Sie erwogen ernsthaft die Möglichkeiten einer Brandstiftung, das Lafflin-Haus auszuräuchern, die Bewohner so auf die Straße zu treiben und Moses im allgemeinen Chaos mit einem gezielten Schuss zu erledigen. Aber das würde die lang gehegte Rachsucht Desmond Bonneterres nicht befriedigen, und obwohl dieser Plan Gabriel Beale noch auf eine andere, schlimmere Idee brachte, war es der junge Kreole, der schließlich die Lösung fand.
»Wir müssen die Polizei auf unsere Seite bringen«, sagte er.
Der Detektiv dachte an das viele, das geschehen war, und das wenige, das sich beweisen ließ, und knurrte: »Bis Sie diesen Sachverhalt auch nur einem einzigen Polizisten erklärt haben, sind die beiden in Kanada und haben sieben Kinder!«
»Ja«, sagte Bonneterre, in der Sonne seiner plötzlichen Eingebung lächelnd. »Aber Sie vergessen dabei eins, Mr. Beale: Das geht ihnen genauso.« Er hatte damit treffend umrissen, wie weit sowohl die Jäger als auch die Gejagten sich längst außerhalb jeder gesetzlichen Ordnung bewegten. »Wir werden niemandem irgendetwas erklären müssen.«
»Wer soll uns dann helfen?«, fragte der ratlose kleine Yankee.
»Der Kongress und der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten von Amerika, Mr. Beale«, antwortete der Südstaatler. »Warum bin ich eigentlich nicht eher darauf gekommen?!« Und während er den Detektiv offen angrinste, sagte er höhnisch: »Brandstiftung!! Warum nicht gleich eine Bombe?«
142.
Obwohl in diesem letzten der Maorikriege auch aufseiten der Weißen nie mehr als anderthalb-oder zweitausend Soldaten kämpften, waren die Mechanismen, die ihn antrieben, die gleichen wie in den unzähligen ungleich größeren Kriegen, die über Europa, Amerika, über die Welt hinweggegangen waren.
Eine Gruppe kämpfender, tötender Männer, gleich ob man sie nun eine Taua oder eine Armee nennt, ist immer und überall ein seltsamer Organismus. Außerhalb der Zivilisation, der Kultur stehend, für die zu kämpfen sie vorgibt, sich über die herkömmlichen Gesetze der menschlichen Gesellschaft gezielt hinwegsetzend, ist sie doch auch nicht die Wildnis, in der sie umgeht. Sie kämpft, sie tötet nicht, wie Tiere kämpfen und töten, ist aber auch mehr als bloß politisches Instrument.
Wie ängstlich die Menschen, die sie ausschicken, sich von diesen kämpfenden Gruppen abzugrenzen bemüht sind, zeigen in Stammesverbänden die Tabus, die Reinigungsrituale, denen die Krieger sich unterwerfen müssen, ehe sie in die Gemeinschaft zurückkehren dürfen; zeigen die Bannmeilen, die Rom und Athen zwischen sich und ihre eigenen Soldaten legten, zeigt noch heute jedes Zivilgesetz, jeder Untersuchungsausschuss, mit dem Politiker sich mühsam die Illusion verschaffen, »ihre« Armee jederzeit unter Kontrolle zu halten – wie ein Kind, das sich im Innern eines Wagens an irgendein Polster klammert, einen Faden, einen Strohhalm, und sich mit aller Kraft einredet, den Wagen auf diese Weise lenken zu können.
Nach außen so furchterregend homogen, sich an Uniformen, Fahnen, Befehlen und sogenannten »Kriegskünsten« orientierend – einem erlernbaren Handwerk, das sich vor allem den geografischen Räumen anpasst, in denen eine Armee sich bewegt –, ist sie in ihrem Innern doch merkwürdig hohl, heterogen und kann vor allem in moralischer Hinsicht leicht implodieren, wenn die Druckverhältnisse, denen sie ausgesetzt ist, sich verändern; sei es durch einen Sieg, eine Niederlage oder einfach durch das lange, zermürbende Warten auf das eine oder das andere.
Thomas McDonnell wusste, dass er sich nicht mehr lange auf dem Rücken dieses Untiers halten konnte, dass er ihm noch einmal die Sporen geben und seiner unheimlichen, alles zersetzenden Kraft ein Ziel weisen musste, um nicht selbst unter die vielen genagelten Stiefel zu geraten, die auf seinen Befehl so lange und weit marschiert waren. Am 2. September trafen endlich die Kupapa-Milizen ein, auf die er schon lange gewartet hatte; hundertdreißig kampferprobte Veteranen aus dem Krieg von 1865/66, die er sofort gegen ein gleich starkes Kontingent unerfahrener Weißer, vorwiegend von den Wellington Volunteers, austauschte.
Offizieller Anführer dieser neuen, irregulären Truppe war sein Bruder William, aber in Wirklichkeit folgten die Männer ihren Häuptlingen: Kepa und Kawana Hunia. Ein Problem war das insofern, als die Kupapa so etwas wie einen von der Regierung beauftragten und durch die Gesetze legitimierten Oberbefehlshaber nicht anerkannten. Führerschaft definierte sich in ihren Augen durch Fähigkeiten und Erfolge, die zum Tapu eines Mannes gehörten – und »Fighting Mac« hatte bereits zweimal versagt, war also kein Mann von unerprobter Fähigkeit, sondern von erprobter Unfähigkeit. In der Versammlung der Regimentskommandeure schlug ihm jedenfalls von nun an stärkerer Widerstand entgegen, als er gewohnt war, und es gab für ihn nur einen Weg, die Dinge wieder unter Kontrolle zu bringen: Er musste noch einmal hinaus in den Wald von Ahipaia.
Gemeinsam mit von Tempsky, der das geahnt hatte, entwarf McDonnell einen Angriffsplan, der wiederum eine Attacke auf das Eulennest vorsah, um Titokowarus logistische Basis zu zerschlagen und ihn dadurch entweder zu einer offenen Schlacht zu zwingen oder aber, versorgt durch die erbeuteten Lebensmittel der Rebellen, Te Ngutu auszuhungern. Es war ein guter Plan, der mithilfe der auf den vorangegangenen Expeditionen gewonnenen Erfahrungen und der Unterstützung der Kupapa gelingen konnte – wenn er geheim blieb.
Aber auch Titokowaru war ein Meister in seinem Fach. In den weniger als zwei Wochen, die seit McDonnells letztem Angriff vergangen waren, hatte er Te Ngutu o te Manu nicht nur wieder aufgebaut, sondern unter Aufbietung aller Kräfte, sogar der Mithilfe von Frauen und Kindern, mit eindrucksvollen Befestigungen versehen: einer Palisade, Laufgräben, Wällen und Schützenlöchern. Das Entscheidende war jedoch, dass die ganze Anlage nur Mimikry war. Wie bei dem vorgeschobenen Hinterhalt bei Te Maru spekulierte er darauf, dass die Pakeha ihre Kräfte auf das konzentrieren würden, was sie sahen und kannten, also auf die Palisade und das Dorf.
Er hatte jedoch auch den Wald selbst befestigt, einige Taumaihis, getarnte Schützenplattformen, in den Bäumen errichten und vor allem ein System gedeckter und gut getarnter, also quasi unterirdischer Gänge graben lassen, in denen seine Krieger sich rings um die große Lichtung vor dem Dorf bewegen konnten, ohne für den Feind sichtbar zu werden. Er musste jetzt nur noch Tag und Stunde des Angriffs kennen, und die einmal mehr tödliche Falle würde zuschnappen.
143.
Dred Scott war ein etwa sechzig Jahre alter Sklave aus Missouri, der aber mit seinem Besitzer, dem Armeearzt John Emerson, einige Jahre lang im freien Nachbarstaat Illinois gelebt hatte. Als Emerson starb, kam Scott als Teil der Erbmasse zurück nach Missouri und begann hier einen Prozess gegen die Erben, in dem er darauf plädierte, durch den Aufenthalt in Illinois ein freier Mann geworden zu sein, der gar nicht vererbt werden konnte. In dem nun beginnenden elfjährigen Prozessmarathon vor verschiedenen Staats-und Bundesgerichten ging es aber nicht nur um die Freiheit oder Unfreiheit von Dred Scott, sondern um exakt die Verfassungsfragen, die sich an der Sollbruchstelle der Vereinigten Staaten von Amerika seit Jahrzehnten aufgetürmt hatten.
Konnte ein Schwarzer in einem Bundesstaat Bürger und in einem anderen Eigentum sein? Wann wurde er das eine oder das andere? Konnte ein Sklavenstaat einen freien Schwarzen zum Sklaven machen, wenn er nur durchreiste? Und konnte umgekehrt ein freier Staat einem weißen Mann sein Sklaveneigentum wegnehmen, wenn er nur durchreiste? Hatten Regierung, Kongress und Senat überhaupt das Recht, Bundesgesetze zu erlassen, die den Sklavereibestimmungen der Einzelstaaten widersprachen?