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Längst hatte er das Geschäft seinem ältesten Sohn übertragen, pflegte aus purer Liebhaberei seine rhetorischen Künste und trat fast nur noch bei den bedauernswerten Sklaven seiner Familie in eine bescheidene ärztliche Erscheinung. Noch immer war er dabei der Ansicht, dass es kein Leiden des Körpers oder der Seele gäbe, das sich nicht durch einen kräftigen Einlauf lindern ließe. Erst in jüngster Zeit, auf seine alten Tage, hatte er außerdem die üble Gewohnheit angenommen, bei entsprechend guten Gelegenheiten auch die Geschlechtsreife seiner jugendlichen Patienten und Patientinnen persönlich auf die Probe zu stellen.

Seine philologische Tätigkeit beschränkte sich inzwischen auf Übersetzungsversuche der Carmina Priapeia, die er insgeheim allerdings so gelungen fand, dass er sogar von einer – selbstverständlich anonymen – Veröffentlichung zu träumen wagte. Aber auch zu eigenen Versen ließ Doktor Lemuel Willard sich noch gelegentlich hinreißen, wobei er am reichlich unpoetischen Sujet der Zote seine Beredsamkeit zu schulen glaubte.

»Wie glücklich ist ein Hintern, der gut geschissen hat«, murmelte er deshalb frei assoziierend und auf der Suche nach passenden Reimwörtern vor sich hin, als er an diesem Tag die abgelegenste Ecke seiner Pflanzung aufsuchte, um wieder einmal den Gesundheitszustand des Jungviehs zu kontrollieren und einem Feldarbeiter auf die Beine zu helfen, der sich angeblich den Fuß verstaucht hatte, in Wirklichkeit aber wohl nur faul genug war, seit zwei Tagen nicht zur Arbeit zu erscheinen.

Ein weißer Landstreicher, ein erbärmliches, besitzloses Geschöpf, hatte sich von dem erkrankten Nigger tatsächlich als Botenjunge gebrauchen lassen und den Doktor bestellt. Überall im Süden gab es solche Männer, manchmal verarmte Kleinfarmer, aber häufiger bloße Müßiggänger und Vagabunden, die sogar von den Sklaven verachtet wurden. Die Ritter des Südens betrachteten diesen Abschaum ihrer Gesellschaft als die niedrigste Stufe der menschlichen Existenz. Jesus Christus! Was blieb denn schon von einem Mann übrig, der seinen Stolz verloren hatte?! Man gab ihm ein paar Pennys und jagte ihn vom Hof.

Lemuel Willard war deshalb sehr erstaunt, den Mann plötzlich noch einmal auf seinem Weg zu entdecken, und noch überraschter, dass er eine Pistole auf ihn richtete.

»Steigen Sie ab, Sir!« Die Stimme klang weniger brüchig und alkoholgetränkt als noch am Nachmittag zuvor, und Doktor Willard fragte sich für eine Sekunde, ob und wo er diese Stimme schon einmal gehört hatte. Der Mann in seinen abgerissenen Kleidern, mit seinem verwilderten Bart, kam ihm jedenfalls nicht bekannt vor, und ein anderer Gedanke verdrängte auch sofort jene erste Frage, während er gehorsam von seinem Pferd stieg. Konnte es sein, dass eines dieser niedrigen Geschöpfe doch noch einen Funken Stolz besaß und sogar straßenräuberische Initiative entwickelte? Hatte er die Tatsache, dass der Arzt allein unterwegs sein würde, als günstige Gelegenheit erkannt? Oder hatte er diese Gelegenheit vielleicht sogar selbst herbeigeführt? Wenn dem so war, musste man ihn ernster nehmen, als es einem Mann, der eine Schusswaffe auf einen richtet, ohnehin zusteht.

»Es tut mir ehrlich leid, dass ich kein Geld bei mir habe, mein lieber Mann«, sagte Willard deshalb. »Aber wenn Sie die Waffe wegnehmen und mit mir zum Haus zurückkehren, wäre es mir eine Ehre, Ihnen mit Barmitteln auszuhelfen. Die Summe dürfte allerdings eine vernünftige Höhe nicht übersteigen«, fügte er einschränkend hinzu, um die Ehrlichkeit seiner Absichten deutlich zu machen. Er bemühte sich sogar um ein Lächeln, das jene Mischung aus Besorgnis und Wohlwollen darstellen sollte, die Medizinern so gut zu Gesicht steht. Zu seiner Bestürzung sagte der Mann jedoch nur: »Ich brauche kein Geld«, und führte das Pferd in den dichten, niedrigen Wald neben der Straße.

Auf dem Weg zum Flussufer wuchs Lemuel Willards Angst zu nahezu offener Panik. Er wusste nicht, was dieser sonderbar ruhige, fast kalte Mensch von ihm wollte, außer dass es offensichtlich auch nicht sein Pferd war. Was ihn so sehr beunruhigte, war die einfache Überlegung, dass er einen Mann, der kein Geld wollte, auch nicht kaufen konnte, also nicht mehr den Universalschlüssel des Lebens in der Hand hielt, den die Besitzenden immer zu haben glauben. Gleichzeitig wurde ihm mit jedem Schritt klarer, wie ungeheuer nahe die Abgründe der Wildnis neben den fest gegründeten Säulen der Zivilisation liegen.

Er war auf seinem eigenen Grund und Boden, keine Stunde vom Herrenhaus entfernt, wo zwei Dutzend Diener auf einen bloßen Wink seiner Hand hin all seine Wünsche erfüllen würden. Polizei, Rechtssystem, Religion und all die Regeln, die seine, die herrschende Klasse aufgestellt hatte, um weiter und immer weiter herrschen zu können, waren plötzlich unendlich weit weg und bedeutungslos, und nur der Fingerdruck eines Wahnsinnigen trennte ihn noch von der dunklen Seite. Es war empörend – und dennoch wagte er nicht, sich zu empören.

»Hören Sie«, begann Lemuel Willard erneut, und nackte, ehrliche Angst beherrschte die Stimme des zungenfertigen Mannes, als er auf einen scharfen Befehl des anderen stehen bleiben musste. »Überlegen Sie sich gut, was Sie tun …«

»Das tue ich, Sir«, antwortete John Gowers, der allerdings sehr lange und gründlich über das nachgedacht hatte, was er tat und tun würde. Eine Stunde später wusste er, was er wissen wollte, kannte alle Zusammenhänge, die zur Schlacht von Barataria, zum Tode Lafflins, zur Explosion der Deep South und dem geführt hatten, was danach geschehen war. Er kannte nun auch endlich den Namen zu dem bösartigen Gesicht, an das er sich so gut erinnerte: Desmond Bonneterre.

An der Erleichterung des Arztes darüber, dass er sein Leben anscheinend durch ein paar kleine Informationen retten konnte, las Gowers ab, dass der Mann die Wahrheit sagte, und kam jetzt zum zweiten Teil seines Plans. Er holte Federhalter, Tinte und Papier aus seinem Bündel.

»Schreiben Sie, Sir!«

»Ich verstehe nicht ganz«, sagte Willard, schrieb aber auf die Bemerkung hin, dass dies auch nicht nötig sei, und hielt sein Gegenüber dann doch wieder für geisteskrank. Deshalb sagte er, nachdem er das kurze Empfehlungszeugnis für Mr. Benjamin Williams geschrieben hatte, mit aller heilberuflichen Mitmenschlichkeit, derer er noch fähig war: »Sie wollen sich also hier in der Gegend um eine Stellung bewerben, Mr. Williams? Aber warum haben Sie das denn nicht gleich gesagt? Ich werde natürlich sofort mit meinem Verwalter reden und …«

»Ziehen Sie Ihre Kleider aus, Sir!«

»Warum?«, fragte der Arzt und fühlte, wie erneut ein unkontrollierbares Zittern seinen Körper durchflutete.

»Sagen wir, ich brauche einen gewissen Vorsprung«, log John, um Lemuel Willard in Sicherheit zu wiegen, und schluckte bitter, als diese Lüge ihren Zweck erfüllte.

Natürlich, dachte Willard, ohne Kleider werde ich natürlich etwas länger brauchen, um Alarm zu schlagen, und die zweifelhafte Logik dieser Überlegung ließ ihn allen Stolz eines Ritters des Südens vergessen. Das nackte Leben, nichts als das nackte Leben! Diese Worte rasten durch seinen Kopf, aber er war doch auch schon wieder ruhig genug, um über die rhetorischen Möglichkeiten nachzudenken, die dieser Umstand ihm bei seinen späteren Berichten darüber bieten würde. Widerstandslos stieg er aus seinen Kleidern und drehte sich auf eine entsprechende Aufforderung hin sogar zum Fluss um.

Er sah den Mississippi durch die niedrigen Bäume schimmern, dachte daran, wie oft er als Junge schwimmen gegangen war und warum er es eigentlich so lange nicht mehr getan hatte. Fast glaubte er, das Wasser bereits auf seiner Haut zu spüren, hörte das leise Rauschen der Strömung und zuletzt einen scharfen Knall.