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John Gowers hatte sich noch einmal gründlich abgesucht und dabei etwas gefunden, was er vorhin übersehen oder einfach nicht als brauchbares Werkzeug erkannt hatte: seine kurze, schwarz gerauchte Tonpfeife, die er auf einem Stein vorsichtig so zerschlug, dass der Pfeifenstiel wie ein kleines Stichmesser benutzt werden konnte.

Es war eine grauenhafte Arbeit, an der seine Stärke beinahe zerbrochen wäre und die er nur aushielt, weil er irgendwann die heftige, verzweifelte Bewegung in Deborahs Bauch spürte und wusste, dass er nicht allein war. Da war so viel mehr Blut, als er erwartet hatte, aber als die Haut, die Muskeln, das Bauchfell durchtrennt waren, wurde das Blut plötzlich wässrig, und er wusste, dass er die Fruchtblase zerstört haben musste.

Mit einer Hand spreizte er die klaffende Wunde im Leib seiner Frau, mit der anderen griff er hinein, ertastete vorsichtig ihre Eingeweide und fühlte dann, wie eine winzige Hand sich um einen seiner Finger schloss. Als er wusste, wie und wo das Kind lag, arbeitete er wilder und rücksichtsloser und erweiterte die grausige Öffnung in Deborahs Bauch, bis er es fassen konnte. Er fühlte ihr Rückgrat, als er seine Hand unter das Kind schob und es herauszerrte.

Seine Augen waren weit offen, aber es schrie nicht, atmete auch nicht, und erst als John mit dem Finger in die kleine Mundhöhle fuhr, hustete es leise, spuckte blutigen Schleim, und dann kam endlich ein erster Atemzug. Es war ein Mädchen. John zog sein Hemd aus und rieb damit die gelbliche, käsige Substanz ab, mit der das Kind bedeckt war. Dabei wickelte er auch die Nabelschnur ab und durchtrennte sie wahrhaftig mit seinen Zähnen wie ein wildes Tier. Auf seinen Lippen schmeckte er das Blut, das Deborah und das Kind so lange geteilt hatten.

Zum ersten Mal seit über zwei Stunden sah er sich jetzt in der Absicht um, festzustellen wo er überhaupt war und wohin er gehen würde. Es waren noch mindestens zwanzig Meilen bis Chester und zu der Anlegestelle von Gringoires Farm. Er musste von der kleinen Insel herunter, zum Illinois-Ufer, vermutlich auch noch den Kaskaskia überqueren – aber ehe er all das tat, musste er Deborah unter die Erde bringen.

Er zog der Leiche die blutige Kleidung vollends aus und wickelte seine Tochter, so gut es ging, darin ein. Dann zerriss er sein Hemd in schmale Streifen und verband damit die riesige Wunde. Nur kurz suchte er nach einer geeigneten Stelle und fand eine kleine Lichtung, auf der weder Wurzeln noch Fels seine Arbeit unmöglich machen würden. Der Boden war weich und feucht, dennoch brauchte er fast eine Stunde, um mit den bloßen Händen ein flaches Grab auszuheben. Anschließend trug er Deborah auf seinen Armen bis auf die Lichtung und legte sie nackt in die Erde. Ohne eine Träne zu vergießen, bedeckte er sie mit dem lockeren Aushub und hielt nur noch einmal kurz inne, um sich die Stelle für alle Ewigkeit einzuprägen.

Mit dem Kind, das er hoch über seinen Kopf hielt, überquerte John Gowers den schmalen Flussarm zum Ostufer. Er musste nur an zwei Stellen schwimmen, hatte aber große Schwierigkeiten, an der steilen Böschung eine geeignete Stelle zu finden, um an Land zu kommen. Einmal rutschte er ab und fiel ins Wasser zurück, wobei auch das Bündel nass wurde, das er umklammert hielt. Er vergewisserte sich, dass die Kleine noch atmete, küsste sie und versuchte es dann an einer anderen Stelle noch einmal.

154.

Die Nachricht vom Tod Manu-Raus und von der vernichtenden Niederlage der Pakeha verbreitete sich unter den Stämmen im Busch schneller und weiter als der Rauch darüber, und schon am Abend trafen erste kleine Gruppen neuer Verbündeter in Titokowarus Lager ein. Der Häuptling der Ngaruahine hatte deshalb alle Hände voll zu tun, und erst spät in der Nacht ließ er den sonderbarsten seiner Besucher noch einmal zu sich rufen.

Gowers war auf der Hut, als die Männer ihn aus dem Dorf hinaus in den Busch führten, und erwartete, jeden Moment einen Schlag über den Schädel zu bekommen. Dann bemerkte er jedoch einen schwachen rötlichen Schimmer zwischen den Bäumen und wusste, dass er zu dem niedergebrannten Scheiterhaufen gebracht wurde, aus dessen Asche noch hier und da die rote Glut funkelte wie die Augen eines vielköpfigen Raubtiers. Sein ungewöhnliches Sehvermögen löste die niedrigen Schatten davor zu den Silhouetten einer auf dem Boden sitzenden Gruppe von Männern auf, die leise miteinander redeten. Einer von ihnen erhob sich, trat zu ihm hin und schickte die Wachen weg. Gemeinsam gingen sie ein paar Schritte am Rande der Lichtung, fort von den anderen, und Gowers, noch immer bewaffnet, erkannte, was er am Nachmittag nur geahnt hatte: dass Riwha Titokowaru ein Mann ohne jede Furcht war.

»Haben Sie zu essen bekommen, Mr. Gowers?«, fragte der Häuptling.

»Ich habe keinen Appetit, Sir«, antwortete der Investigator, dem man im Dorf etwas Gebratenes angeboten und der dankend abgelehnt hatte, weil er nicht wusste, woher das Fleisch stammte.

»Ich verstehe«, sagte Titokowaru und ahnte nicht, dass Gowers sehr wohl das wilde Grinsen sah, das dabei über sein Gesicht huschte. Die Augen dem niedergebrannten Feuer zugewandt, ließ der Häuptling sich auf dem Boden nieder und lud seinen Gast mit einer flüchtigen Handbewegung ein, vor ihm Platz zu nehmen. »Und nun erzählen Sie mir Ihre Geschichte, Mr. Gowers!«

Es dauerte die halbe Nacht, denn er ließ nichts aus, nicht seinen Hass auf Te Kooti, nicht seine Freundschaft für von Tempsky, nicht einmal die Nacht mit Emilia. Was Titokowaru jedoch am stärksten zu interessieren schien, waren die Geschehnisse in Melbourne, der Tod der Kinder und ihrer Mutter und die seltsame, dunkle Rache, die Gowers über Meere und durch Urwälder bis nach Te Ngutu o te Manu getrieben hatte.

»Wie wollen Sie den Mörder erkennen, wenn Sie ihn sehen?«, fragte der Häuptling.

»Unter den Fingernägeln des geschändeten Mädchens war Blut. Er muss eine tiefe Narbe haben.«

Titokowaru nickte bedächtig. »Geben Sie mir das Messer«, sagte er dann, und Gowers reichte ihm die Klinge, die Poll Hunley und den kleinen Jonathan getötet hatte. Der Häuptling nahm das Messer des Mörders an sich, stand dann aber ohne ein weiteres Wort auf und streckte seine erstarrten Glieder. Er trat zu den glimmenden Resten des großen Feuers und pisste hinein. Zischend erloschen die letzten Funken seiner erschlagenen Feinde, und weißer Rauch umspielte seine Beine.

»Es ist spät geworden. Ich bin müde«, sagte er, und auf einen Wink hin erhoben sich nun auch seine Männer und gingen zurück ins Dorf. Gowers wurde unter Bewachung in eine gesonderte Hütte gebracht. Er hatte sich vorgenommen, nicht zu schlafen und am nächsten Tag nach Camp Waihi aufzubrechen. Was er dort tun würde, tun könnte, wusste er immer noch nicht und hatte lediglich den vagen Plan, irgendwie Kontakt zu Takiora aufzunehmen – falls sie überhaupt dort war und man ihn überhaupt freiließe.

Bei Sonnenaufgang fiel er aber dennoch in den kurzen, einstündigen Schlafrhythmus, den er sich auf seiner langen Reise angewöhnt hatte, das heißt, er erwachte jeweils nach einer Stunde, vergewisserte sich, dass alles in Ordnung war, und nickte dann für eine weitere Stunde ein. Es mochte gegen acht Uhr am Morgen sein, als vereinzelte Schüsse ihm den Schlaf endgültig aus den Augen trieben. Er lauschte, aber der Lärm war nicht kriegerisch und klang auch nicht nach einer Jagdpartie. Offenbar war eine Art Scheibenschießen im Gange, nur wer schoss und auf was geschossen wurde, sah er auch dann nicht, als er die Hütte schließlich verließ.

Seine Wachen waren abgezogen worden und das Dorf nahezu leer. Nur ein paar Alte waren zurückgeblieben und kümmerten sich um die Dinge des täglichen Bedarfs, flickten Kleidungsstücke, spalteten Holz und bewachten ein Dutzend Schafe und Ziegen, die das spärliche Grün rings um die Hütten abgrasten und keiner Bewachung bedurft hätten. Die restlichen Bewohner fand Gowers jenseits der Palisade und auf der großen Lichtung als Zuschauer bei einem Schauspiel, das er zunächst nicht verstand.