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Aber neun Tage lang blieb das Wetter fast vorfrühlingshaft schön. Erst am Abend des 20. August zogen sich dichte Regenwolken zusammen, und am nächsten Morgen konnte man unter Wassergüssen, die nicht mehr aus einzelnen Tropfen, sondern aus langen grauen Fäden zu bestehen schienen, kaum noch die Hand vor Augen sehen. Die Männer, diesmal nur ihre besten, waren jedoch darauf vorbereitet und überquerten ab halb sechs Uhr morgens und in bester Stimmung, an Stricken gesichert, die Stromschnellen, die sich während der Nacht an der Waingongoro-Furt gebildet hatten. Sie verständigten sich nur per Handzeichen, und das einzig Trockene an ihnen waren ihre Waffen, die sie in wasserdichten Kautschuk-Decken transportierten.

Gegen zehn standen sie verwundert vor einer Palisade, die quer über den Pungarehu-Pfad verlief, und fragten sich, was das sein sollte. Von Tempsky, der die Anlage als einen genialen Hinterhalt erkannte, entdeckte schließlich die verborgenen Schützenlöcher und stellte anhand der zum Teil noch warmen Asche der kleinen Lagerfeuer fest, dass sie bis zum Abend zuvor noch besetzt gewesen sein mussten. Hätten die Schützen noch zwölf Stunden länger gewartet, wäre die angreifende Truppe zweifellos verloren gewesen.

Tatsächlich hatten Titokowarus Männer, die unter Katenes Befehl neun Tage lang ununterbrochen auf der Lauer gelegen hatten, erst am vergangenen Abend im bereits fallenden Regen den Befehl erhalten, sich nach Te Ngutu zurückzuziehen, und waren am frühen Morgen zu einem Jagdzug in den Norden aufgebrochen, um ihre nahezu aufgezehrten Vorräte wieder zu ergänzen. Die Kinder blieben unter der Aufsicht der alten Frauen ohnehin im trockenen Eulennest, die jungen Frauen waren trotz des Regens, der sich im Verlauf des Vormittags in dichte Nebelschleier zu verwandeln begann, ausgeschickt worden, um auf den verborgenen Lichtungen die kleinen Felder zu bestellen.

In Te Ngutu o te Manu befanden sich zu diesem Zeitpunkt nur noch zwanzig vorwiegend ältere Männer, die sich mit Schwatzen, Singen und der Herstellung von Patronen die Zeit vertrieben. Titokowaru selbst hatte sich in seine Hütte zurückgezogen und setzte seinem Feuer eben einige Kräuter und Wurzeln zu, die er auf seiner Traumwanderung durch die Höhlen der Mairoa Range gesammelt hatte und deren Rauch ihm ermöglichen würde, mit seinen Ahnen zu sprechen.

Eine Wandlung hatte sich mit dem Häuptling vollzogen, seit er den Kampf aufgenommen hatte; seine Träume quälten ihn nicht länger, und er dachte auch nicht mehr an Puarauranga. Ein tiefer Friede durchzog seine Brust, als er auf das langsame Singen und den fallenden Regen lauschte, wie er es schon als Kind gern getan hatte. Aber ehe er die ersten Schwaden des Rauchs einatmen konnte, erklang ein gellender Kriegsschrei auf der Lichtung vor dem Dorf.

Ein ans Ende der Welt verschlagener Bushwacker aus Louisiana, der schon mit Quantrill gekämpft hatte und jetzt bei den Wellington Volunteers diente, machte den neuseeländischen Urwald mit dem rebel yell, dem Kriegsruf der Konföderierten, bekannt, der noch vier Jahre zuvor ganzen Yankee-Regimentern Schauer über die Rücken getrieben hatte. Gleichzeitig ließ McDonnell zum Angriff blasen, und die überrumpelten Maori hatten kaum zu den Waffen gegriffen, als von Tempsky, mit gezogenem Säbel an der Spitze seiner Männer, die Lichtung schon halb überquert hatte. Eine einzige Salve konnten die Verteidiger noch abgeben, die immerhin fünf der heranstürmenden Männer tötete, aber dann war der Feind im Dorf und an Gegenwehr nicht mehr zu denken. Kontinuierlich feuernd zogen sich die Maori in die Deckung der Wälder zurück und gaben Te Ngutu o te Manu dem Zorn der Patea Field Force preis.

Aufgrund der Voraussicht ihres Häuptlings war dort aber nicht viel zu holen und der Sieg nur eine Art symbolischer Akt. Die Waffen, die die Pakeha erbeuteten, waren offensichtlich alt, und als McDonnell persönlich in die Hütte Katenes eindrang, fand er dort nur dessen Reserve-Tupara, was zweierlei nahelegte: Erstens, der Maorirenegat hatte den funkelnagelneuen Karabiner, den »Fighting Mac« ihm persönlich geschenkt hatte, offensichtlich noch bei sich und war zweitens vermutlich gar nicht im Dorf gewesen. Das aber hieß, dass er mit den eigentlichen Truppen der Rebellen sehr bald irgendwo auftauchen würde und man über den Rückzug nachdenken musste, da die Weißen, ohne jeden Proviant, Te Ngutu nicht gegen eine entschlossene Belagerung würden halten können.

McDonnell gab den Befehl, das Dorf niederzubrennen, und seine Nachhut, die dieses schmutzige Geschäft besorgte, verließ es in dem Moment, als Katene und sein Jagdtrupp eintrafen. Der Rückzug wurde deshalb beinahe zu einer Katastrophe. Unablässig setzten die Maorischarfschützen den Pakeha zu, und insbesondere der Übergang über den Waingongoro, der inzwischen zu einem tobenden Chaos angeschwollen war, erwies sich als außerordentlich schwierig.

Insgesamt verlor Titokowaru bei diesem unerwarteten Überfall acht seiner Krieger, aber auch neun der Pakeha waren gefallen, und ihr »Sieg« – die Verbrennung eines leeren Dorfes – kaum so überwältigend, wie McDonnell noch am gleichen Abend nach Wellington meldete. Als in den nächsten Tagen Einzelheiten über die eigenartige Operation bekannt wurden, fielen die Zeitungen über den glücklosen Kommandeur der Patea Field Force her, und einzelne Stimmen verlangten bereits seine Ablösung.

Von Tempsky, davon in Kenntnis gesetzt, konnte sich eine Weile wieder Hoffnungen auf den Oberbefehl machen und wunderte sich nur, dass diese Aussicht ihn kaum noch befriedigte. Er fühlte sich müde, zu müde sogar, um an Emilia zu schreiben. Einmal mehr hatte er sich wacker geschlagen, und einmal mehr hatte es überhaupt nichts bewirkt, im Gegenteil. Er wusste, dass »Fighting Mac« jetzt mit Sicherheit einen letzten verzweifelten und daher unüberlegten Versuch machen würde, den Aufstand niederzuschlagen.

Die Einzige, die sich über die Entwicklung der Dinge freute, war Takiora, denn solange der Krieg weitergehen würde, wäre Manu-Rau an ihrer Seite. Er hatte ihr aus Te Ngutu die einzige nennenswerte Beute mitgebracht, die er finden konnte: einen zahmen Papagei, der »Whakarongo!« sagen konnte: »Hört mir zu!« Aber eben nicht mehr.

138.

Der Amerikanische Bürgerkrieg hatte in seiner wörtlichen Bedeutung, als nicht mehr nur bewaffnete, sondern kriegerische Auseinandersetzung zwischen Bürgern desselben Staates, bereits 1855 im Territorium Kansas begonnen. Es gab politische Vorgaben, militärische Strategien, organisierte Truppenverbände, Aufmarschpläne, Rückzugs-und Nachschublinien und all das übrige Groß und Klein eines richtigen Krieges, mit einer Ausnahme: Die Kontrahenten trugen keine Uniformen und kämpften alle unter derselben, der amerikanischen Flagge. Sie kämpften paradoxerweise sogar alle im Namen der Freiheit. Dass beide Seiten auch in göttlichem Auftrag unterwegs waren, verstand sich, wie in allen Kriegen, von selbst.

Im Kansas-Nebraska Act von 1854 hatte der US-Kongress beschlossen, dass die Wähler in Kansas selbst entscheiden sollten, ob die Sklaverei in ihrem Territorium eingeführt würde oder nicht. Es galt also sowohl für die Sklavereigegner als auch ihre Befürworter, möglichste viele »Wähler« nach Kansas zu schaffen. Die New England Emigrant Aid Company, von Abolitionisten gegründet, ging dabei insofern noch rechtmäßig vor, als sie tatsächliche Siedler ihrer Denkrichtung, die sogenannten freesoiler, ins Territorium brachte, während die Sklavenhalter im benachbarten Missouri lediglich bezahlte Habenichtse über die Grenze schickten, die ihre Stimme abgaben und dann wieder nach Missouri zurückkehrten. Diese »hageren, unrasierten und ungewaschenen, trinkfesten Kerle aus Missouri« wurden als border ruffians, Grenzschläger, bekannt, weil sie sich auf ausdrückliche Aufforderung ihrer politischen Führer mit gezückten Messern und Revolvern Zugang zu den Wahlbezirken von Kansas verschafften.