite und brauchte eine Wand in ihrem Rücken. Da die leider oft kalt gewesen war, spürte sie schon als junge Frau das unangenehme Ziehen einer rheumatischen Erkrankung im Nacken und die ganze Wirbelsäule hinunter. Irgendwann ließ sie zu, dass Johns kräftige Finger diese Verkrampfungen lockerten, aber stets über dem Kleid, dem Nachthemd, weil sie nicht wollte, dass er ihre Narben berührte.

Erstaunt stellte sie dabei fest, dass sie selbst unter seinen Händen die Narben völlig vergaß und dass auch die Schmerzen in ihrem Rücken einem tiefen, warmen Wohlgefühl wichen, als sei etwas in ihrem Innern allmählich weich und elastisch geworden. Manchmal drehte sie ihm sogar den Rücken zu und schlief ein, wurde er ihre Wand gegen den Wind und den Regen, gegen die Feindschaft der Welt. John legte dabei gern ein Ohr zwischen ihre Schulterblätter und horchte auf den dunklen, gleichmäßigen Schlag ihres Herzens – bis er ihr erzählte, dass er das schon als Kind getan hatte, bei einem kleinen Mädchen namens Mary-Ann, mit dem er das Bett teilen musste.

Da wollte sie es natürlich auch probieren, fühlte, genoss es, als der Friede seiner Atemzüge in ihre Seele hinabklang, und nun begannen ihre Nächte meist mit einem fröhlichen kleinen Ringkampf, bei dem jeder versuchte, hinter den Rücken des anderen zu kommen, und der meist mit der Vereinigung ihrer Körper endete. Dabei stellten sie fest, dass sich ein ganz ähnliches Gefühl immer dann ergab, wenn sie Brust an Brust lagen, einer den warmen Atem des anderen auf den Lippen spürte und ihre Hände einander umschlossen hielten. Manchmal schliefen sie in dieser seltsamen Stellung ein.

Mit äußerster Verwunderung registrierte John eines Morgens, dass Deborah, während sie noch im Bett lagen, eine rohe Zwiebel aß, obwohl ihr beim Abbeißen die Tränen bis in die Mundwinkel liefen. Sie konnte selbst nicht sagen, warum sie das tat, außer dass ihr eben danach gewesen sei. Mit großer Anstrengung verbarg sie vor ihm, dass ihr jetzt auch fast ständig übel war, denn er hätte versucht, sie zu einem Arzt oder einen Arzt zu ihr zu bringen, und nicht um den Preis ihres Lebens hätte Deborah zugelassen, dass ein fremder weißer Mann ihren Körper berührte, untersuchte oder auch nur ansah. Sie selbst hatte irgendwann eine Vermutung, gewachsen aus der Erinnerung an die schwangeren Frauen, die sie in den Sklavenhütten ihrer Jugend gesehen hatte. Aber das war ja nicht möglich, und zum ersten Mal seit langer Zeit beschloss sie, nicht mit ihm über das zu reden, was sie beschäftigte. Vielleicht ging es ja von allein wieder weg.

John spürte, dass sie sich ein wenig von ihm zurückzog, und glaubte, dass es an ihrer Tatenlosigkeit liegen müsse, dass sie wieder hinauswollte in den Kampf, in dem sie mit der Hälfte der Vereinigten Staaten lag. Ohne es sich selbst einzugestehen, hatte er sich von Anfang an vor genau diesem Moment gefürchtet, denn er wusste, dass es noch immer etwas in ihrem Leben gab, von dem er nicht Teil war, und dass er sie nicht aufhalten konnte, wollte oder durfte, wenn dieses Etwas sein Recht forderte. Er würde mit ihr gehen, überallhin, obwohl er nicht wollte, dass sie ging. Aber als sie nicht ging, keine Anstalten machte, nahm er an, dies geschähe aus Rücksicht auf ihn oder weil sie nicht glaubte, dass er völlig auf ihrer Seite war. Das kränkte ihn, und nun war John es, der sich zurückzog.

Deborah bemerkte es, verstand es aber nicht, war auch zu sehr mit dem Leben beschäftigt, das in ihr wuchs. Sie fragte ihn irgendwann vorsichtig nach seiner Meinung darüber, ob eine Familie, die Bindung an andere, einen Menschen stärker oder schwächer mache, sicherer oder verwundbarer, und er glaubte, es ginge bei dieser Frage um das, was er sich zusammengereimt hatte. Also sagte er, dass er auf Leben und Tod ihr Mann sei; eine große Liebeserklärung, die sie zwar freute, mit der sie aber im Moment wenig anfangen konnte, denn sie beantwortete nicht ihre Frage.

Das verwirrte ihn womöglich noch mehr, und er versuchte es auf eine eher intellektuelle Weise; sprach von der Geschichte der Sklaverei und allem, was er bei Gibbon, McCauly und Carlyle darüber gelesen hatte: die alljährliche Kriegserklärung der Spartaner an ihre Sklaven, die Heloten; die Schuldsklaverei in Athen nach Einführung der Geldwirtschaft und vor den solonischen Reformen; die bestialischen Ungerechtigkeiten der Römer, die nach Belieben Menschen zu Sklaven machten, wenn sie welche brauchten; über Hörigkeit, Leibeigenschaft, Lohnsklaverei und die Arbeit in den Minen, die von allem Anfang an Sklavenarbeit gewesen sei; Spartakus, die sizilischen Sklavenkriege, Sklavenkönigreiche – Deborah hatte keine Ahnung, warum er sagte, was er sagte, aber weil er klug war und vieles wusste, was sie nicht wusste, schwieg sie und lernte und blieb doch allein mit ihrer Frage.

Sie hatten keine Freunde in einer Welt, die in Schwarz und Weiß dachte, fühlte, handelte. Deborah hatte nur John, John nur Deborah, und wenn sie aneinander vorbeiredeten, -dachten, korrigierte sie niemand. Deshalb ging John davon aus, dass er mit all seinen Vermutungen recht gehabt hatte, als Deborah vorschlug, den alten Gringoire und seine Familie zu besuchen. In Wirklichkeit suchte sie den Rat der großen, weißhaarigen Syrah, Gringoires Frau, die sehr viel Erfahrung darin hatte, Kinder zu bekommen – aber auch darin, sie nicht zu bekommen.

John mietete ein Pferdegespann und einen Wagen für die hundertfünfzig Meilen lange Fahrt durch Illinois, obwohl er mit dieser Art der Fortbewegung nur sehr begrenzte Erfahrung hatte. Er ging davon aus, dass sie – freier Staat hin oder her – keine Unterkunft für die mindestens zwei, vielleicht drei Nächte bekommen würden, die vor ihnen lagen. Dass er auch einen Revolver kaufte, sagte er Deborah nicht.

Rasch stellte sich heraus, dass John Gowers, ein guter Lotse, Navigator und Seemann, überhaupt kein Talent für den Umgang mit Pferden hatte, und nachdem er die Kutsche zum dritten Mal in den glücklicherweise trockenen Straßengraben gelenkt und nur mit Mühe wieder f reibekommen hatte, übernahm Deborah die Zügel. Sie lachte noch lange über die ihr unbekannten, sehr bildhaften Matrosenflüche, mit denen er die Pferde aber auch zu nichts anderem als einem verständnislosen Schnauben gebracht hatte.

»Lachst du über mich?«, fragte er, noch immer in unfreundliche Gedanken über die Fauna im Allgemeinen und Huftiere im Besonderen versunken.

»Nein«, log sie tapfer, brach aber fast gleichzeitig in ein so ansteckendes Gelächter aus, dass er irgendwann mitlachen musste. In dieser Nacht schliefen sie zum einzigen Mal in ihrem Leben unter freiem Himmel miteinander, denn es war warm, und John, der aufgrund seiner Nachtsichtigkeit den nackten Leib seiner Frau über sich im feinen, unwirklichen Licht der Sterne schimmern sah, glaubte für eine Sekunde, ein Gott zu sein. Er dachte an die endlos klaren Nächte des Nordens, die Aurora Borealis, an Nut, die Göttin des Sternenhimmels, die an jedem Abend die Sonne empfing und sie an jedem Morgen neu zur Welt brachte. Waren Deborahs Brüste gewachsen, oder kam ihm das nur so vor?

Am nächsten Morgen konnte sie ihre Übelkeit nicht vor ihm verbergen und trotz ihrer schwachen Gegenwehr nicht verhindern, dass er ihren Kopf hielt, während sie sich übergab. Es war peinlich, aber auf eine sonderbare Weise auch schön, seine Hand auf ihrer Stirn zu fühlen. Er glaubte, dass es an der ungewohnten Schaukelei der Kutschfahrt liegen würde.