Bonneterres Neugier auf diese Frau war krankhaft. Er sah sie vor sich, in seinen Gedanken, aber sie hatte kein Gesicht. Er stellte ihr Fragen, in seinem Kopf, aber er kannte ihren Namen nicht. Beides behinderte das Spiel seiner Fantasie so sehr, dass er kaum noch Schlaf fand, so dicht vor dem Ziel. Er glaubte, sein Opfer schon riechen zu können, aber wenn er die Augen aufschlug, war es nur Darioleta, die in der Zimmerecke sogar den Teppich feucht schwitzte, auf dem sie lag. Noch vor Mitternacht hielt er es nicht mehr aus und stand wieder auf; hätte er eine Erektion gehabt, wäre er einfach einmal mehr über das unglückliche Mädchen hergefallen, aber die Aufregung über das nahe Ende seiner langen Jagd machte sein Glied schlaff und seine Hoden leicht.
Bonneterre zog sich an und ging in die Halle des Gates hinunter, wo Gabriel Beale in einem der bequemen Polstersessel saß. Auch der Detektiv konnte nicht schlafen, aber es war nicht Neugier, sondern Unruhe, die ihn umtrieb. Er hielt nicht viel vom Plan seines Auftraggebers, weil dieser den Gegner zu vorschnellen und darum nur schwer berechenbaren Reaktionen veranlassen konnte.
»Wenn sie etwas tun, tun sie es heute Nacht«, stellte er fest, als Bonneterre ihn seiner Unruhe wegen nur fragend ansah.
»Wie viele Leute bewachen das Haus?«, fragte der Kreole fast spöttisch, aber nur, um seine eigene Besorgnis zu überspielen.
»Drei von uns, hinten«, antwortete Beale. »Vorn stehen die Leute des Sheriffs. Aber ich weiß nicht …«
»Dann schauen wir doch einfach mal vorbei, wenn Sie das beruhigt«, schlug Bonneterre eine Spur zu schnell vor; er hoffte tatsächlich, durch irgendein Fenster, irgendeinen Zufall zumindest einen Blick auf Moses zu erhaschen. Der Detektiv seufzte. Er war erst vor wenigen Minuten von seinem letzten Kontrollgang in die Collins Avenue zurückgekommen. Er war müde. Dennoch erhob er sich so rasch, als hätte er Sprungfedern im Hintern, und die beiden Männer traten hinaus in die kalte Nacht.
»Ich werde sie übrigens nicht töten«, sagte Bonneterre auf dem nicht allzu langen Weg, um das Gewissen des Detektivs zu beruhigen. »Ihn ja, sie nicht.« Und er lächelte bei diesen Worten, als hätte er eine liebevolle kleine Überraschung durchschaut, die ein anderer ihm bereiten würde.
An einer dunklen Straßenhecke auf der Rückseite des Hauses Nr. 24 und nur etwa fünfzig Meter davon entfernt erwischten sie ihre drei Wächter mit einer Flasche Schnaps, deren fast bis zur Neige verschwundener Inhalt verriet, dass sie schon mehrfach herumgegangen sein musste.
»Ihr sollt aufpassen und euch nicht besaufen!«, zischte Gabriel Beale.
»Ganz ruhig, Yankee«, antwortete einer der hässlichen, verschlagenen Kerle. »Wir aus dem Süden können nämlich beides gleichzeitig.« Seine Genossen lachten rau, und einer von ihnen wandte sich jetzt direkt an Desmond Bonneterre.
»Dieser Nigger, Sir«, er deutete mit einem Nicken auf den hochgewachsenen Hausdiener Lucius, der sich von Deborah und Gowers schon verabschiedet hatte und die Rückseite des Hauses bewachte. »Darf ich ihn nicht doch kaltmachen? Juckt mich einfach in den Fingern, wenn ich so was sehe: ein Nigger mit einem Gewehr!«
Bonneterre lächelte über so viel sportlichen Ehrgeiz, schüttelte aber den Kopf. Gemeinsam mit dem Detektiv begab er sich jetzt auf die Vorderseite, wobei sie selbst in den Seitenstraßen jeden Schatten ausnutzten, den sie finden konnten, falls das Haus nicht schlief und irgendjemand zufällig aus einem der dunklen Fenster sah. Aber obwohl natürlich niemand im Haus schlief, kamen sie tatsächlich ungesehen nach vorn, wo sie die Männer des Sheriffs an einem gegenüberliegenden Gartenzaun dösen sahen.
Ihre Gewehre hatten die Deputies zur Seite gestellt, und der eine hatte sogar seinen Revolver samt Patronengurt abgelegt, um bequemer sitzen zu können. Einem entschlossenen Ausbruchsversuch hätten sie so kaum etwas entgegenzusetzen gehabt, und Beale, erbost über so viel dienstliche Nachlässigkeit, hätte sie am liebsten bei ihrem Vorgesetzten denunziert. Aber in ebendiesem Augenblick tat sich etwas an der Haustür von Nr. 24, und schlagartig waren die Polizisten hellwach und griffen zu ihren Waffen.
»Was gibt’s da?«, rief ihr junger Anführer zum Haus hinüber.
»Nichts gibt’s«, antwortete Mr. Phineas, der jetzt zusammen mit Jason hinaus auf die Straße trat. »Wir gehen nach Hause, wenn’s beliebt. Oder ist das verboten?«
Der Deputy überlegte kurz. »Seid ihr bewaffnet?«, fragte er dann.
»Nein«, brummte Mr. Phineas. »Aber ihr dürft es gern kontrollieren.«
Die Polizisten durchsuchten die beiden tatsächlich, fanden aber nichts zu beanstanden, und Mr. Phineas und Jason taten daraufhin, was Gabriel Beale befürchtete, seit die Haustür sich geöffnet hatte: Sie gingen in zwei verschiedene Richtungen davon, und die Art, wie sie gingen, zeigte, dass sie mit einer Verfolgung rechneten.
147.
Binnen Sekunden mussten die beiden heimlichen Beobachter eine Entscheidung treffen: die Männer einfach gehen lassen und nie erfahren, in welcher Absicht sie unterwegs waren, oder aber sich trennen und ihnen folgen. Und wer sollte wem folgen?
John Gowers, für den die nächtliche Straße nicht dunkel, sondern nur grau war, sah gespannt zu, wie Jason und Mr. Phineas von den Polizisten durchsucht wurden, wie sie sich trennten und davongingen. Jason rannte, während Mr. Phineas es zwar deutlich eilig hatte, aber nicht lief. Das war nicht unwichtig für all die Entscheidungen, die in diesen Sekunden fielen. Gabriel Beale war ein kluger Kopf, aber kein Läufer; Bonneterre war der Jüngere, was die zweite Frage der Belagerer beantwortete, nachdem sie die erste mit einem kurzen Blickwechsel und einem bloßen Nicken geklärt hatten.
John blickte von einem der oberen Fenster seinen beiden Freunden hinterher, schaute aber naturgemäß länger demjenigen nach, der sein Blickfeld schneller verlassen würde. Deshalb sah er, als Jason schon beinahe verschwunden war, wie ein Mann sich aus dem Schatten einer Seitenstraße löste und dem jungen Mulatten nachlief. Er sah ihn nur für wenige Sekunden, von ferne, aber die Zeit reichte, um den eleganten Kreolen zu erkennen, dem er in Maggies Etablissement schon einmal Auge in Auge gegenübergestanden hatte. Die plötzliche Aufregung, in die ihn diese Entdeckung versetzte, hinderte ihn leider daran, sich allzu sehr auf Mr. Phineas und seinen Verfolger zu konzentrieren. Gringoire sagte, dass auch dem Maschinisten jemand nachgegangen sei, aber da er nicht Gowers’ Fähigkeit besaß, im Dunkeln zu sehen, konnte er den Mann nicht beschreiben.
Mr. Phineas war es nicht gewohnt, vor jemandem davonzulaufen, vielleicht hätte er sich sonst größere Mühe gegeben, etwaige Verfolger abzuschütteln. Andererseits war es für den klugen kleinen Yankee auf seiner Fährte nicht schwer, den riesigen Mann im Auge zu behalten, auch wenn er ihm einen gehörigen Vorsprung ließ.
Desmond Bonneterre dagegen gab die Verfolgung des flinken Jungen, der sein Leben und seine Sicherheit schon öfter der Kraft seiner Füße und Beine anvertraut hatte, mit schwer und schmerzhaft pumpenden Lungen schon nach wenig mehr als drei Straßenzügen auf. Täuschte er sich, oder hatte der Mulatte auch noch gelacht, als er, der Angehörige der überlegenen, der herrschenden Rasse, stehen blieb, die Hände auf die Knie stützte, Sterne vor seinen Augen sah und nur noch ausspucken wollte, ohne die Kraft dafür zu finden? Geschlagen taumelte Bonneterre nach kurzer Überlegung ins Gates zurück, weil er keine Lust verspürte, seine Niederlage einzugestehen. Egal, welche Nachrichten es geben würde, hier würden sie ihn am sichersten erreichen. Leider kannte Jason sich mit der Maschine der Deep South nicht aus und war tatsächlich nur der Hase gewesen, der die Gegner irreführen sollte.