Deborah, nicht gewohnt, sich vor einer Gefahr zu verstecken, lief auf die Steuerbordseite, sah flüchtig einige schattenhafte Gestalten mit gespenstisch weißen Gesichtern auf das Schiff zulaufen und registrierte auch, dass Gringoire in seiner anstrengenden Tätigkeit eine Sekunde lang stockte. Der alte Mann fühlte, dass er getroffen war, stieß das freikommende Schiff aber noch ein paar Zentimeter weiter ab und sprang erst im letzten Moment. Hilflos klammerte er sich mit beiden Händen von außen an die Bordwand und wurde noch zweimal getroffen, während das große Heckrad sich in Bewegung setzte und die Deep South Meter um Meter auf den Fluss hinausschob.
Mit letzter Anstrengung und der Hilfe des Mädchens zog sich Gringoire schließlich an Deck. Blut lief aus seinem Mund, in seinen weißen Bart, strömte über seine Lippen, als er sagte: »Du … du wirst loten müssen!«
Das Johlen vom Ufer her wurde leiser, die Mörder feuerten nicht länger auf das Steuerhaus, sondern nur noch auf das weiße, vom Schaufelrad aufgewühlte Wasser – das Letzte, was man in St. Louis von John Lafflins Schiff sah. John Gowers blickte jetzt zum ersten Mal zurück und bemerkte, dass überall im Hafenviertel Lichter aufflammten, die ganze Stadt aufwachte und sich vermutlich fragte, ob der Bürgerkrieg endlich ausgebrochen sei.
Deborah aber hatte, als sie nach achtern lief, um John von Gringoires Verwundung zu informieren, die unheimlichste Begegnung der ganzen Nacht. Plötzlich stand ein unbekannter Mann vor ihr, ein bloßer Schatten, klein und dunkel, dessen Gesicht und Hände schwarz waren, als hätte er nach Kohle gegraben. Sie hob den schweren Revolver und sah nur das flackernde Weiß in seinen Augen und sein geblecktes Gebiss, als er sagte: »Nicht schießen, Miss, bitte! Ich verschwinde, ich bin schon weg!« Praktisch im gleichen Moment ließ er sich über die Backbordseite ins Wasser fallen.
Sie hatte keine Zeit, lange über diesen Menschen nachzudenken oder sich zu fragen, was er an Bord gesucht hatte; Gringoire lag im Sterben. Alles, was sie für ihn tun konnten, war, ihn so bequem wie möglich hinzulegen, vorn am Bug, wo er gefallen war. Deborah hielt kurz seinen Kopf im Schoß und sah, dass er lächelte. Dann musste sie nach den Lotleinen suchen, während John wieder ans Steuer ging.
Er hatte sich immer gewünscht, auf dem Wasser zu sterben, auf dem Meer, wenn möglich. Aber wenn es denn nur ein Fluss sein sollte, voilà, dann war der Mississippi vermutlich besser als jeder andere. Er hörte die Stimme des Mädchens die Tiefen aussingen und wusste, dass sie gute Fahrt machten. Irgendwann sah er die Nebelbank auf sich zukriechen, den Atem des Flusses, schon nicht mehr grau, sondern weiß. Das war gut. Dann war der Tag nahe.
151.
Der Morgen nach dem großen Sieg war windstill und ungewöhnlich warm für einen Tag im letzten Monat des südlichen Winters. Seit Sonnenaufgang waren die Frauen und alten Männer damit beschäftigt, die Leichen der getöteten Feinde aus dem Busch zum Marae, dem großen Versammlungsplatz in der Mitte des Dorfes, zu schleppen, während die Krieger sich ausruhten und für die Siegeszeremonie schmückten. Die schwere Arbeit hatte unter Singen und Scherzworten begonnen, aber als immer mehr ausgeblutete, über Nacht erstarrte Körper eingeholt wurden, wich das Lachen einem zwar nicht bedrückten, aber doch respektvollen Ernst.
Es waren junge, starke Männer, die sie fanden, und ihre Augen waren fast alle geöffnet, so, als hätten sie bis zuletzt nicht an ihren Tod geglaubt. Einige waren bereits nackt und von Axthieben gezeichnet; einem hatte man das Herz herausgeschnitten. Aber auch die, die man erst jetzt fand, hatten sich die Uniform oder Teile davon heruntergerissen, vielleicht, um festzustellen, wo die Kugeln sie getroffen hatten. Als die Sonne höher stieg, schwärmten auch die Kinder, die man aus dem Eulennest geholt hatte, auf dem Schlachtfeld aus, um liegen gebliebene Waffen und Munition bis auf die letzte Patrone zu bergen.
Es war Mittag, ehe alles getan war und die Zeremonie beginnen konnte. Titokowaru, in den sauber gebürsteten dunklen Anzug eines britischen Gentlemans gekleidet, trat aus seiner Hütte und überblickte seinen Triumph: zweiundzwanzig komplett entkleidete Leichen, ausgelegt wie eine Strecke Wildschweine, einen großen Berg, bestehend aus ihren Kleidern, Stiefeln, Hüten, Decken, Rucksäcken, Zeltbahnen; einen kleineren, den ihre persönliche Habe, Brieftaschen, Uhren, Brillen, Tagebücher und so weiter, bildete, und ihre Waffen, die man zusammengebündelt hatte wie Heugarben.
Es begann nun ein langes, aufgeregtes Korero, die öffentliche Diskussion und Entscheidung darüber, was mit den Toten geschehen sollte. Einige wollten sie essen, insbesondere den Kör – per von Manu-Rau, um seiner Kraft teilhaftig zu werden, aber Titokowaru lehnte das ab. Er trat zu der Leiche des auf der gesamten Nordinsel so sehr gefürchteten Kriegers und hielt ihm eine etwas bemühte Totenrede.
»In den Tagen der Vergangenheit hast du hier gekämpft und dort gekämpft und dich immer gerühmt, dass du sicher aus den dunklen Schlachten zurückkehren würdest in die strahlende Welt des Lebens. Aber als du auf mich trafst, haben deine Augen sich geschlossen zu ihrem letzten Schlaf. Es ließ sich nicht ändern: Du suchtest den Tod in meiner Hand, und jetzt schläfst du für immer …«
Er war bis zu dieser Stelle gekommen und so in den Anblick des Toten versunken, dass er erst jetzt bemerkte, dass die Aufmerksamkeit seiner Leute von etwas abgelenkt wurde, das sich jenseits der Palisade befand.
»Pakeha! Pakeha!«, rief der Wachtposten, einer der jungen Burschen, die sich gestern so gut bewährt hatten, und fügte dann entsetzt etwas völlig Lächerliches hinzu: »Es ist Manu-Rau! Manu-Rau kommt zurück!«
Die Menge wälzte sich mit einem Aufheulen zum Tor, um den wiederkehrenden Manu-Rau, dessen Leiche sie doch gerade noch umstanden hatte, in Augenschein zu nehmen, und die Krieger holten ihre Waffen, um ihn im Bedarfsfall noch einmal zu töten. Tatsächlich wurden einige Gewehre angelegt, aber der Wachtposten schrie plötzlich: »Er hat Tutange Waionui bei sich!« Der junge Mann zitterte. Wenn dies der Geist Manu-Raus war, dann war vielleicht auch sein Freund Tutange ein Geist – und notwendigerweise zuvor gestorben!
Auch Titikowaru schaute jetzt auf die Lichtung hinaus, und wahrhaftig, am Waldrand stand ein einzelner weißer Mann, der Manu-Raus Gestalt hatte und Kleider trug, wie man sie seiner Leiche ausgezogen hatte. Einen Augenblick stutzte der Häuptling, dann sagte er mit mildem Spott: »Ich sehe mit einem Auge besser als ihr alle mit zweien! Der Mann ist nicht Manu-Rau.«
Aber wenn er nicht Manu-Rau und auch kein Geist war, wer oder was war er dann? Ein Abgesandter McDonnells, der über die Herausgabe der Leichen verhandeln sollte? Dann hätte er zumindest eine Parlamentärsflagge zeigen müssen. Der Mann tat nichts dergleichen, legte nicht einmal seine Waffen ab, sondern überquerte ruhig und bedächtig an der Seite des jungen Tutange Waionui die Lichtung, wobei er lediglich bemüht zu sein schien, die Maori jederzeit seine Hände sehen zu lassen.
Die Krieger honorierten so viel Mut, indem sie nicht auf den Mann feuerten, ihm aber in einem furchterregenden Haka zeigten, was sie alles mit ihm machen würden, wenn umgekehrt er auf sie anlegen sollte. Ohne dass ein Wort gesprochen wurde, betrat der Mann das Pa und blieb erst vor Titokowaru stehen, den er aufgrund seines grimmigen Äußeren, des fehlenden Auges und der schrecklichen Narbe auf der Stirn als den Anführer der Rebellen erkannte.
»Guten Tag«, sagte John Gowers trocken.
Der Häuptling musterte ihn von oben bis unten, wobei er wegen seiner Einäugigkeit den Kopf auf seltsame, vogelartige Weise bewegte, und fixierte dann das Moko im Gesicht seines Gegenübers.