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Zwar konnte er von nun an nur noch selten aufsitzen und reiten, aber das Pferd trug immerhin noch weitere vier Tage seinen Proviant, sodass er keine Zeit mit Tauschhandel verlor und dennoch nicht hungern musste. Erst als er jenseits des kleinen Waikaka, an den Oberläufen von Mokau und Wanganui, die Grenzen der Provinz Taranaki und ihrer Urwälder erreichte, hörte das Tier endgültig auf, ihm nützlich zu sein, und er verkaufte es in der Eingeborenensiedlung Pohanga gegen so viel Maismehl, wie er auf dem Rücken tragen konnte. Die »Damper«, von denen er von diesem Zeitpunkt an leben musste, waren zwar mangels Salz und anderer Gewürze nahezu geschmacklos, aber das konnte nur ein zusätzlicher Antrieb sein, diese Wanderung so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.

Gowers wusste jedoch, dass er sich nun im Einflussbereich der Aufständischen befand, und ging entsprechend vorsichtig voran. Dass er sich zudem nun wieder im ewigen Auf und Ab dicht bewaldeter Hügelketten bewegte, verlangsamte sein Marschtempo weiter, und während bisher der große, alles überragende Vulkan Taranaki sein Fernziel gewesen war, musste er nun überlegen, ob, wie und auf welchen Wegen er sich möglichst ungesehen dem ihm unbekannten Camp Waihi nähern konnte und wie er hineinkommen würde. Am Abend des 7. September hatte er endlich den Te-Ngaere-Sumpf hinter sich gebracht und musste jetzt nahe an dem breiten Pfad sein, den General Chute vor vier Jahren auf seinem großen Marsch von Hawera nach New Plymouth hatte freischlagen lassen. Es war auf diesem Pfad, mitten im Gebiet des Tangahoe-Stammes, der bereits zum Volk der Ruanui gehörte, und unweit des kleinen Dorfes Araukuku, als ihm der Melder begegnete.

Obwohl die Dämmerung nicht mehr fern war, bewegte dieser Mann sich ungewöhnlich sorglos durch ein Land, das sich in Kriegswirren befand. Gowers hörte ihn jedenfalls schon lange, ehe er ihn sehen konnte, so laut, beinahe mutwillig schlenderte der Maori den Pfad entlang, den jetzt bereits an beiden Seiten nachtschwarzer Urwald begrenzte. Dann hörte der Investigator das seltsamste Geräusch, das der andere produzierte: Der Mann sang! Nicht aus Leibeskräften, aber auch kein irgendwie unterdrücktes, nur hier und da zu Versen hochkochendes Summen – er sang wahrhaftig, und obwohl Gowers die Worte nicht verstehen konnte, wurde ihm sofort klar, dass der Krieg eine unvorhergesehene und für die Aufständischen vorteilhafte Wendung genommen haben musste.

Hatte er zunächst beabsichtigt, in seinem Versteck zu bleiben und den Mann unbehelligt passieren zu lassen, so änderte er diesen Plan jetzt. Er musste wissen, was geschehen war und ihn erwarten würde. Der Melder war ein junger Bursche, keine achtzehn Jahre alt, und als er auf Höhe seines Verstecks war, sah Gowers, dass er sich bewegte wie ein Betrunkener.

Tatsächlich hatte Tutange Waionui etwas getrunken, wenn auch nicht viel. Aber da er Alkohol nicht gewohnt war, hatten vier, fünf kräftige Schlucke aus der erbeuteten Whiskyflasche ausgereicht, um ihn noch fröhlicher zu machen, als er durch den großen Sieg ohnehin schon war. Er hatte gekämpft, wahrhaftig, zum ersten Mal in seinem Leben hatte er sein Gewehr auf einen Menschen abgefeuert und ihn sogar getroffen. Er wusste nicht, ob er den Mann getötet hatte – die Pakeha hatten ihn rasch weggetragen. Aber irgendwann waren mehr Weiße gefallen, als ihre Kameraden tragen konnten, und da waren sie weggelaufen, geflohen, den Pungarehu-Pfad hinunter bis zum Waingongoro und hinter die Palisaden von Waihi.

Unermüdlich waren die Maorischützen ihnen gefolgt, hatten sie durch die Wälder gejagt und noch viele, viele von ihnen getroffen. Die Toten hatten sie ausgeplündert, ihnen alles weggenommen, was ihnen im Leben gehört hatte: Waffen, Munition, Schuhe, Kleider, Proviant und vereinzelt sogar die Fotografien ihrer Frauen und Familien. Fast zwei Dutzend völlig nackter Leichen hatte Tutange gezählt und war in eine seltsame Erregung geraten.

»Warum seid ihr hergekommen?«, hatte er die Toten angeschrien. »Was wollt ihr in unserem Land? Ihr wärt besser in eurem eigenen geblieben!« Seine Kameraden hatten gelacht, und als ihm gerade schlecht werden wollte, war die Whiskyflasche aufgetaucht, und das scharfe Getränk hatte seinen leeren Magen wieder festgezurrt in seinem Körper.

Der Häuptling selbst hatte ihm befohlen, nach Araukuku zu gehen und den Tangahoe vom Sieg ihrer Brüder, der Ngaruahine, zu berichten, damit sie sich ihnen anschließen würden. Das kaum getan, hatte er sich trotz der hereinbrechenden Nacht auf den noch längeren Weg nach Norden gemacht, um auch den Ngati Maru die große Botschaft zu bringen.

Er hatte keine Furcht vor der Dunkelheit. Er hatte gekämpft an diesem Morgen, getötet, und er war in seinem eigenen Land. Jeder Baum, jeder Farnbusch gehörte ihm, dem Krieger Tutange Waionui! Dass der Wald ihn plötzlich ansprang und auf den Boden warf, überraschte ihn, machte ihm aber keine Angst. Es war ja sein Wald.

»Warum singst du?«, fragte der Schatten auf seiner Brust, der seine Arme festhielt. Tutange merkte an der englischen Frage, dann am Geruch und schließlich an den europäischen Kleidern des anderen, dass es ein Pakeha war, der ihn überwältigt hatte. Aber was tat ein einzelner Pakeha hier? War er dem Gemetzel bei Te Ngutu o te Manu entkommen? Dann würde er nicht fra – gen, warum Tutange sang, es sei denn …

Er sah sich den Mann jetzt so genau an,wie es in der Dämmerung gerade noch möglich war, und er glaubte, ihn zu erkennen: schlank, dunkel, die gleichen Kleider, die gekreuzten Riemen über der Brust! Und Tutange Waionui hörte auf, sich zu wehren, denn man kann und man muss sich nicht gegen die Geister wehren. Ein triumphierendes Lächeln trat auf sein Gesicht.

»Ich singe, weil du tot bist, Manu-Rau. Du bist tot. Geh zurück zu den Schatten!«

140.

Johns Stellung als Telegrafist verschaffte ihm natürlich einen Informationsvorsprung, von dem auch Deborah profitierte. Was immer es auch Neues gab, wusste er schon, bevor es am nächsten Tag in der Zeitung stand, weil er es war, der die Nachrichten an die Reporter weitergab. Die beiden machten sich sogar ein Vergnügen daraus, vorherzusagen, wie welche Zeitung welche Nachricht verfälschen würde. Aber nie, nicht einmal bei John Browns Angriff auf Harpers Ferry11 vor wenigen Wochen, hatte John seine Arbeit unterbrochen, um seiner Frau die Neuigkeiten sofort mitzuteilen. Deborah wusste deshalb, dass es eine wichtige Botschaft war, die er ihr mitten am Tag überbrachte – und sein Gesicht verriet ihr, dass es keine gute war.

Erst im letzten Moment fiel ihm ein, dass es vielleicht keine gute Idee war, einer im sechsten Monat schwangeren Frau ganz unvorbereitet die Nachricht vom Tod eines guten Freundes zu überbringen. Aber er hatte plötzlich Angst gehabt, dass sie auf anderem Weg zu Deborah gelangen könnte, und nun war es ohnehin zu spät.

»John Lafflin ist tot«, sagte er möglichst ruhig.

Deborah spürte, dass er ihr noch etwas verschwieg, und fragte ebenso ruhig: »Und warum geht diese Nachricht über den Draht?«

»Er ist ermordet worden«, antwortete John, wieder einmal beeindruckt von der Schnelligkeit, mit der sie die richtigen Schlüsse zog, die richtigen Fragen stellte. »Sie nennen ihn einen bekennenden Sklavereigegner«, fuhr er fort, »und sie vermuten irgendeine Art Rache für Harpers Ferry.«

»Wie …«, fragte sie, aber ihre Stimme versagte nun doch, weil sie von den vielen Gräueltaten in Missouri wusste.