»Was zum Teufel …«, sagte Deputy Madsen, als er sah, dass die beiden alten Damen sich bei diesen Worten bewaffneten und die Polizisten nun mit ihren eigenen Revolvern in Schach hielten.
»Oliver!«, erwiderte Emma Lafflin vorwurfsvoll. »Das ist doch wohl kein Grund, um in Gegenwart von Damen zu fluchen?!«
»Entschuldigung«, entfuhr es Madsen spontan, der sich noch immer nicht überwinden konnte, am Tisch Platz zu nehmen.
»Molly, meine Liebe«, sagte die Hausherrin, »wir haben einen Teetrinker hier. Würden Sie …«
»Aber natürlich«, antwortete Molly und ging in die Küche.
»Seien Sie doch vernünftig«, versuchte Deputy Madsen es noch einmal, aber Mrs. Lafflin richtete jetzt den Lauf ihres Revolvers direkt auf ihn.
»Oliver«, sagte sie freundlich, »ich habe in deine Wiege gesehen, und zweifellos wirst du eines Tages in meinen Sarg schauen. Aber wenn du dich jetzt nicht hinsetzt und deinen Kaffee trinkst, schieße ich dir ins Bein!«
»Aber was soll ich denn meinem Vater sagen?!«, entgegnete Oliver kläglich.
»Dass ich dasselbe mit ihm gemacht hätte!« Emma Lafflin spannte den Abzugshahn. Und als alle saßen und auch Deputy McKenna seinen Tee hatte, begann sie höflich, Konversation zu machen. »Wie geht es Ihrer Mutter, Clem? Was macht die Arthrose?«
Sie hatten sich schon vorher voneinander verabschiedet, so wie Menschen, die wissen, dass sie sich im Leben nicht mehr wiedersehen werden. Emma Lafflin war Deborah behilflich gewesen, einige Kleider ihres Mannes auszusuchen, die ihr in ihrem Zustand noch passten, und hatte dabei plötzlich eine Hand auf ihren Bauch gelegt.
»Wann ist es so weit?«
Deborah war nach all den kriegerischen Plänen, die sie an diesem Abend gemacht hatte, nicht auf eine solche Frauenfrage vorbereitet und wunderte sich selbst, dass sie bei ihrer Antwort lächeln musste: »In neun oder zehn Wochen.«
Madame Clairborne hatte bei dieser Gelegenheit die tiefen Narben auf dem Rücken der nackten jungen Frau gesehen und war wortlos in das Zimmer gegangen, in dem sie gemeinsam mit Molly noch keine zehn Minuten verbracht hatte. Auf der Treppe nahm sie wenig später John Gowers zur Seite und drückte ihm ein beachtliches Bündel Geldnoten in die Hand.
»Ich gebe es Ihnen, weil ich weiß, dass Ihre Frau es nicht annehmen würde. Ich hoffe aber, dass Sie es tun. Es ist für Ihr Kind!«
John nickte wortlos und überlegte, wo er das Geld vor Deborah verstecken könnte, bis sie auf dem Schiff und in Sicherheit waren. Während am Kaffeetisch im Salon eine nur zähe Unterhaltung in Gang kam, ging er hinaus auf die Straße, sah sich gründlich um und winkte dann den beiden anderen, ihm zu folgen.
150.
Plan gegen Plan, Voraussicht gegen Voraussicht. Gabriel Beale hatte mit insgesamt sechs seiner Männer inzwischen einen Hinterhalt angelegt, der es ihnen ermöglichte, den einzigen Weg zur Deep South mit Kreuzfeuer zu belegen. Danach war er allerdings verschwunden, wahrscheinlich um Bonneterre zu benachrichtigen, vermuteten seine Leute. Sie trugen wieder ihre geisterhaften Kapuzen und freuten sich ehrlich auf den bevorstehenden Kampf; nicht nur, weil es ein ungleicher werden würde, nicht nur, weil ihr Auftraggeber sich ihre Dienste etwas kosten ließ. Sie freuten sich auch auf das einfache, klare Geschäft des Tötens. Am liebsten hätten sie ja das Schiff gekapert, aber sie hatten eingesehen, dass ihre Gegner dann vielleicht gewarnt wären und nicht mehr auftauchen würden. Das Schiff war der Köder in ihrer Falle und musste unangetastet bleiben, wenn er ihre Beute anlocken sollte.
Probehalber suchten sie, die Gewehre im Anschlag, mit zusammengekniffenen Augen immer wieder ihr Schussfeld ab und waren dabei konzentrierter und disziplinierter, als man es ihnen aufgrund ihres rauen Äußeren zugetraut hätte. Sie warteten lange, so lange, dass sie bereits begannen, die ganze Sache mit den Augen ihrer Gegner zu betrachten.
»Wenn sie nicht bald kommen, wird es zu hell für sie werden«, sagte einer ganz ernsthaft. Einmal nahmen sie einen Betrunkenen ins Visier, der sich an exakt der Hausecke, die den Schnittpunkt ihres Hinterhalts bildete, vermutlich mit einem weniger kräftigen Strahl erleichtert hätte, wenn er auch nur geahnt hätte, dass dabei sechs Gewehre auf ihn gerichtet waren. Vom Fluss her hörten sie irgendwann den leisen Gesang eines Flößers.
»Baissez-vous, montagnes,
Haussez-vous, vallons!
M’empêchez de voir
Ma mi’ Madelon.«12
Und als sie sich umdrehten, bemerkten sie das dazugehörige Floß, das langsam von Norden heruntertrieb. Ein kleines Feuer brannte darauf, um das diejenigen mit den besten Augen eine, zwei, drei dunkle Gestalten sitzen sahen. Uninteressiert wandten die Mörder sich ab und ihre inzwischen schmerzhaft gesteigerte Aufmerksamkeit wieder der Straße zu.
Erst als sie nach einigen Minuten den leisen Aufprall des Floßes am Schiff und in ihrem Rücken hörten, erkannten sie ihren Fehler. Aber es war niemand da, der sie neu instruierte, und so beobachteten vier von ihnen weiter den Zugang zum Pier, während zwei vorsichtig nachsehen gingen, was sich an der Flussseite der Deep South tat.
Sie waren nach Norden gegangen, ohne von irgendjemandem gehindert oder auch nur gesehen zu werden, hatten einen großen Bogen um den Hafen geschlagen und schließlich ein kleines Stück oberhalb der Stadt die Stelle erreicht, an der die ärmeren oder geizigeren Flößer haltmachten, um die Liegegebühren zu sparen.
Zu Deborahs und Gringoires Überraschung – denn eigentlich hatten sie einen einfachen Diebstahl geplant – zog John Gowers einige Banknoten hervor und kaufte einem hageren, schwindsüchtigen Mann und seiner sechsköpfigen Familie ihr Floß beinahe schneller ab, als die darauf schlafenden Kleinkinder geweckt werden konnten. Binnen Minuten hatten sie alles zusammengepackt, was sie besaßen, und standen schlaftrunken und an ein nächtliches Wunder glaubend am schlammigen Ufer.
Deborah hörte noch, wie eine Frauenstimme den Mann auszankte: »Die hätten noch mehr ausgespuckt!«, aber dann hatten sie die kleine Anlegestelle schon achteraus. Gringoire entzündete das Feuer, und sie trieben noch nicht lange den Fluss hinunter und auf den Hafen zu, als Gowers die Deep South auch schon ausgemacht hatte. Es war Gringoire, der das einfältige Liedchen sang, um jeden noch so geringen Verdacht abzulenken, dann brachte John sie mit wenigen Schlägen des Ruders längsseits des alten Dampfers, und sie kletterten an Bord, ohne dass sich an Land etwas gerührt hätte.
Flüsternd befahl John dem über das vollständige Gelingen ihres Plans nicht im Geringsten verwunderten Maschinisten, Dampf vorzulegen, und schlich dann geduckt die Treppe zum Texasdeck hoch. Gringoire wartete nur auf sein Signal, um die Leinen loszuwerfen, und Deborah hielt sich backbord, auf der Flussseite, der im Augenblick sichersten Stelle.
»Scheiße!«, ertönte in diesem Moment eine Stimme vom Ufer her. »Hierher, Jungs! Sie sind an Bord, sie sind schon an Bord!«
Ein einzelner Schuss fiel, und Gringoire wartete jetzt nicht mehr länger, sondern sprang an Land und löste das Schiff vom Pier, zuerst achtern, dann vorn. Die Maschine erwachte im gleichen Moment, Gowers legte das Ruder um, und der alte Pirat drückte mit der Laufplanke das Schiff vom Ufer weg. Dabei begann eine wilde Knallerei, die größtenteils dem Steuerhaus galt.