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Sie waren noch keine zwei Stunden da, als Gringoire Gowers wortlos eine schwere Feldhacke in die Hand drückte, während er selbst eine Axt schulterte. Bis zum Einbruch der Dämmerung rodeten sie dann die großen Baumwurzeln aus, die die Feldarbeit hinter der kleinen Hütte schon lange behindert hatten. Wenn sie dabei gelegentlich mehr sagten als: »Seil fest, anziehen, der Ast ist durch, sie kommt, sie ist frei«, hatte zumindest der alte Pirat das Gefühl, eine tiefschürfende und erschöpfende Unterhaltung zu führen.

Deborah aber ging mit Syrah zum Ufer des Mississippi und sprach lange über ihren Zustand und ihre Gedanken darüber. Dass sie das Gefühl hatte, nicht mehr Herrin über ihren Körper zu sein, nicht mehr tun zu können, was immer sie wollte, nur noch eine Sklavin der blinden Natur zu sein.

»Das ist es nicht«, sagte die weise alte Frau und schüttelte den Kopf. »Du stellst diese Fragen, und weil du sie stellst, stellen kannst, bist du nicht Sklavin, sondern Herrin deiner selbst. Was dich kränkt, ist dies: Du bist eine Kämpferin gewesen, all deine Tage.«

Sie lächelte milde und zeigte zurück zum Haus, wo die Männer sich mit einem wahren Riesen von Wurzel abplackten. »Wie sie. Du kannst es an ihren Augen sehen. Die Kämpfer schlagen die Urwälder weg und töten die Ungeheuer darin. Sie können die wilden Tiere vertreiben und vielleicht auch noch Zäune bauen, aber sie können nichts zum Wachsen bringen. Ich …« Sie schaute auf ihre eigenen Hände, drehte sie in der Abendsonne, bis auch Deborah sie ansah. »Ich bin ein Pflanzer. Ich bringe Dinge zum Wachsen. Nicht alle Dinge, o nein. Ich bin nicht gütig. Ich entscheide, was wächst und was nicht. Das ist meine Aufgabe.«

Die alte Frau nahm jetzt Deborahs Hände in ihre. »Es gibt eine Zeit, in der man kämpft, und eine Zeit, in der man pflanzt. Und wenn du wissen willst, in welcher von beiden du lebst, dann frag dich, wofür du gekämpft hast und kämpfen willst.«

»Für die Freiheit«, sagte Deborah leise. »Meine, deine und die von Tausenden Sklaven, die noch dort unten sind!« Sie schüttelte Syrahs Hände ab und zeigte den Fluss hinunter, auf dem schon keine Sonne mehr lag und der dunkel und schweigend nach Süden floss.

»Und das, was in deinem Bauch wächst, darf nicht frei sein?« Die Alte erhob sich und ließ Deborah mit dieser Frage allein. Als sie zum Haus zurückkam, wo Gowers eben die Hacke weggestellt hatte und seine müden Knochen streckte, sagte sie: »Geh zu ihr, Engländer. Sie braucht dich.«

Auch Gringoire schaute bei diesen Worten auf. »Hat er ihr wehgetan?« , fragte er und sah dabei aus, als sei er bereit, dem jungen Mann nachzulaufen und ihm die Axt über den Schädel zu schlagen.

»Nicht mehr als du mir«, antwortete seine Frau.

137.

Als John Gowers am 26. August 1868 zu seiner dritten Durchquerung der neuseeländischen Nordinsel aufbrach, hatte der Krieg im Süden einen toten Punkt erreicht. Nahezu alles ging nahezu allen jämmerlich schief.

Titokowaru wusste, dass sein Dorf Te Ngutu o te Manu beziehungsweise die Tatsache, dass McDonnell seine Position genau kannte, der große Köder war, den er auswerfen musste. Turuturu Mokai, etliche kleine Überfälle auf befestigte Farmhäuser und die Nachschublinien der Patea Field Force sollten die Truppe endlich auf den Pungarehu-Pfad locken, die allen bekannte Verbindung zwischen Te Ngutu und der oberen Furt des Waingongoro River. Immer wieder ließ er seine Leute in Sichtweite von Camp Waihi provozierende Kriegstänze aufführen, bei denen der junge Ngana, der an der Ermordung der drei Holzfäller beteiligt gewesen war, schließlich erschossen wurde, als er sich zu weit vorwagte.

Aber nicht einmal dieser Erfolg ihrer Scharfschützen lockte die Pakeha in den riesigen Wald von Ahipaia, denn sie fürchteten Titokowarus Hinterhalte und hatten auch allen Grund dazu. Eine Meile vor Te Ngutu hatte der Häuptling eine Falle anlegen lassen, die so gut getarnt war, dass sogar die Leute, die wussten, dass es sie gab, Schwierigkeiten hatten, sie zu finden. Die Palisade dieser Te Maru o te Whenua genannten genialen Verteidigungsanlage sah dagegen jeder Idiot: Sie verlief quer über den Pungarehu-Pfad und riegelte ihn quasi ab. Aber wehe dem Feind, der versuchen würde, diese Palisade zu nehmen! Versteckte, nahezu unsichtbare Schützenlöcher flankierten beide Seiten der einzig möglichen Angriffslinie, und fünfzehn, zwanzig geübte Schützen konnten hier eine ganze Kompanie aufreiben. Zwei Meilen hinter seinem Dorf hatte Titokowaru hingegen sein eigentliches Material-und Versorgungslager aufgeschlagen. Hier, in Ruaruru, dem Eulennest, hüteten Frauen und Kinder die Nahrungsmittel, die Munition und den bescheidenen Viehbestand der Rebellen. Der Häuptling glaubte, dass dieser geheime Stützpunkt dem Feind völlig unbekannt sei.

Thomas »Fighting Mac« McDonnell hatte hingegen zwar keine Ahnung von der tödlichen Falle bei Te Maru, aber über das Eulennest war er durch Takiora informiert, die ihre Ohren überall hatte. Sie kannte allerdings weder seine genaue Lage noch die gut verborgenen Pfade, die hinführten, und glaubte zudem, dass es nur eine Meile von Te Ngutu entfernt sei. Eine oder zwei Meilen aber trennten in der Wildnis des Buschwalds, mit seinen dicht stehenden Bäumen, den Ästen, die einander umklammerten wie verschränkte Finger, und seinem Dickicht von Farn und Schlingpflanzen, Welten.

McDonnell wusste, dass sein Angriff erwartet wurde, und ein Kommandeur, der das weiß, hat nur zwei Möglichkeiten: Er kann an einem unerwarteten Punkt oder an einem unerwarteten Tag angreifen. »Fighting Mac« entschied sich am 10. August für das Erstere. Mit dreihundert Männern überquerte er am Nachmittag die Furt des Waingongoro, teilte seine Streitmacht aber bei hereinbrechender Dunkelheit. Die eine Hälfte unter Captain Page wich südwärts vom Pungarehu-Pfad ab, machte dabei gerade so viel Lärm, wie die Maori es von weißen Soldaten erwarten konnten, und zündete hier und da die kleinen Mais-und Weizenfelder an, die sich auf den Lichtungen fanden, um möglichst viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die andere Hälfte – von Tempsky und seine Ranger – marschierte unter strengstem Stillschweigen nach Norden, auf Pfaden, die selbst Takiora oft erst nach längerem Suchen fand. Auf diese Weise erreichten sie erst bei Einbruch der Dunkelheit das winzige, schon seit geraumer Zeit aufgegebene Eingeborenendorf Utawaka und beabsichtigten, am folgenden Tag Te Ngutu o te Manu zu umgehen und stattdessen das Eulennest anzugreifen.

Aber der nächste Morgen brachte sintflutartige Regenfälle, auf die die Kampftruppe nicht vorbereitet war. Ein Offizier namens Brown rutschte aus, brach sich den Knöchel und musste, weil er ein schwerer Mann war, von vier Soldaten getragen werden. Eine ganze Abteilung unter Harry Hastings ging im strömenden Regen in die Irre und musste mühsam wieder aufgetrieben werden, und Hunderte schlammiger kleiner Bäche, die jetzt von den Hängen herabstürzten, veränderten die Landschaft so sehr, dass weder Takiora noch von Tempsky mehr einen gangbaren Weg finden konnte.

An einen Angriff war nicht mehr zu denken, und fluchend befahl »Fighting Mac« am Nachmittag den Rückzug. Der Großteil seines Zorns traf Takiora, die behauptet hatte, die nötigen Pfade zu kennen oder zu finden, und McDonnell verstieg sich zu der Behauptung, dass ihm das mit Katene als Scout nicht passiert wäre; woraufhin es beinahe eine ernste Auseinandersetzung mit von Tempsky gegeben hätte, der seine Geliebte gegen derlei ungerechtfertigte Angriffe natürlich in Schutz nahm.

Im Busch war ihm der bei den Männern so populäre Deutsche natürlich überlegen, aber kaum in Camp Waihi angekommen, erteilte McDonnell Takiora den demütigenden Befehl, sich ins Lazarett und in ärztliche Behandlung zu begeben, da sie den Strapazen des Urwaldkriegs als Frau nicht gewachsen sei. Von Tempsky schluckte das nur, weil sein Freund Tom ihm gleichzeitig den Befehl gab, in aller Stille einen neuen, diesmal direkten Angriff auf Te Ngutu vorzubereiten, den er auch anführen sollte. Sie entschieden sich, nach einer mit Whisky und Zigarren ausführlich begangenen Versöhnung, jetzt für die andere Option: Sie würden an einem Tag mit so schlechtem Wetter angreifen, dass kein normaler Mensch mit einem Angriff rechnen konnte.