144.
In der ersten Stunde des 7. September 1868 ging Manu-Rau persönlich von Zelt zu Zelt, um dreihundertneunundsechzig Männer einzeln zu wecken, und noch vor drei Uhr nachts rückten sie lautlos, ohne Licht und mit geschwärzten Gesichtern aus Camp Waihi aus, überquerten zum dritten Mal den bis zur Brust reichenden, eiskalten Waingongoro und befanden sich bei Tagesanbruch bereits tief im Wald Ahipaia, nördlich des Pungarehu-Pfads. In der gleichen grauen Stunde versammelte jedoch auch Titokowaru seine Krieger, befahl ihnen, ihre Waffen zu holen und den Haka zu tanzen, »denn dieser Tag wird ein böser Tag, und die Gefahr kriecht heran wie ein Nebel«.
Seine sechzig Krieger glaubten, ihre toten Ahnen, mit denen der Häuptling nun fast ständig in Kontakt stand, hätten Titokowaru den Tag des Angriffs verraten, aber noch zwei andere Umstände dürften dabei eine Rolle gespielt haben. Wochen später entdeckte Takiora auf einem Höhenzug jenseits des Waingongoro einen riesigen Rata-Baum, aus dessen Wipfel geübte Augen alle Vorgänge in Camp Waihi beobachten konnten und dessen Äste verrieten, dass er schon häufig bestiegen worden war. Außerdem vollzog sich der Auszug der Patea Field Force nicht ganz so lautlos, wie ihre Kommandeure es vorgesehen hatten.
Ein Leutnant namens Albert Fookes stellte mitten im Abmarsch fest, dass er seinen Revolver vergessen hatte, und rannte in sein Zelt, um ihn zu holen. Da völlige Dunkelheit befohlen war, tastete er eine Weile ratlos hin und her und schaffte es dabei irgendwie, an den Abzugshahn zu kommen und sich ins Bein zu schießen. Diese bemerkenswerte Ungeschicklichkeit sollte ihm das Leben retten.
Die Gefahr kroch wahrhaftig heran. Die Patea Field Force hatte den Pfad verlassen, hatte auch keine Zeit damit vergeudet, einen neuen zu suchen, und bewegte sich nicht mehr wie eine Kampfeinheit auf geordnetem Vormarsch, sondern wie eine Armee von Ameisen durch das weglose Dickicht. Von Tempsky, der mit seinen Forest Ranger und Kawana Hunias Kupapa die Vorhut bildete, gab lediglich die Richtung vor, in die sich durch Schlingpflanzen und Unterholz ansonsten jeder Mann einzeln kämpfen musste. Sie verständigten sich mit Handzeichen und hatten nur den Befehl erhalten, ihre Neben-und Vorderleute nicht aus den Augen zu verlieren.
So gab es zwar hin und wieder Stauungen, wenn sie auf wahrhaftig undurchdringliche Hindernisse stießen, aber es fand auch immer irgendwer irgendwo einen Durchschlupf in dem schweren Gelände, wenn sie dazu auch bisweilen hintereinander und dicht an den Boden gepresst auf Händen und Knien kriechen mussten. Dieses zermürbende Vorgehen erwies sich insofern als richtig, als Titokowarus Späher, durch den Schuss aufgeschreckt, den Aufbruch der Patea Field Force zwar gesehen, die Truppe aber tatsächlich bald aus den Augen verloren hatten. Man wusste, dass die Pakeha im Wald waren, aber man wusste nicht, wo sie waren.
Im Eulennest erwachten etwa zu diesem Zeitpunkt die Kinder, und die alten Frauen hatten alle Hände voll zu tun, ihnen den Befehl, den Titokowaru persönlich im Morgengrauen überbracht hatte, nämlich an diesem Tag unter keinen Umständen in den Wald zu gehen, verständlich zu machen. Es war den Kindern peinlich, ihre Notdurft in Sichtweite der Hütten und der anderen zu verrichten und sie auch noch unter den Augen der Frauen vergraben zu müssen wie Katzen.
Insbesondere der zehnjährige Omahura konnte es nicht erwarten, dass die Sonne höher stieg, denn er wollte an diesem Morgen, koste es, was es wolle, seinen Freund Hami, den behinderten neunjährigen Sohn des großen Wiremu Katene, besuchen. Man hatte den sehr liebenswerten, aber auch etwas lauten Epileptiker zusammen mit einem fieberkranken Mädchen in einer alten Hütte auf einer Lichtung auf halbem Weg nach Te Ngutu untergebracht, damit er mit seinen wirren Reden und Anfällen nicht die Nachtruhe der anderen störte. Betreut wurden die kranken Kinder dort lediglich von dem uralten Häuptling Paramena, der amüsiert gesagt hatte, dass er ohnehin nicht mehr viel Schlaf brauche.
Das Warten war entsetzlich. Tutange Waionui war noch in der Nacht mit einigen nur wenig älteren Kameraden zu »heiligen Kindern« gemacht worden, um die kommende Schlacht zu überleben. Tangamoko, die Zauberin des Stammes, hatte jedem von ihnen ein von ihr selbst angefertigtes Korowai um die Hüften gelegt, ein Kriegskleid, in das sie Zaubersprüche gewebt hatte, um seine Träger unverwundbar zu machen. So geschützt sollten die sechzehn-, siebzehnjährigen Jungen Kriegern wie Kawana Hunia, »Fighting Mac« oder dem gefürchteten Manu-Rau standhalten.
Jetzt saß Tutange seit vielen kalten Stunden in einem Schützenloch der ersten Linie und lauschte auf jedes Knacken und Rascheln im Wald von Ahipaia, bis ihm die Ohren vor Anspannung wehtaten. Das Loch war so klein, dass er darin knien musste, und immer wieder schliefen deshalb seine Beine ein. Er wollte sich gerade zum hundertsten Mal eine erträglichere Position suchen, als irgendwo weit nördlich, in seinem Rücken, ein einzelner Schuss ertönte, dem jedoch eine ganze Salve folgte, die alle Vögel auffliegen ließ und ihm schneidend ins Rückenmark fuhr. Was war das? Hatten die Pakeha ihn umgangen? Griffen sie Te Ngutu an?
Es mochte etwa zehn Uhr sein, als Omahura die Unaufmerksamkeit einer Wärterin nutzte, seine Chance ergriff und in den Wald lief. Er lief, so schnell er konnte, um nicht nur der Frau, sondern auch ihren mahnenden Rufen und damit seinem schlechten Gewissen so schnell wie möglich zu entkommen. Sein Herz klopfte noch wild in seinem Hals, als er bemerkte, dass er an der kleinen Lichtung der Kranken vorbeigelaufen sein musste. Langsam sah er sich um. Sie konnte nicht weit entfernt sein. Und plötzlich erstarrte er vor Entsetzen: Der Wald um ihn war lebendig!
Fremde weiße Männer krochen über Baumwurzeln, durch Farn und die feuchte Erde selbst, starrend vor Dreck, bis an die Zähne bewaffnet und mehr, als er zählen konnte. Omahura schrie vor Schreck und wollte zurückrennen, aber ein schneller, schlanker Pakeha griff nach seinen Beinen, brachte ihn zu Fall und hielt ihn umklammert.
»Drehen Sie ihm seinen verdammten Hals um, Sir!«, sagte ein anderer, aber es war zu spät. Paramena, in der nur einen Steinwurf entfernten Hütte der Kranken, hatte den Schrei gehört. Eine Weile blieb alles still. Dann erhoben sich auf einen Wink ihres Anführers, der ihn noch immer im Arm hielt, die Pakeha zu Dutzenden, und Omahura glaubte für einen Moment, dass das bemooste Dickicht, das Unterholz, der Wald selbst aufstand.
Der alte Häuptling wusste, dass er überhaupt keine Chance hatte; aber er wusste auch, dass er Te Ngutu und die jungen Krieger warnen musste vor der Gefahr, die aus dieser unerwarteten Richtung kam. Also hob Paramena seine altersschwache Tupara und griff die Pakeha an, feuerte, einer gegen hundert, ehe eine rasche Salve ihn buchstäblich in Fetzen riss.
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Ein Überraschungsangriff war nun nicht mehr möglich, und zu ihrem Verhängnis wussten die Pakeha noch immer nicht, wo genau Ruaruru, das Eulennest, sich befand und sie sowohl Proviant für eine Belagerung Te Ngutus als auch zahlreiche Geiseln gefunden hätten. Von Tempsky schickte deshalb einen Melder an McDonnell mit der Bitte, der Forderung, so schnell wie möglich die offene Attacke zu befehlen. Was besonders an ihren Nerven zehrte, war, dass der kleine, offenbar behinderte Junge, den sie in der Hütte gefunden hatten, nicht aufhörte zu schreien – und Omahura musste mit ansehen, wie ein besonders ungehaltener Kupapa-Krieger seinem Freund Hami mit einer Streitaxt den Schädel zerschlug, ehe Manu-Rau ihn daran hindern konnte. Von allen Seiten krochen, liefen die Feinde an ihn heran – und an ihm vorbei, wie der Häuptling vorausgesehen hatte. Ein Dutzend Mal hatte Tutange Waionui das Gefühl, dass sie ihn jetzt, jetzt entdecken und töten würden, und das Geräusch vorüberstampfender Stiefel schien kein Ende mehr zu nehmen. Dann wurde es stiller, und er wusste, dass die Pakeha nun zwischen der Palisade und der geheimen, unsichtbaren Schützenlinie im Wald in der Falle saßen.