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Am 6. März 1857 kam der Supreme Court der USA in Sachen Dred Scott und der ihn betreffenden Verfassungsfragen zum vielleicht beschämendsten Rechtsspruch in der Geschichte der Freien und Tapferen. Denn eine Sklavenhaltermehrheit in diesem Gremium hatte entschieden, dass ein Sklave immer ein Sklave bleibt, egal wie lange er in einem freien Staat lebt und wie er dort hingekommen ist. Damit war die Flucht eines Sklaven innerhalb der Vereinigten Staaten aussichtslos geworden. Sein Besitzer konnte ihn überallhin verfolgen und durfte ihn von überall her zurück in die Sklaverei führen, ohne dass irgendeine juristische Gegenwehr möglich war. Die einzige Gelegenheit für einen Sklaven, auf legalem Weg frei zu werden, war die freiwillige Aufgabe des Besitzanspruchs seines Herrn, sei es aufgrund eines Freikaufs oder aus purer Generosität. War ein Sklavenhalter dazu nicht bereit, gab es keine Macht auf Erden, oder jedenfalls keine in den Vereinigten Staaten, die ihm seine Sklaven wegnehmen konnte.

Natürlich war dieses Urteil in den freien Staaten nicht das Papier wert, auf dem es geschrieben stand, das heißt, die Gerichte etwa von Illinois dachten gar nicht daran, entsprechende Ansprüche gelten zu lassen. Aber in Missouri und den anderen Sklavenhalterstaaten konnte nun theoretisch jeder Weiße auf jeden Schwarzen zeigen und behaupten, er gehöre ihm. Tauchten keine anderslautenden Dokumente auf, konnte der Schwarze nicht nachweisen, dass er entweder freigelassen worden war oder von freigelassenen Eltern abstammte, konnte der Weiße hingegen mindestens einen Zeugen beibringen, der seine Besitzansprüche bestätigte, durfte er den Schwarzen »einpacken und mitnehmen«. Es war dieses vom Kongress bestätigte Urteil des Obersten Gerichtshofes, mit dessen Hilfe Desmond Bonneterre hoffte, seine Hand doch noch sozusagen legal und mit Unterstützung der staatlichen Behörden auf die ihm nach wie vor nur unter dem Namen Moses bekannte Frau zu legen.

Dem Anführer der vier Mann starken Abteilung der St. Louis City Police war vor allem die Begleitung durch die beiden Antragsteller, zwei Männer, die in ihren Anzügen wie verkleidet aussahen, sichtlich unangenehm. Er befahl deshalb den seltsamen Gestalten und seinen eigenen Leuten, auf der gegenüberliegenden Seite der Collins Avenue zu warten, und kam allein auf den bewaffneten Riesen vor dem Haus Nr. 24 zu.

»Guten Abend«, sagte er.

»Guten Abend«, erwiderte Mr. Phineas, lud aber gleichzeitig seine Waffe durch, um dem Polizisten zu zeigen, dass der weitere Verlauf des Abends noch entwicklungsfähig war.

»Na, na«, sagte fast väterlich der bieder und ehrlich wirkende Sheriff. »Wir kennen uns doch. Sie arbeiten beim alten Lafflin in der Fabrik und heißen Phineas, nicht wahr? Sie sind ja auch kaum zu übersehen, lieber Mann.« Der Sheriff lachte ein wenig über seinen eigenen kleinen Scherz, aber Mr. Phineas verzog keine Miene. Der Ankömmling wurde daraufhin amtlich.

»Ich bin Sheriff Samuel Madsen und …«

»… und das ist eine doppelläufige Schrotflinte, Sir. Mit Sauposten geladen!«, ergänzte der Riese trocken. Der Polizist kratzte sich betreten am Kinn.

»Ich würde gerne mit Mrs. Emma Lafflin sprechen, wenn das möglich ist, ohne erschossen zu werden.«

»Das ist es«, sagte Mrs. Lafflin, die jetzt die Tür geöffnet hatte. »Hallo, Sam!«

»Guten Abend, Emma«, erwiderte der Sheriff erleichtert. »Darf ich hereinkommen?«

»Das hängt davon ab, was du willst, Sam.«

»Was ich will, Emma, möchte ich jedenfalls nur ungern über die ganze Straße brüllen. Vielleicht lässt du mich einfach rein. Was kann das schaden?«

Darauf wusste Emma Lafflin keine Antwort zu geben, denn sie konnte ja schlecht sagen, dass ihr Haus von Unbekannten belagert wurde, und wenn, hätte sie erklären müssen, warum sie nicht längst selbst die Polizei gerufen hatte. So konnte also die Anwesenheit Deborahs in der Collins Avenue 24 nicht mehr schlicht und einfach geleugnet werden, denn Sheriff Madsen sah sie sofort inmitten der kleinen Menschenmenge in der Halle.

»Guten Abend, meine Damen«, sagte er. »Gentlemen!«

»Hast du Angst vor Zug, Sam?« Mrs. Lafflin hatte die Tür wieder geschlossen und bemerkt, dass der Besucher den Hut auf dem Kopf behielt.

»Entschuldige, Emma«, sagte Madsen, nahm den Hut ab und deutete damit auf Deborah. »Es geht um diese junge Dame, denke ich. Draußen warten zwei Männer, die einen Anspruch auf sie angemeldet haben.«

»Wie bitte?!«, fragte John Gowers und trat zwischen seine Frau und die Staatsgewalt.

»Einen Besitzanspruch, Sir, so ist es leider. Die beiden beziehungsweise der eine behauptet, er habe seine flüchtige Sklavin Amy in dieses Haus gehen sehen. Der andere ist sein Zeuge.«

»Das ist vollkommen lächerlich, Sam«, sagte Mrs. Lafflin. »Die Frau heißt Deborah Williams und ist mein Gast.«

»Nun«, Madsen kratzte sich wieder den Bart und wandte sich dann direkt an Deborah. »Können Sie das irgendwie beweisen, Miss?«

»Mrs.«, sagte John wütend. »Sie ist meine Frau!«

»O Mann«, entfuhr es dem bisher so besonnenen Sheriff. Dieser Fall wurde ihm immer unangenehmer. »Tut mir leid, aber die Gesetze von Missouri schreiben vor, dass wir derartigen, äh … Ansprüchen nachgehen müssen. Können Sie … haben Sie …?«

Deborah hatte selbstverständlich eine notariell beglaubigte Urkunde über ihre Freilassung, die ebenso selbstverständlich gefälscht war, und reichte sie dem Polizisten wortlos.

»Nun, das …«, begann Madsen, nachdem er das Dokument flüchtig gelesen hatte, »das Problem ist, dass diese beiden Kerle beziehungsweise dass der eine sagt, seine Sklavin sei mit gefälschten Papieren unterwegs. Wir werden die Sache also überprüfen müssen.«

»Wie willst du das machen, Sam?«, fragte Mrs. Lafflin.

»Nun, wir werden ganz einfach nach, äh …«Er schaute noch einmal auf das Papier in seiner Hand. »Nach Vicksburg schreiben und Mr., äh …« Ein weiterer Blick auf das Dokument enthüllte ihm nur die Unleserlichkeit des Namens. »Und Mr. Wie-auch-immer um eine Bestätigung dieser Angaben bitten. So lange …«, er wandte sich wieder an Deborah, »… muss ich Sie leider bitten, mich zu begleiten, Miss, ich meine Mrs.«

»Nein«, sagte leise und gefährlich Gringoire und trat vor.

»Tut mir leid, Sir, aber das ist das Gesetz.«

Der zornige alte Mann richtete bei diesen Worten seine Waffe direkt auf den Kopf des Gesetzeshüters, und der fuhr mit einem säuerlichen Grinsen fort: »Ich weiß, ich weiß, und das ist eine doppelläufige Schrotflinte, mit – sagen Sie nichts! – mit Sauposten geladen, nehme ich an?!« Der Sheriff seufzte und setzte seinen Hut wieder auf.

»Das ist leider alles sehr verdächtig, Emma«, sagte er, als er mitsamt Deborahs Papieren hinausging. »Ich werde deshalb meine Jungs heute Nacht vor dem Haus Posten beziehen lassen und Ihnen allen Zeit geben, sich das Ganze in Ruhe zu überlegen. Und wer von Ihnen bewaffnet die Straße betritt«, fügte er mit Blick auf Gringoire und Gowers freundlich, aber bestimmt hinzu, »dem lasse ich die Eingeweide aus dem Leib schießen! Guten Abend.«

»Wo ist die Deep South?«, fragte Deborah in das ratlose Schweigen, das in der Halle zurückblieb wie ein schlechter Geruch. Sie wusste natürlich, dass sie ohne ihre Papiere weder einen Zug noch ein Schiff, ja nicht einmal eine Postkutsche besteigen konnte.