»Sterne und Strömungen, die Wolken und den Wind kenne ich!« Titokowaru sah dem seltsamen Besucher jetzt genau in die Augen. »Ist das so?«
»Ja.«
»Woher haben Sie diese Zeichen?«
»Te Kooti Arikirangi Te Turuki ließ sie in mein Gesicht schneiden, weil ich ihn über das Meer gebracht habe.«
Erstauntes Gemurmel erhob sich, und die Krieger, die bisher ihre Waffen drohend vor, hinter und neben Gowers geschüttelt hatten, standen still wie ein Mann. Te Kooti! Te Kooti Arikirangi, der Prophet, der von Chatham geflohen war, die Pakeha genarrt hatte, der Zerstörer von Matawhero, der Bezwinger der Ostküste, schickte ihnen einen Boten! Das war eine große Nachricht.
»Was tun Sie hier?«, fragte Titokowaru, mit einem Mal steif und ein wenig unsicher wie ein Regierungschef, der mitten in einer Wahlkampfrede von seinen diplomatischen Verpflichtungen eingeholt wird.
»Ich suche einen Mann«, antwortete Gowers, »der in der Patea Field Force gekämpft hat, und hoffe, ihn hier zu finden.«
»Wie ist Ihr Name?« Titokowaru gewann wieder an Sicherheit und erinnerte sich daran, dass auch er seit gestern ein Sieger war.
»Mein Name ist John Gowers.«
»Nun, Mr. Gowers«, sagte der Häuptling, und der Anflug eines ironischen Lächelns zuckte in seinem verwüsteten Gesicht, »die Ehrengäste unserer kleinen Siegesfeier finden Sie hier drüben.«
Die Maori lachten über diesen gelungenen Scherz, immer noch aufgekratzt vom Kämpfen und Töten des vergangenen Tages. Die nervöse Anspannung wich wieder der Fröhlichkeit und dem Stolz auf ihren Triumph, während Gowers langsam die Reihe der so gnadenlos zur Schau gestellten Körper abschritt. Mit einigen dieser Männer war er auf einem Schiff gefahren, hatte er Flüsse, Gebirge und schließlich den furchtbaren Buschwald durchquert. Aufmerksam studierte er ihre Gesichter, blieb aber nur bei der Leiche des Mannes, dessen Kleider und Stiefel er trug, mit dessen Frau er geschlafen hatte, kurz stehen und senkte den Kopf. Das war sein Abschied.
Als Gowers am Ende der Reihe angekommen war, fragte Titokowaru: »Ist der Mann, den Sie suchen, darunter?«
»Nein«, sagte Gowers und dachte bereits darüber nach, wie er aus der sonderbaren und gefährlichen Situation wieder herauskommen würde.
»Dann erlauben Sie, dass wir zunächst mit unserer Zeremonie fortfahren!?«
Wieder war da diese leichte, bedrohliche Ironie, und Gowers beeilte sich zu sagen: »Selbstverständlich!« Dann trat er zurück und fing an – von vielen wachsamen Augen beobachtet –, die Pfeife zu stopfen, die Emilia von Tempsky ihm geschenkt hatte.
Er sah ein nahezu urzeitliches Ritual. Jeder Krieger, der gestern einen Feind getötet hatte, trat zu der Leiche des Mannes und schilderte in kurzen oder auch längeren Worten, wann und auf welche Weise sein Tod vonstattengegangen war. Dabei gab es einige Male Meinungsverschiedenheiten, weil mehrere Schützen offenbar dasselbe Ziel getroffen hatten und sich nun über den Besitz der Kleider und Waffen des Verstorbenen einig werden mussten. Insbesondere um die Ehre, Manu-Rau getötet zu haben, stritten sich gleich drei Männer, unter ihnen der junge Tutange.
Der Preis wurde schließlich einem alten Veteranen namens Te Rangi Hinakau zugesprochen, der im Gegenzug für diese hohe Auszeichnung jedoch großherzig auf Waffen und sonstige Habe des Getöteten verzichtete. Von Tempskys Revolver erhielt daraufhin zu seiner großen Freude Tutange Waionui, den berühmten gebogenen Säbel und das Tagebuch Manu-Raus nahm der Häuptling selbst an sich.
Danach wurden die Leichen an die einzelnen beteiligten Stämme verteilt, wozu Titokowaru mit einem Stock auf sie deutete: »Diesen für Taranaki! Diesen für Ngarauru! Diesen für Ruanui!« Das versammelte Volk beantwortete jeden dieser rituellen Besitzansprüche mit einem lang gezogenen »Ko Hara! – Besiegt!«. Anschließend trübte sich die gemeinschaftliche Freude ein wenig, weil die Frage des Verspeisens der Feinde noch immer unterschiedlich beantwortet wurde.
Vor allem die Ngarauru, die selbst viele Gefallene zu beklagen hatten, und unter ihnen insbesondere Katene, der seinen Sohn verloren hatte, bestanden darauf, mindestens einen Pakeha zu kochen und zu essen. Titokowaru, der die Leichen den Stämmen bereits formell übergeben hatte, gestand ihnen das schließlich zu, und Katene wählte einen Mann, den er in seiner Zeit bei der Patea Field Force gut gekannt hatte. Die über ihre Verluste aufgebrachten Ngarauru schleiften das Opfer an den Knöcheln hinter eine der Hütten, wo ein entsprechender Ofen bereits aufgebaut war.
Für die Übrigen ließ Titokowaru einen Scheiterhaufen von fünf Metern Durchmesser und einem Meter Höhe errichten; nicht in Te Ngutu o te Manu selbst, sondern auf einer nicht allzu weit entfernten benachbarten Lichtung, damit der Brandgeruch nicht in die Hütten zog. Vor allem die Kinder waren nun eifrig damit beschäftigt, den Wald nach trockenem Holz für ein so großes Feuer zu durchkämmen. Das Letzte, was Gowers von den Leichen sah, war, dass sie durch Schmutz und Staub aus dem Dorf gezogen wurden wie Hektor aus dem großen alten Lied.
Er selbst wurde zwar nicht offiziell unter Arrest gestellt, aber nicht weniger als sechs bewaffnete Männer, die sich sehr zu ärgern schienen, weil ihnen dadurch das Schauspiel der Verbrennung entging, bewachten jede seiner Bewegungen. Eine Stunde später sah er eine dicke Rauchwolke über dem Wald von Ahipaia in die nahezu bewegungslose Luft steigen, wo sie noch lange die Form einer schlanken, endlos hohen Säule behielt, ehe Tawhiri-matea, der Gott des Windes und der Stürme, sie schließlich doch auflöste.
152.
Als in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Flussbett des Mississippi allmählich auf seiner ganzen Länge begradigt, eingedämmt und eine ständige Fahrrinne ausgebaggert wurde, verschwanden die letzten der alten Orientierungsmarken und Points, an denen sich einst jene Raddampfer entlanggetastet hatten, die jetzt nur noch als besondere Touristenattraktion eingesetzt wurden. Einige dieser Namen hielten sich jedoch und schafften es, vor allem als Bezeichnungen für Altarme und Bayous, sogar bis auf moderne Straßenkarten.
Nicht so eine kleine Sandbank namens Deep South, die irgendwo zwischen Crystal City und der Einmündung des Kaskaskia River vor einem Inselchen auf der Illinois-Seite lag. Es war eine junge Sandbank, erst irgendwann um die Jahrhundertwende aus den trüben Fluten aufgetaucht wie der blanke Schädel eines Walgerippes, und weil sie weit abseits aller bekannten Fahrrinnen lag, erlangte sie nie irgendeine Bedeutung. Kurios war sie eigentlich nur wegen ihres Namens, denn der tiefe, der echte Süden begann erst runde hundert Meilen weiter flussabwärts. Und nur noch die ältesten Schiffer, Lotsen und Flößer wussten oder vermuteten zumindest, dass sie ihren ungewöhnlichen Namen wahrscheinlich trug, weil irgendwo weit unten im toten Sand, den der Mississippi darüber zusammengeschoben hatte, das Wrack eines Schiffes lag, das einmal Deep South geheißen hatte.
Viele der alten Namen verdankten sich solchen Wracks; aber die riesigen Schwimmbagger rissen jetzt binnen Minuten alles aus seinem Grund, eiserne Maschinenmäuler zerkleinerten Holz, Wurzeln, sogar im Flussbett wandernde Felsbrocken zu einer einzigen schlammigen Masse und spuckten sie ans Ufer, wo eine neue Generation Menschen Deiche und Dämme aus ihnen baute.
Deborah hatte noch immer keine Zeit gehabt, John oder Mr. Phineas gegenüber den unheimlichen kleinen Mann zu erwähnen, dem sie an Deck begegnet und der so schnell über Bord gesprungen war. So schnell, dass sie sich ernsthaft fragte, ob sie sich diese Begegnung nur einbildete. Tatsächlich hatte sie John überhaupt nicht mehr gesehen, seit Gringoire gestorben war, nur seine Stimme gehört, die sie mit immer neuen Befehlen vom Bug zum Heck und wieder zurück scheuchte: »Backbord vorn? Steuerbord achtern? Steuerbord vorn?«