Выбрать главу

Er schleppte sich ins Unterholz und berichtete später, dass er von überall her noch lange die verzweifelten Hilferufe seiner verletzten Kameraden gehört hatte, ehe sie einer nach dem anderen unter den Äxten der siegreichen Feinde verstummten. Zwei von ihnen wurden jedoch von den Maori dicht an seinem Versteck vorbei nach Te Ngutu getrieben, und einer dieser beiden bettelte in einem fort um sein Leben. Der andere, Dore kannte ihn, konnte sich aber nicht mehr an seinen Namen erinnern; selbst als man ihm die Vermisstenliste vorlegte, habe nur gesagt: »Warum tötet ihr mich nicht sofort, ihr Bastarde?!«

In der folgenden Nacht, sagte er, habe er außer den Siegesgesängen der Maori auch entsetzliche Schreie aus dem Dorf ge – hört und glaubte für den Rest seines Lebens, die beiden Gefangenen seien lebendig gebraten worden. Die sehr viel später danach befragten Maori bestritten das, und was wirklich mit diesen Männern geschah, ist nie bekannt geworden.

John Gowers überlegte lange und so angestrengt, dass die ehrliche Trauer um von Tempskys Tod hinter diesen Gedanken zurücktrat. Ich habe diesen Bradley oder Fagan, oder wie immer er heißen mag, fast ständig bei mir, hatte der Deutsche geschrieben und auch, dass dieser Mann ein jämmerlicher Feigling ist.

Angenommen, er ginge nach Camp Waihi, was könnte er dort erreichen? Selbst wenn er einen Weg durch die nach der Niederlage wahrscheinlich verdoppelten Wachen hindurch fände, würde man ihn zweifellos irgendwann entdecken und als Überläufer und Deserteur füsilieren, ehe er auch nur nach James Bradley fragen konnte. Aber angenommen, auch das unterbliebe wie durch ein Wunder, was würde er tun, wenn der Mörder nicht in Waihi war? Wenn er bei von Tempsky gewesen war und die Maori ihn erwischt hatten, tot oder lebendig, weil er als Feigling keine Kugel wert war …

Das Risiko war enorm, die Wahrscheinlichkeit gering, aber er musste zumindest die Leiche des Mannes sehen, den er so lange gejagt hatte. Aber wie? Bei Nacht über ein Schlachtfeld robben, das bei Tag schon unüberschaubar war? Jeden Toten einzeln umdrehen, sich heimlich in ein Kriegslager der Maori, ins Herz ihres Aufstands schleichen? Gowers lachte verzweifelt. Und als er bei Sonnenaufgang das Messer zog, glaubte Tutange Waionui, er würde nun doch noch zerstückelt. Dann sah er zu seinem grenzenlosen Erstaunen, dass der sonderbare Pakeha sich lediglich rasierte, sah auch die Zeichen in seinem Gesicht und fragte sich, ob dieser Mann nicht doch ein Geist war.

Gowers aber tat, was Geister eher selten tun: Er zerschnitt die Fesseln seines Gefangenen und rieb wieder Leben in die über Nacht erstarrten Gliedmaßen des Jungen.

»Bring mich nach Te Ngutu o te Manu und zu deinem Häuptling!«

Als die Abenddämmerung hereinbrach, hatten die Maori die Verfolgung aufgegeben, und Roberts und Livingstone konnten ihren erschöpften Männern zum ersten Mal an diesem Tag eine Pause gönnen. Aber schon als der Mond aufging, waren sie wieder auf ihrem Weg, in einer weiten, östlichen Schleife; krochen durch Schluchten und kleine Sümpfe, rollten kraftlos steile Hänge hinunter und erreichten im Morgengrauen zu ihrer Verwunderung und nachhaltigen Freude den Pungarehu-Pfad. Gegen sieben Uhr früh standen sie am Waingongoro und hatten alle Hände voll zu tun, um die Verwundeten einzeln hinüberzuschaffen. Zwei Stunden später schleppten sie sich endlich ins Camp Waihi und überbrachten als Erste die gesicherte Nachricht vom Tod ihres Kommandeurs und von dem ungeklärten Schicksal vieler anderer Männer.

Takiora, die nicht geschlafen hatte, ging in ihr Zelt und lockte den Papagei mit kleinen Samenkörnern bis auf ihre Schulter. Eine Sekunde lang wollte sie ihm den Hals umdrehen, aber dann ließ sie zu, dass er leise, fast zärtlich sein einziges Wort in ihr Ohr flüsterte »Whakarongo!«

Als letzter Mann der Patea Field Force kam G. H. Dore vom Feldzug nach Te Ngutu o te Manu zurück. Vier Tage lang hatte er sich, ohne zu essen und in einer Art Delirium, nackt und barfuß durch den Urwald geschleppt. Er hatte keinerlei Erinnerung mehr an diese Zeit oder seinen Weg, wusste auch nicht, wie er den Fluss überquert hatte, und seine Wunde wimmelte von lebenden Maden.

149.

Nachdem sie alle Entscheidungen getroffen hatten, begann das Warten. Was es so schwer machte, war die Tatsache, dass sie selbst bestimmen mussten, wie lange es dauerte und wann der richtige Zeitpunkt da war. Die Initiative lag allein bei ihnen. Sie waren die »Angreifer«. Mr. Phineas würde mindestens zwei Stunden brauchen, um die Deep South flottzumachen. Natürlich hätten sie ihm helfen und die Sache beschleunigen können, aber sie wussten, dass sie sich exponieren würden, sobald sie das Haus verließen.

Je früher sie gingen, je länger Deborah in den Straßen, im Hafen von St. Louis unterwegs war, desto mehr Unvorhersehbares konnte geschehen. Aber je länger sie warteten, desto näher rückte die Ablösung der Polizeiwachen vor ihrer Tür heran und desto weniger Zeit hätten sie, zu entkommen. Es musste zwei Uhr in der Nacht sein, als Gringoire Deborah schließlich zunickte. Die eigentliche Flucht war dann bemerkenswert einfach.

»Hallo!? Oliver? Ollie Madsen!« Mrs. Lafflin, mit Nachthaube und Morgenmantel, war auf die Straße getreten und wandte sich direkt an die inzwischen reichlich verfrorenen Polizisten.

»Was gibt’s da?«, fragte der älteste Sohn und erste Deputy Sheriff Madsens schläfrig. »Oh! Mrs. Lafflin …«

»Hör zu, Ollie«, sagte die alte Dame mit der geradezu mütterlichen Überzeugungskraft, die sie wie selbstverständlich gegenüber einem jungen Mann hatte, der mit ihren Söhnen zur Schule gegangen war und gelegentlich sogar in der Collins Avenue 24 zu Mittag gegessen hatte. »Findest du es nicht lächerlich, wenn ihr hier draußen in der Kälte herumsitzt? In der Halle könnt ihr uns schließlich genauso gut bewachen.«

»Ich weiß nicht recht …«, sagte Oliver Madsen langsam und kratzte sich ebenso verlegen am Kinn wie sein Vater, nur mit dem Unterschied, dass er noch keinen nennenswerten Bart hatte.

»Keine Widerrede«, entschied Emma Lafflin die Sache resolut. »Ihr wärmt euch auf, bekommt einen Kaffee, und wenn ihr danach unbedingt wieder raus in die Kälte wollt, bitte schön!«

Die Deputies folgten diesem forsch-freundlichen Einladungsüberfall der alten Dame wie an der Schnur gezogen, nur der eine, der seinen Revolvergurt abgelegt hatte und ihn mit seinen klammen Händen nicht so schnell wieder an seinen Hüften befestigen konnte, blieb etwas zurück. Aber als Mrs. Lafflin stehen blieb und mit sozusagen trommelnden Fingern demonstrativ auf ihn wartete, beeilte er sich, seine Bereitwilligkeit zumindest mit einer Frage zu signalisieren: »Kann ich vielleicht auch einen Tee bekommen, Madame?«

»Clem McKenna«, sagte sie und schüttelte milde den Kopf, als sie hinter ihn trat und ihn mit langsamen Schritten zur Haustür trieb. »Immer eine Extrawurst, wie?«

»Ich vertrage doch keinen Kaffee«, murmelte McKenna entschuldigend, als er in die Halle trat – wo seine Kollegen bereits mit erhobenen Händen in die Gewehrläufe schauten, die Gowers und Gringoire auf sie gerichtet hielten.

»Nur keine Aufregung, Gentlemen«, sagte Mrs. Lafflin, nachdem sie mit Mollys Hilfe die jungen Männer entwaffnet hatte. »Hier hinein, bitte!« Sie führte ihre Gefangenen in den Salon, wo Eileen Clairborne den Kaffeetisch bereits gedeckt hatte.

»Kaffee, Milch und Kekse, meine Herren«, sagte die ehemalige Gouverneurin von Louisiana freundlich. »Nehmen Sie Platz, greifen Sie zu!«