Ein auf diese abenteuerliche Weise gewähltes, sklavereifreundliches Territorialparlament war natürlich eine Farce, wurde aber aufgrund massiver politischer Einflussnahme der Sklavenhalterstaaten von der Bundesregierung anerkannt, während eine von den tatsächlichen Kansas-Siedlern und ihrer sklavereifeindlichen Mehrheit berufene verfassungsgebende Versammlung in Topeka als illegal angesehen wurde. Daraufhin bewaffneten sich beide Seiten, die politischen Töne wurden schriller und gingen bis zum Aufruf zur Lynchjustiz. Die Spaltung vollzog sich bis in den Senat der Vereinigten Staaten, und während ein Südstaatenmitglied des Hohen Hauses einen abolitionistischen Senatorenkollegen im Senatssaal blutig schlug, kam es in Kansas zur Bildung von Guerilla-Einheiten und ersten Raids, also Kommandooperationen gegen vermeintliche oder tatsächliche Gegner in der Zivilbevölkerung. Farmen und Felder wurden niedergebrannt, geplündert, ihre Besitzer erschossen, gehängt oder auf noch mittelalterlichere Weise zu Tode gebracht.
Diese bis an die Zähne bewaffneten Banden, die sich stets nur zu ihren feigen nächtlichen Überfällen zusammentaten und dann wieder zerstreuten, die abolitionistischen Jayhawker und die noch im Bürgerkrieg berüchtigten Bushwacker auf Sklavenhalterseite, waren ein Sammelbecken von Fanatikern, Psychopathen, Killern, Wirrköpfen und Schlägern, die ihr Vergnügen darin fanden, ihre Nachbarn zu terrorisieren. Der Schlimmste unter ihnen war der sechsundfünfzigjährige Abolitionist John Brown, Vater von zwanzig Kindern, Träger eines alttestamentarischen Barts und ein in jedem Geschäft, ja sogar als Farmer gescheiterter Mann.
Im Mai 1856 schätzte Brown, dass seit Beginn der Kämpfe in Kansas mindestens fünf seiner Gesinnungsgenossen ums Leben gekommen waren, und fühlte sich von Gott berufen, die Morde an diesen free soilers zu rächen. In seiner unmittelbaren Nachbarschaft am Pottawatomie Creek entführte er also mit seiner nicht minder verrückten Truppe fünf sklavereifreundliche Farmer aus ihren Häusern und Betten, schnitt einigen von ihnen aus unerfindlichen Gründen zunächst die Finger ab und spaltete ihnen dann nacheinander die Köpfe mit einem schweren Kavalleriesäbel. Die chaotische Situation am Ende der 1850er-Jahre lässt sich vielleicht dadurch am treffendsten kennzeichnen, dass dieses widerliche Massaker in den Zeitungen aufgrund weiterer Kämpfe und Überfälle schon bald verblasste und auch nie juristisch geahndet wurde.
Über zweihundert Menschen starben durch derartige Fememorde, und natürlich wurden bei derlei Gelegenheiten auch viele alte Rechnungen beglichen, Raub-und Rachegelüste befriedigt. Die neuere Forschung hat festgestellt, dass die Bushwacker aus Missouri dabei keineswegs nur primitive, gekaufte Gesellen waren, sondern zumeist »Söhne von wohlhabenden Pflanzern südstaatlicher Herkunft, die mit dreimal so großer Wahrscheinlichkeit Sklaven besaßen und doppelt so reich waren wie der durchschnittliche Mann aus Missouri«.
Obwohl auch in St. Louis zehn Todesopfer zu beklagen waren, war die Stadt, in der und deren Umgebung überdurchschnittlich viele Sklavereigegner lebten, bislang von den Raids der Terroristen beider Seiten weitgehend verschont geblieben, vermutlich, weil eine so große Stadt, in der zudem ein militärisches Arsenal der Bundestruppen lag, für nächtliche Überfälle ungeeignet war. John Lafflin fühlte sich als angesehener Bürger dieser Stadt deshalb vollkommen sicher, obwohl seine Haltung in der Sklavenfrage – wenn auch nicht sein heimliches Engagement in der Befreiungsbewegung – allgemein bekannt war. Nachbarn und sogar Gegner betrachteten auch seine sozialistischen Neigungen eher als persönliche Verschrobenheit und fanden es durchaus nicht ungewöhnlich, dass der Pulverfabrikant an einem kalten, trüben Novembermorgen 1859 zu Fuß aufbrach, um einem seiner ehemaligen Arbeiter eine Kiepe mit Nahrungsmitteln zu seiner acht Meilen außerhalb liegenden Farm zu bringen.
Es störte Lafflin nicht im Geringsten, dass Thomas Gerstendorff, ein Deutschamerikaner aus Trier, jünger war als er selbst. Auch dass Gerstendorff aus derselben Stadt stammte wie sein Freund Marx und er sich mit ihm über die Thesen des Sozialismus unterhalten konnte – ohne den Deutschen jedoch überzeugen zu können –, war für Lafflin bei seinem Samariterdienst nicht ausschlaggebend. Entscheidend war allein, dass sein ehemaliger Vorarbeiter, an Tuberkulose erkrankt, seit mehreren Monaten daniederlag und Lafflin eben nicht nur theoretisch der Überzeugung war, dass der Stärkere für den Schwächeren einstehen muss. Außerdem hörte er die deutschen Volkslieder gern, die Gerstendorffs Frau, die nie richtig Englisch gelernt hatte, bei all den kleinen Nähtätigkeiten sang, mit denen sie sich und ihren Mann über Wasser hielt.
Tatsächlich trieben ihm einige dieser friedlichen, gemütvollen Melodien Tränen in die Augen, obwohl er den Text nicht verstand. Sie erinnerten ihn an die einfachen französischen Volksweisen, die seine Mutter gesungen hatte. Vielleicht, dachte er manchmal – und verbot sich meist sofort, derart naiv zu denken –, ließen sich irgendwann Kriege und Ausbeutung unter den Völkern allein dadurch verhindern, dass die Menschen einander die Lieder vorsangen, die sie aus ihrer Kindheit noch in Erinnerung hatten.
Lafflin aß mit den beiden alten Leuten zu Mittag und hackte danach noch ein wenig Holz, wobei er zum ersten Mal merkte, dass seine eigene Krankheit, eine aus einer hartnäckigen Sommererkältung hervorgegangene Lungenentzündung, noch nicht allzu lange zurücklag. Oder war es das Alter? Ihm wurde ein wenig schwindlig, und der Schweiß auf seinem Rücken fühlte sich kalt und ungesund an. Er fröstelte, als er seine Jacke wieder anzog, und dachte mit Unlust an den acht Meilen langen Rückweg, denn ein unangenehmer kalter Nieselregen hatte eingesetzt, den kein Hut und kein hochgeschlagener Kragen aufhalten konnte.
Lediglich das »Ade nun zur guten Nacht, jetzt wird der Schluss gemacht, dass ich muss scheiden«, mit dem Mrs. Gerstendorff ihn wie immer verabschiedete, wärmte ihn noch ein wenig. Dann war er allein auf den schlammigen Wegen. Der Novemberwind blies machtvoll durch die Gerippe der kahlen Bäume, und schon der frühe Nachmittag war in ein düsteres, kaltes Zwielicht getaucht. Lafflin konnte die Pferde hören, ehe er sie sah.
Zuerst dachte er an einen Wagen, hoffte sogar auf eine Mitfahrgelegenheit nach St. Louis, aber er hörte nicht das übliche Knarren von Rädern und Achsen. Drei, fünf, sieben Reiter tauchten jetzt hinter einer Baumreihe auf. Sie trugen lange, durchnässte Staubmäntel über dicken Winterjacken und hatten die Hüte tief ins Gesicht gezogen. Gegen den Regen, dachte der einsame Wanderer noch und fragte sich nur, was sieben Reiter um diese Zeit in dieser Gegend zu suchen hatten. Dann sah er, dass sie weiße Kapuzen mit ausgeschnittenen Augenlöchern unter ihren Hüten trugen, und wusste, wer sie waren und was sie wollten.
»Guten Tag, Gentlemen«, sagte John Lafflin alias Jean Laffitte, Pirat, Sozialist, Menschenfreund, mit fester Stimme, als die Bushwacker ihn langsam einkreisten.
139.
Zu Pferd kam er zwar nicht unbedingt schneller, aber wesentlich stetiger voran, jedenfalls solange die Wege den Thames River hinauf gut gangbar waren und er von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang unterwegs blieb. Zudem konnte er im Sattel essen. Schon am Morgen des dritten Tages erreichte er die Brücke von Aniwahniwha und hatte das mittlere Waikato-Becken hinter sich. An diesem Tag passierte er den Maungatantari und überquerte am Abend den Overland Mail Track, den er vier Monate zuvor mit von Tempsky entlanggezogen war. Seine schnelle Reise ließ allerdings kaum einen Vergleich mit dem ermüdenden Fußmarsch und dem mühsamen Zusammenhalten von zweihundert Männern zu.