Er spähte vorsichtig aus seiner Deckung und wartete nur noch auf den Feuerbefehl. Er sah bereits den Rücken des Mannes, auf den er schießen würde, und fragte sich, wer der Mann war und was er in diesem Moment dachte. Aber erst als die meisten der Pakeha schon am Rande der Lichtung und in Sichtweite der Palisade waren, erklang, den Urwald auf eine Meile durchdringend, Titokowarus heisere Stimme im Innern der Festung: »Ka whawhai! – Kämpft!« Und die Hölle tat sich auf.
Die weißen Männer fielen wie Kegel, ohne dass sie sahen, aus welcher Richtung das vernichtende Feuer gekommen war. Sie versuchten, sich zu wehren, und schossen Salve um Salve auf die Palisade. Hin und wieder entdeckten sie auch eine der kleinen Taumaihis in den Bäumen hinter sich und feuerten darauf, bis es Splitter und Blut regnete. Aber weil die Maori sich in den unterirdischen Laufgräben immer neu im Gelände verteilen konnten, fanden die Kugeln der Patea Field Force nur selten ein Ziel.
Glücklich waren die dran, die zuerst fielen und nur verwundet waren, denn sie wurden rasch von ihren Kameraden aus der Feuerlinie getragen. »Fighting Mac«, der ja damit gerechnet hatte, dass sie die Angreifer und nicht die Angegriffenen sein würden, hatte jedoch nur vierzehn Tragbahren mitnehmen lassen. Die übrigen Verwundeten mussten auf je drei Gewehrläufen abtransportiert werden, was bedeutete, dass mit jedem Verletzten noch sechs Träger die unübersichtliche Front verließen.
Auf dem Bauch durchs Unterholz kriechend trafen sich die Kommandeure der einzelnen Abteilungen und hielten Kriegsrat. Dass sie in einen Hinterhalt geraten waren, war offensichtlich, aber wo war der Feind? Von Tempsky, der beobachtet hatte, dass aus dem Dorf selbst kaum gefeuert wurde, schlug noch einmal den sofortigen Sturmangriff vor; dabei würden zwar viele Männer fallen, aber der Rest wäre hinter der Palisade zumindest vor den unsichtbaren Schützen im Wald geborgen.
McDonnell sagte nicht Ja und nicht Nein, gestattete ihm aber immerhin, seine Ranger den seichten Mangotahi River, eigentlich nur einen etwas breiteren Bach, hinauf-und noch näher an Te Ngutu heranzuführen. Die andere, die linke Flanke sollte unter Kawana Hunia dichter an den im Südosten verlaufenden Pungarehu-Pfad geschoben werden, um im Bedarfsfall zumindest ihren Rückzug zu sichern. Harry Hunter, Bruder des verschlafenen Kavallerieoffiziers von Turuturu Mokai, und »Fighting Mac« selbst übernahmen das Zentrum, suchten noch immer mit ziellosen Salven nach den verborgenen Schützen und wurden allmählich aufgerieben.
Von Tempsky, inzwischen weniger als hundert Meter von der Palisade entfernt, fluchte und tobte, weil das Angriffssignal noch immer nicht kam. Seine Männer, obwohl dem feindlichen Dorf am nächsten, hatten doch am wenigsten durch die Heckenschützen zu leiden, da Titokowaru auf dieser abgelegensten Seite seiner Festung keine entsprechenden Vorkehrungen getroffen hatte. Als er durch eine Schießscharte der Verschanzung spähte, erkannte der Häuptling jetzt gefährlich spät seinen Fehler und brüllte über das Schlachtfeld: »Whakawhiria! – Umzingelt sie, schließt sie ein!« Und Tutange und ein Dutzend anderer Krieger verließen ihre Positionen, um diesem Befehl Folge zu leisten. Dicht an den Boden gepresst krochen sie die Westseite des Bachlaufs hinauf.
Jetzt! Jetzt wäre es noch zu machen, jetzt konnte man die Palisade noch stürmen, das Dorf überrennen und insbesondere die alles übertönende Stimme des feindlichen Generals zum Schweigen bringen. Wen oder was wollte er in des Teufels drei Namen denn noch umzingeln? Sie saßen doch schon in der Falle!
Manu-Rau schritt die Reihen seiner in Deckung liegenden Männer ab, befahl ihnen, auf ihren Posten zu bleiben – »Stand your ground, boys!« –, und trat insbesondere James Fagan, der alles Menschenmögliche tat, um im Erdboden zu versinken, jedes Mal in den Hintern, wenn er an ihm vorüberkam. Auf von Tempskys ausdrücklichen Befehl befand Bradley sich immer in unmittelbarer Nähe des Kommandanten, und das hieß in der Sprache der Forest Ranger: immer da, wo die Scheiße am dicksten war!
Von Tempsky selbst bewegte sich sorglos, fast ein wenig abgestumpft am Flussufer hinauf und hinunter, schlug mit dem blanken Säbel auf herunterhängende Zweige ein und fluchte leise vor sich hin: »Wie hängt mir das alles zum Halse heraus! Wenn ich diese Keilerei überstehe, gebe ich das ganze verdammte Geschäft auf!« Seine Männer lachten noch einmal über den kleinen Scherz.
Zweiundvierzig Jahre später erinnerte sich Tutange Waionui im Gespräch mit dem neuseeländischen Historiker James Cowan an diese Stunde: »Wir krochen am westlichen Ufer des Mangotahi hinauf, genau gegenüber von Manu-Raus Männern, aber wir sahen nicht viel von ihnen, und sie sahen gar nichts von uns. Wir hatten etwa eine Viertelstunde zuvor einen herumirrenden Soldaten getötet, den ersten der Pakeha, der wirklich in unsere Hände fiel, und zelebrierten das Whangai Hau; schnitten sein Herz heraus und verbrannten es. Der Rauch zog in Richtung der weißen Soldaten, und wir wussten, dass wir sie an diesem Tag schlagen würden.
Am Fuß eines Karaka-Baums fanden wir eine gut geschützte Position und legten an. Da erschien am gegenüberliegenden Ufer, keine zwanzig Meter von uns entfernt, ein Offizier mit einem gebogenen Schwert. Wir feuerten, und eine der Kugeln traf ihn mitten in die Stirn – ich glaube, es war meine.«
Es war kein Scherz. Von Tempsky hatte es satt. Er war einmal zu oft durch diesen verdammten Urwald gekrochen, hatte einmal zu häufig auf den Befehl gewartet, der dem ganzen Schlamassel ein Ende machen würde; sei es nun ein gutes oder schlechtes Ende. Er wollte nur noch nach Hause und es vergessen. Aber wo war sein Zuhause?
Er merkte, dass er nicht mehr bei der Sache war, und wusste, dass es im Krieg eine lebensgefährliche Sache ist, nicht ganz im Hier und Jetzt zu sein. Er schwitzte, sein Kopf war heiß. Er ging ein paar Schritte hinunter zu diesem jämmerlichen kleinen Bach, um sich etwas Wasser über den Schädel zu gießen, und stutzte nur, weil ihm dabei plötzlich die Verse einfielen, nach denen er sein Gedächtnis nun schon seit Wochen ergebnislos durchsucht hatte. Es war in Braunsberg, an der Mährischen Pforte, im Schatten des Glaserbergs, und die Stimme seiner Großmutter, die das Lied sang:
»Ich hab daraus getrunken, gar manchen frischen Trunk. Ich bin nicht alt geworden, ich bin nicht alt geworden! Ich bin noch allzeit jung.«
146.
»Wir haben sie gar nicht gesehen, Sir. Sie ist nicht rausgekommen und wir nicht rein. Aber sie ist jedenfalls drin, hat der Sheriff gesagt. Und raus kann sie nicht, weil er jetzt ihre Papiere hat.«
Die beiden schäbigen Kerle, die Bonneterre damit beauftragt hatte, die Rolle von Moses’ Besitzer und seinem Zeugen zu spielen, waren sehr zufrieden mit sich. Mit einem Minimum an Aufwand glaubten sie, das Maximum aus der Situation herausgeholt zu haben.
»Und wie heißt sie?«, fragte Bonneterre ungehalten, und seine Strohmänner sahen einander stirnrunzelnd an, ehe sie ratlos die Schultern hoben.
»Das hat er nicht gesagt, Sir.«
Der elegante Kreole lachte verächtlich. Da hatte er mit Vorbedacht die intelligentesten seiner Mörder für die nicht unkomplizierte Aufgabe ausgewählt, und das traurige Ergebnis sagte noch immer mehr über seine Truppe als über den Gegenstand ihrer Jagd aus. Er selbst hätte darauf bestanden, die Sklavin und ihre Papiere zumindest zu sehen; aber er wollte natürlich nicht persönlich in irgendeine öffentliche Erscheinung treten. Auch Gabriel Beale hatte es abgelehnt, die Rolle des Sklavenhalters zu spielen, da er, wie er sagte, in St. Louis polizeibekannt sei. Also hatten es die beiden Trottel machen müssen – mit der kläglichen Folge, dass Moses nicht einmal verhaftet wurde, sondern bis zur Klärung des Sachverhalts in der Collins Avenue 24 bleiben durfte!